Wahrheit oder Ware?

Debatte um Religion und Weltanschaung auf dem 5. Kölner Forum für Journalismuskritik mit Klaus Pfeffer (1.v.l.), Ingrid Matthäus­Maier (2.v.l.), Michael Schmidt-­Salomon (2.v.r.) und Lale Akgün (1.v.r.)
Foto: Deutschlandradio/David Ertl

In einer Zeit, in der sich der Wahrheitsbegriff drastisch verändert hat, ist das Forum für Journalismuskritik inzwischen eine feste Einrichtung. Auch die fünfte Ausgabe in Köln, zu der die Initiative Nachrichtenaufklärung (INA) e.V. und die Nachrichtenredaktion des Deutschlandfunks eingeladen hatten, bot mehr als genug Diskussionsstoff. Klares Resümee: Journalismus als wichtige Stütze der Demokratie, so wie wir ihn kennen, steht mehr unter Druck denn je.

Geht die Abwärtskurve bei den Printauflagen so weiter wie bisher, wird im Jahr 2034 die letzte Zeitung gedruckt. Das hatte der Eichstätter Journalistik-Professor Klaus Meier vor kurzem errechnet. „Wer macht dann Journalismus, wenn es keine Zeitungen mehr gibt? Sind Journalisten überhaupt noch für die Wahrheit zuständig?“ Das fragte Hektor Haarkötter von INA in der Domstadt.

Das Außenwerbungs- und Online-Unternehmen Ströer hatte 2015 von der Deutschen Telekom das Informations- und Unterhaltungsportal „t-online“ gekauft und bietet jetzt selbst journalistische Inhalte an. Dabei kam auch ein Chat Roboter zum Einsatz. Sehr erfolgreich scheint das nicht gewesen zu sein, denn letztes Jahr zogen die Verantwortlichen für die Nachrichten App Resi „den Stecker“, wie Martin Hoffmann von Ströer es formulierte. Er warnte aber auch: „Es gibt nicht nur ‚ein‘ Internet. Im Netz kapseln sich die verschiedensten Einheiten ab.“ Und die sind dann zunehmend resistent gegen Wahrheiten, die nicht ihrem Weltbild entsprechen – ein idealer Nährboden für Fake News aller Art.

Tanit Koch (RTL) und Martin Hoffmann (Ströer) beim Deutschlandfunk in Köln
Foto: Deutschlandradio/David Ertl

Auch wenn viele Experten immer wieder bestätigen, dass in Deutschland eine gute Situation für unabhängigen Journalismus herrsche, sollte eine gewisse Skepsis gegenüber dieser Sicht erhalten bleiben. Das brachte zumindest die Geschäftsführerin von n-­tv und Chefredakteurin der Zentralredaktion der Mediengruppe RTL Tanit Koch zum Ausdruck: „Google ist ein Monopolist mit 95 Prozent Marktanteil, wenn man dort bei der Suche nicht auf Seite Eins steht, existiert man für viele Menschen nicht mehr.“

Einfluss der Kirchen auf die Medien

Eine weitere Diskussion entzündete sich in Köln am Einfluss der Kirchen auf die Medien. Das kritisierte besonders Ingrid Matthäus-Maier. Die Politikerin, zudem Mitglied im Rundfunkrat des WDR, wies darauf hin, dass nur noch 50 Prozent der Deutschen Mitglied in einer der beiden christlichen Konfessionen seien: „Aber das spiegelt sich nicht in den Medien wider. Allein in den letzten drei Monaten hat beispielsweise der Deutschlandfunk 16 Gottesdienste übertragen.“

Der Vorstandssprecher der Giordano-Bruno-Stiftung Michael Schmidt-Salomon beschrieb ergänzend die Doppelfunktion vieler Akteure in Kirche und Medien. Katholische Nachrichten-Agentur oder Evangelischer Pressedienst zum Beispiel streuten oft „gelenkte“ Meldungen, die in Zeiten wirtschaftlicher Schwierigkeiten ohne Überprüfung von vielen Medien übernommen würden: „Bei der ZDF Reihe ‚37 Grad‘ gibt es drei Redaktionen – eine katholische, eine evangelische und eine unabhängige.“ Matthäus-Maier und Schmidt-Salomon waren sich einig: Nur die Politik könne diese Verquickung von Politik und Kirche auflösen.
Als „verheerend“ beurteilte die frühere SPD-Bundestagsabgeordnete Lale Akgün die bevorzugte Darstellung von orthodoxen Muslimen: „Dort sieht man eher die exotischen Muslime mit Hijab oder einem weißen Nachthemd. Dadurch entsteht ein Bild von Muslimen, das rechte Parteien befeuert.“

Der Generalvikar vom Ruhrbistum Essen, Klaus Pfeffer, konnte viele der Einwände nicht teilen. Berichte über die Kirche in den Medien seien oft skandalisierend oder folkloristisch. Die Wahrheit liege in der Mitte: „Und um bestimmte Auseinandersetzungen, etwa über Abtreibung oder Sterbehilfe, kommt die Gesellschaft nicht herum“ – unabhängig von Positionen der Kirche.

Recht braucht Öffentlichkeit

Die letzte Diskussion berührte ein weiteres sensibles Thema: die Vermittlung von juristischen Entscheidungen sowie Sachverhalten an die Öffentlichkeit. „Recht braucht Öffentlichkeit, weil die Diskussion über Wahrheit, Gerechtigkeit und Ausgleich eine öffentliche Angelegenheit ist“, bekannte der ehemalige Vorsitzende Richter des zweiten Strafsenats am Bundesgerichtshof Thomas Fischer. Aber: „Justiz und Medien funktionieren nach völlig anderen Regeln. Es wird auf beiden Seiten viel falsch gemacht.“ Traditionell gebe es eine große Scheu der Justiz vor der Medienöffentlichkeit. Richter, die sich an die Öffentlichkeit wendeten, würden von der Zunft schnell als „Wichtigtuer“ eingeschätzt.

Bestätigt wurde das von Renate Jaeger, ehemalige Richterin am Bundesverfassungsgericht und am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte: „Schon allein, dass Gerichtsverhandlungen öffentlich stattfinden, musste erstritten werden, heute scheint das zu verschwinden, weil wir so viele schriftliche Verfahren haben.“ Die Justiz schätze das Öffentliche nicht – aus Angst vor Blamage.
Allerdings, so Fischer, verfügten Journalisten oft nicht über die ausreichende Sachkunde, um juristische Arbeit zu bewerten und zu vermitteln: „Das wird in der Berichterstattung häufig durch Haltung ersetzt. Aus Sicht eines Rechtswissenschaftlers, der immer am Prinzip interessiert ist, ergeben sich daraus Spannungen.“

Günter-Wallraff-Preis für Journalismuskritik an Raif Badawi

Das Forum in Köln endete traditionell mit der Verleihung des Günter-Wallraff-Preises für Journalismuskritik. Er ging in diesem Jahr an den inhaftierten saudischen Blogger Raif Badawi und das „European Journalism Observatory“ (EJO).

Ensaf Haidar nahm den Günter Wallraff Preis für ihren Mann Raif Badawi entgegen.
Foto: Deutschlandradio/David Ertl

Raif Badawi ist in Saudi-Arabien wegen seiner publizistischen Tätigkeit zu zehn Jahren Haft, 1.000 Peitschenhieben und einer hohen Geldstrafe verurteilt worden. Ensaf Haidar nahm den Preis für ihren Mann entgegen. Sie sagte, es sei eine Pflicht, die Freiheit des Denkens und die Menschenrechte zu verteidigen. Veränderungen fänden nicht statt, solange man zulasse, dass „die Angst uns zum Schweigen“ bringe.

Der Investigativjournalist Günter Wallraff, Namensgeber der Auszeichnung und INA-Ehrenmitglied, sagte, Badawi sei ein Visionär, dessen Bedeutung über die Kritik am saudischen Gottesstaat hinausreiche. Mit der Auszeichnung ehre man nicht nur einen bewundernswerten Menschenrechtler. Es gehe auch um ein Zeichen gegen das Vergessen, denn um Raif Badawi sei es zu leise geworden. So sehr er unsere Solidarität benötige, so sehr brauchten wir seine Stimme. Darum sei es auch nötig, den Druck auf Saudi-Arabien zu erhöhen.

In ihrer Laudatio wies Dlf-Chefredakteurin Birgit Wentzien darauf hin, dass auch Badawis Anwalt inhaftiert sei, ebenso seine Schwester Samar. Sie betonte auch an die Adresse von Ensaf Haider: „Wir sind an ihrer Seite.“

Europäisches Journalismus-Observatorium ausgezeichnet

Wentzien ging in ihrer Laudatio auch auf den zweiten Preisträger ein, das „Europäische Journalismus-Observatorium“. Sie hob hervor, das EJO sei ein „im besten Sinn europäischer Beobachtungsposten“. Das EJO beobachtet und vergleicht Journalismus-Kulturen in Europa und in den USA. Es hat sich zur Aufgabe gesetzt, die Qualität im Journalismus zu stärken und zu einem internationalen objektiven Informationsaustausch beizutragen. Die Jury bescheinigt dem EJO mit Forschern aus 14 Ländern, einzigartig in seiner Funktion als Brückenbauer zwischen den Journalisten und dem Journalismus in Europa zu sein.

Der Günter-Wallraff-Preis für Journalismuskritik wird von der „Initiative Nachrichtenaufklärung“ (INA) verliehen. Das Preisgeld von insgesamt 10.000 Euro geht zu gleichen Teilen an das EJO und an Raif Badawi.

nach oben

weiterlesen

Starker Journalismus in Zeiten der Krise

Mit einem klaren Ja konnte der 34. Journalismustag der dju in ver.di die Frage beantworten, ob der Journalismus auch in Zeiten der Corona-Pandemie seine Funktion als Gatekeeper erfüllt. In der digitalen Konferenz hielten sich Wertschätzung und Forderungen nach noch mehr Qualität – etwa durch konsequentes Hinterfragen bei Politik und Wissenschaft oder auch mehr Publikumsnähe – dennoch die Waage. Besonderheit 2021: Nur wenige Referent*innen waren am 23. Januar im Berliner ver.di-Haus vor Ort. Doch konnte sich per Livestream jede*r Interessierte zuschalten. Bis zu 500 nutzten diese Gelegenheit, dabei zu sein.  
mehr »

Angriffe auf Journalisten mehr als verdoppelt

Im vergangenen Jahr gab es bundesweit 252 Straftaten, die sich "gegen Medien" richteten. Darunter 22 Körperverletzungen, 33 Sachbeschädigungen, vier Brandstiftungen, mehr als 29 Fälle von Bedrohung und Nötigung, Volksverhetzung, Raub, Erpressung und diverse Propagandadelikte. Die Zahl der Vorfälle hat sich im Vergleich zu den Vorjahren mehr als verdoppelt, wie die Bundesregierung auf Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion bestätigte.
mehr »

In Bezug auf Trump an die eigene Nase fassen

Wenn die Präsidentschaft von Donald Trump am 20. Januar beendet ist, bleiben für Journalist*innen, Medienunternehmen und Social-Media-Plattformen einige Fragen offen: Warum hat man Trump so lange nicht ernst genug genommen, die Wirkung seiner Anschuldigungen und Lügen unterschätzt und ihn ungestraft Regeln brechen lassen? „Bei Trump müssen wir uns an die eigene Nase fassen“, meinte Dorothea Hahn beim Mediensalon.
mehr »

Zweite Runde: ver.di vs. Prinz von Preußen

In einer juristischen Auseinandersetzung mit Georg Friedrich Prinz von Preußen hat die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft Berufung beim Kammergericht Berlin eingelegt. Damit wehrt sich ver.di gegen eine auf Antrag des Prinzen von Preußen erlassene Einstweilige Verfügung des Landgerichts Berlin. Gegenstand ist eine Äußerung in einem Artikel des ver.di-Medienmagazins „Menschen Machen Medien“ vom Juli 2020.
mehr »