FreeDeniz: Yücel liest erstmals öffentlich 

„Auf die Freiheit“ – unter diesem Motto stand der erste öffentliche Auftritt des Journalisten Deniz Yücel nach seiner Freilassung aus türkischer Isolationshaft am 24. März in Berlin. Eingeladen hatte die Initiative „#FreeDeniz“. Im ausverkauften Festsaal Kreuzberg bedankte sich Yücel bei seinen Unterstützern für ihr Engagement: „Das hat mir viel Kraft gegeben.“ Verbunden war das Solidaritäts-Event mit der Präsentation von Yücels teilweise in der Haft entstandenem Buch „Wir sind ja nicht zum Spaß hier“.

Notizen für einige der publizierten Texte hatte der Journalist sich während der Haft im Hochsicherheitstrakt unter anderem im Klassiker „Der kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry gemacht. Das mit seinen Kassibern gespickte Bändchen war später in einem Wäschesack aus der Haftanstalt geschmuggelt worden.

Yücels Anwalt Veysel Ok erinnerte daran, dass trotz Haftentlassung die Anklage gegen seinen Mandanten weiterhin bestehe. Die türkischen Behörden werfen Yücel „Propaganda für eine Terrororganisation“ und „Aufstachelung des Volkes zu Hass und Feindseligkeit“ vor. Darauf steht in der Türkei eine Freiheitsstrafe von vier bis 18 Jahre. Die Fortsetzung des Prozesses gegen den Journalisten ist auf den 28. Juni terminiert. Es dürfe auch nicht vergessen werden, dass weiterhin an die 150 Journalist_innen in türkischer Haft seien.

Dass die Türkei es mit der Verfolgung von Erdogan-Gegnern weiterhin erst meint, belegt ein Bericht der Zeitung BirGün. Demnach hat die türkische Staatsanwaltschaft ihren Terror-Verdachtsvorwurf auf eine Vielzahl von Gesprächspartnern des Welt-Korrespondenten Yücel ausgeweitet. So würden 59 Oppositionspolitiker, Anwälte und Journalisten in der Türkei wegen ihrer Kontakte zu dem Journalisten ebenfalls als potenzielle Staatsfeinde eingestuft.

Yücel trug einige Texte aus seinem Buch vor. Das Schreiben habe ihm geholfen, die Einzelhaft in seiner 3 mal 4 Meter kleinen Zelle zu überstehen. Dabei habe er sich an einem Satz von Nazim Hikmet orientiert: „Es geht nicht darum, gefangen zu sein, sondern darum, dass man sich nicht ergibt.“ Der Journalist beschrieb seine Stimmungsschwankungen während der Haft. „Die Verhaftung von Deniz Yücel bereitet uns große Sorgen“ – dieser Satz von Bundeskanzlerin Angela Merkel zu Beginn seiner Leidenszeit sei für ihn nicht gerade eine Ermutigung gewesen. Erst als er Ende 2017 in Berichten der regimetreuen türkischen Presse vom „Terroristen“ zum „Welt-Korrespondenten“ mutiert sei, habe er an die Möglichkeit einer baldigen Freilassung geglaubt.

Der Solidaritätsabend wurde abgerundet durch kurze Auftritte von Yücels Ehefrau Dilek Mayatürk, Welt-Chefredakteur Ulf Poschardt sowie von Moderator Jan Böhmermann.

 

nach oben

weiterlesen

Buchtipp: Social Media fördern Brandstifter

Die knallorange Warnfarbe des Buchcovers signalisiert, dass es um etwas Bedrohliches geht: die Demokratie ist in Gefahr, weil Soziale Medien Rechtsextremismus befördern. Konfliktforscher Maik Fielitz und Sozialwissenschaftler Holger Marcks analysieren, wie Rechtsextreme die Funktionsmechanismen digitaler Plattformen nutzen, um ihre faschistischen Bedrohungsmythen zu verbreiten. Sie loten Möglichkeiten zur Rettung des demokratischen Diskurses aus, etwa durch Regulierung der Techunternehmen.
mehr »

Nach 10 Jahren HbbTV: Da geht noch mehr

Seit dem Start des Hybridfernsehens HbbTV vor zehn Jahren bauen große Sendergruppen wie kleine Regionalanbieter solche Angebote kontinuierlich aus, mit umfassenden Diensten für den Nutzer und in der Hoffnung auf neue Reichweiten und zielgerichtete Werbung. Der Wettstreit zwischen Fernseh- und Online-Werbung soll endlich begraben werden. Während sich Öffentlich-Rechtliche mit sogenannten „Addressable Ads“ schwertun, sagt der kommerzielle Markt: Da ist noch mehr drin.
mehr »

Neue Verhaltensregeln für Medien und Polizei

Der Deutsche Presserat hat der Innenministerkonferenz einen Vorschlag über zeitgemäße gemeinsame Verhaltensgrundsätze für Polizei und Medien vorgelegt. Es sei höchste Zeit, dass Journalistinnen und Journalisten bei Demonstrationen und Großveranstaltungen besser geschützt werden und ungehindert arbeiten können, erklärte Sascha Borowski, Sprecher des Deutschen Presserats, zur aktuellen Vorlage.
mehr »

Schon entdeckt? femMit

„Gleichberechtigung wartet nicht, bis sich die Pandemie ausgetobt hat“, sagt Romina Stawowy. Ziel der Medienfrau ist es, weibliche Vorbilder sichtbar zu machen. Weil das auf einer von ihr geplanten Konferenz in diesem Jahr nicht ging, startete sie das Magazin femMit. Die Schwerpunkte in der ersten Ausgabe: die Folgen der Corona-Krise für Frauen und Hass im Netz. Großen Wert legt die Redakteurin auf persönliche Geschichten und Porträts.
mehr »