Freier – Wer sind Sie denn?

Oder: Von den Knüppeln zwischen den Beinen der nicht fest angestellten Journalisten

Vor zwei Jahren wagte ich den Schritt in die Selbstständigkeit. Nach langen Tagen und endlosen Nächten in den Redaktionsstuben des Landes, von der kleinen Heimatzeitung über Werbung bis zur vornehmen Wochenzeitschrift, glaubte ich an mich und nahm eine Herausforderung an. Ich wurde frei. Die Kollegenschelte fing bei „mutig, mutig“ an und ging bis zu „er braucht das wohl persönlich.“ Mit der letzteren Bemerkung war sicher auch mein fortgeschrittenes Lebensalter gemeint. Immerhin war ich doch schon über 50.

Zielstrebig ging ich an die Sache heran. Das Konzept: Bei der Publikumspresse wird das Geld verdient, bei der Fachpresse die journalistische Berufung verwirklicht. Eine genaue Marktanalyse verbunden mit dem Abwägen aller Möglichkeiten brachte mich zum Fachgebiet Medizin. Gemeinsam mit Kollegen reichte es zu einem Redaktionsbüro und hoffungsfroh knüpften wir Kontakte. Forschende Pharmaindustrie, Presseclubs, Agenturen, Kollegen und Vertriebe, den Stamm und Kroll rauf und runter. Mustermappen und Arbeitsproben wurden in alle Welt versandt. Wir motivierten uns selbst. Lange genossen wir es, uns am Telefon dem Gesprächspartner als „Freier“ vorstellen zu dürfen. Selbstbewusstsein ist das richtige Wort. Nur kann man vom Stolz nicht leben.

Messbare Erfolge

Die Pharmaindustrie weiß die Pressearbeit bei den Agenturen gut aufgehoben. Die Erfolge sind messbar, die Ausschnittdienste liefern jeden noch so kleinen Beitrag. Jeder hat eine Hitliste für die Einladung der gewünschten Zielgruppe. Laienpresse mit Mindestauflage? – kein Problem. Fachpresse mit intellektuellem Hintergrund – ein Knopfdruck und die Einladungen fliegen durch das Land. Radio Magazinsendung mit Background oder TV mit öffentlich-rechtlicher Tiefe, alles geht.

Auf der falschen Liste

Doch nicht jede Redaktion hat für alles eine Kraft. Und da sollten wir Freie ins Spiel kommen. Kommen wir aber meist nicht. Nehmen wir mal den fiktiven Fall: Ich erfahre von einer Fachpressekonferenz und greife zum Telefon. „Wer sind Sie? Für wen schreiben Sie. Wo kann ich etwas von Ihnen lesen?“ Alle Fragen werden wahrheitsgemäß und wunschgemäß beantwortet, manchmal auch die Übersendung einer Mappe angeboten. Danach ist Schluss, nicht immer – aber immer öfter. Da aber oft bereits ein konkreter Manuskriptauftrag hinter dem Anruf steckt, wartet man geduldig. Kurz vor dem Termin dann die erneute Rückfrage, sie bringt das Aus. Entweder hat der Auftraggeber den Kreis begrenzt, man ist in der falschen Liste drin („nein, sie schreiben doch für den Rundfunk, das wollen wir noch nicht“) oder es wird gerade noch die Übersendung der Pressemappe versprochen. Meine Kollegen werden uns recht geben: Aus einer Pressemappe einen guten Artikel in einer Fachzeitschrift zu zaubern ist sehr zeitintensiv. Und ich maße mir an, so etwas beim Lesen zu erkennen. Es ist zu erkennen, ob der Journalist bei einer Diskussionsrunde dabei war oder die Statements der Unterlagen publiziert.

Aber eine andere Sorte Spezies habe ich auch kennen gelernt. Jene „Presseausweisbesitzer“, die noch nie eine Zeile geschrieben, oder ein Wort gesendet haben. In Zeiten voller Kassen füllten sie die Zuhörertische der Pressekonferenzen, glänzten durch excellente Fragen und reisten nach dem touristischen Beiprogramm ab. Der Abrechnungszettel einer Pressemappe war die einzige Arbeitsunterlage. Jede Agentur hat solche Schlitzohren mal gehabt und es soll sie immer noch geben. Davor müssen sich die Veranstalter schützen. Einverstanden, aber deshalb ist doch nicht jeder Freier ein solch böser Bube.

Peinliche Themen

Eine weitere Unart: Beim zwanglosen Gespräch unter Kollegen vor oder nach der Konferenz fragte mich jemand: „Für wen schreiben sie denn über diese Veranstaltung?“ Ich war ehrlich. Mit der Folge, dass am nächsten Tag bei Ablieferung meines Manuskripts in der Redaktion bereits von der werten Kollegin geliefert worden war. Ob das auch Mobbing ist?

Das Thema Reisekosten ist für uns peinlich. Da wir aber so eine kleine Zwischenbilanz unseres Abenteuers ziehen wollen, möchten wir es auch ansprechen. Für einen Trip in die Städte der Präsentationen veranschlage ich einmal rund fünf Stunden. Es folgt eine etwa zweistündige PK, und die reine redaktionelle Arbeit ist noch einmal mit drei Stunden anzusetzen. Zehn Stunden Beschaffungskosten. Denn Zeit ist Geld. Da nehme ich die angebotene Reisekosten-Abrechnung gern an. Deshalb habe ich nicht das Gefühl käuflich geworden zu sein.

Offener Umgang

Über eine Lösung der inzwischen sehr verfahrenen Situation haben wir lange nachgedacht. Wenn nun beide Seiten offen mit einander umgehen könnten, es wäre leichter. Der Freie ist doch selbst an der Vermarktung interessiert. Er ist traurig und manchmal auch verärgert, wenn er ein Super- Manuskript nicht los wird. Aber er kann auch nicht stundenlang hinter einem Belegexemplar seiner Arbeit hinterher telefonieren. Oft weiß er auch nicht, wer nun wann sein Produkt publiziert hat. Wenn es honoriert wurde, reicht uns das. Und die Trennung zwischen Fach- und Laienpresse ist nicht mehr zeitgemäß. Nach einer Fachpressekonferenz können Fachleute auch über „normale Medien“ auf Neuigkeiten aufmerksam werden. Gerade im Gesundheitswesen wird der aufgeklärte Patient doch gewollt. Der Fachjournalist macht sein Wissen in der Publikumspresse gern zu Geld.

Mit Herz bei der Sache

Freie, und das ist unser Thema, sind notwendig. Sie erschließen den Agenturen und Veranstaltern neue Möglichkeiten der Verwertung journalistischer Tätigkeiten. Sie sind eine Bereicherung der Szene.

Wir haben als Freie viel von dem Enthusiasmus des Beginns verloren, aber wir sind immer noch mit Herz bei der Sache. Unser finanzielles Startpolster reicht noch für einige Wochen. Ich bin gerne Freier.

 

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