Für Altersvorsorge bleibt nichts übrig

Oliver K. Wunk als Ulf Steinke, Christoph Maria Herbst als Bernd Stromberg und Bjarne I. Mädel als Ernie (v.l.n.r.) beim Fototermin zu "Stromberg - Der Film" in Arnsberg im März 2013
Foto: ddp images/Steffens

Die Ausbildung ist beendet, der Traum zum Greifen nah, und dann heißt es warten – auf eine Chance, die womöglich nie kommt. Es gibt rund 26.000 Schauspieler*innen in Deutschland. Nicht mal jeder Zehnte kann von dem Beruf leben. Trotzdem werden es von Jahr zu Jahr mehr, weil der Berufseinstieg längst nicht mehr nur über eine Schauspielschule erfolgt. Selbst eine klassische Ausbildung ist jedoch keine Garantie für Arbeit; oft stehen dann viele vor dem Nichts.

Hans-Werner Meyer, Hauptdarsteller der ZDF-Serie „Letzte Spur Berlin“, ist Vorstandsmitglied beim Bundesverband Schauspiel und kritisiert seit Jahren, dass seine Kolleginnen und Kollegen regelmäßig durchs soziale Netz fielen, denn die wenigsten könnten einen Anspruch auf Arbeitslosengeld erwirtschaften. Der Hintergrund ist kompliziert: Weil Schauspieler*innen bei Kino- oder Fernsehproduktionen häufig nur tageweise engagiert werden, gelten sie als „unständig Beschäftigte“ und haben daher keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld. Meyer kennt viele, die sich mit Zweitjobs über Wasser hielten, um nicht in Hartz IV abzurutschen. An Altersvorsorge sei unter solchen Umständen kaum zu denken: „Die staatliche Rente ist selbst bei vielbeschäftigten Film- und Fernsehschauspieler*innen wegen der befristeten Beschäftigungen sehr niedrig. Wer im Alter halbwegs gut leben möchte, muss privat vorsorgen.“ Das wiederum sei vielen während der Corona-Zeit zum Verhängnis geworden: „Schauspieler*innen ohne Festanstellung konnten eine vereinfachte Grundsicherung beantragen, aber die wird nur gewährt, wenn kein ‚erhebliches Vermögen’ vorhanden ist.“ Der Richtwert beträgt 60.000 Euro.

Oliver Wnuk rät jungen Schauspieler*innen daher, unbedingt noch nach anderen künstlerischen Talenten zu schürfen: „Können sie schreiben, malen oder Musik machen? Das ist zwar im Zweifelsfall ebenfalls alles brotlos, wie mein Vater zu sagen pflegte, aber man kann ja auch von mehreren kleinen Brötchen satt werden.“ Der Schauspieler („Stromberg“) gehört dank regelmäßiger Hauptrollen unter anderem in der ZDF-Krimireihe „Nord Nord Mord“ seit zwei Jahrzehnten zu den eingangs erwähnten glücklichen zehn Prozent. Trotzdem hat auch er nach anderen Talenten gesucht. Bei ihm ist es vor allem das Schreiben: Nach zwei Romanen sowie mehreren Hörspielen und Bühnenstücken ist mittlerweile auch sein erstes Drehbuch verfilmt worden („Das Leben ist kein Kindergarten“, am 25. September im „Ersten“). Einen zweiten Rat für Berufsanfänger hat er gleichfalls selbst beherzigt: „Junge Schauspieler sollten von Anfang an sparen. Daran denkt man mit Anfang oder Mitte zwanzig noch nicht, aber es ist ganz wichtig, sich einen finanziellen Schutz zu schaffen.“ In der Praxis heiße das: „Ausrechnen, was man mindestens im Monat braucht, und diese Summe mal zwölf nehmen. Diesen Betrag sollte man immer verfügbar haben, aber nur im absoluten Notfall nutzen. Wenn man sich den angespart hat, lebt es sich wesentlich freier.“

Bleibt der Notgroschen unangetastet, kann er als zusätzliche Altersvorsorge dienen; kaum ein Berufsstand ist so sehr von Altersarmut bedroht. Schauspieler*innen können zwar theoretisch bis zum letzten Atemzug vor der Kamera stehen, aber es gibt viel mehr Rollen für Jüngere; das gilt vor allem für Schauspielerinnen. Für viele Berufsanfänger*innen sind solche Gedanken allerdings erst mal zweitrangig; sie wollen vor allem spielen und fragen sich, wie sie an Rollen kommen. Nützliche Tipps finden sich in einem Buch mit dem treffenden Titel „Überleben im Darsteller-Dschungel“ (Schüren-Verlag). Autor Mathias Kopetzki ist seit zwanzig Jahren Schauspieler und weiß daher, wovon er schreibt. Sein Ratgeber besteht unter anderem aus einigen Dutzend Interviews, die er mit Vertreter*innen aller möglichen Filmsparten geführt hat.

Das Buch befasst sich unter anderem mit der Frage, ob man als Schauspieler*in eine Agentur braucht. Agentinnen und Agenten sorgen dafür, dass man Rollen bekommt, im besten Fall solche, die Schauspieler*innen fordern und fördern. Wnuk berichtet von einem ständigen Streitpunkt zwischen ihm und seiner Agentin Andrea Lambsdorff, die ihn seit über zwanzig Jahren vertritt. Sie lege großen Wert auf Inhalt und Anspruch „und fragt sich bei einem Projekt als erstes, ob es mich künstlerisch weiterbringt. Das ist mir natürlich ebenfalls sehr wichtig. Ich sehe mich aber auch als kreativen Unternehmer, denn ich muss von meinem Beruf leben. Ich kann nicht einen Low-Budget-Film nach dem anderen drehen, selbst wenn die künstlerische Herausforderung vielleicht größer ist als bei manch’ einer TV-Produktion. Ich stelle mich gern für Projekte zur Verfügung, die großen Aufwand erfordern und wenig Ertrag bringen, aber anschließend muss ich natürlich auch wieder was arbeiten, was mir den Lebensunterhalt sichert.“ Er betrachtet das als „gesunde Mischkalkulation: Das Verhältnis muss stimmen.“ Erfolg, sagt Wnuk, „ist zudem oft eine Frage des Glücks, weil man den richtigen Film zur richtigen Zeit gedreht hat oder einem Phänotyp entspricht, der gerade gefragt ist; Schauspieler sind ja auch Projektionsfläche.“ Kein Wunder, dass Meyers Resümee wenig ermutigend klingt: „Diesen Beruf sollte man nur ergreifen, wenn man so verrückt ist, sich auf die Bedingungen einzulassen. Dafür braucht man viel Leidenschaft und große Nehmerqualitäten.“

 

Mathias Kopetzki: „Überleben im Darsteller-Dschungel. Wegweiser für freischaffende SchauspielerInnen“. Schüren-Verlag, Marburg. 368 Seiten, 24,90 Euro.

 

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