Für mehr Kritikfähigkeit

Erfahrung, ein dickes Fell und Unabhängigkeit gegenüber der Redaktion gehören zur Ausstattung erfolgreicher Leseranwälte

Ein Büro im Neubau der Frankenpost an der Poststraße in Hof, zwei Schreibtische, drei Telefone. Zwei davon stehen auf dem Tisch von Kerstin Dolde, denn sie ist nicht nur Lokalredakteurin, sondern vor allem „Leseranwältin“ ihrer Zeitung. Bei ihr laufen seit zwei Jahren die verschiedenen Stränge der Leser-Blatt-Bindung zusammen: Sie beantwortet Fragen und Kritik zur Zeitung, aber auch zu anderen Themen. Sie organisiert Diskussionsrunden mit Lesern in den verschiedenen Gemeinden des Verbreitungsgebiets. Sie kümmert sich um die Leserbriefe, moderiert den zwölfköpfigen Leserbeirat der Frankenpost und ist die Verbindung der Redaktion zur Rechtsabteilung des Verlags.

Kerstin Dolde, Ombudsfrau der Frankenpost Foto: Frankenpost
Kerstin Dolde, Ombudsfrau
der Frankenpost
Foto: Frankenpost

Die meisten Leserinnen und Leser wenden sich mit ihren Anliegen per Telefon an die „Leseranwältin“, deshalb der zweite Apparat auf ihrem Schreibtisch mit einem eigenen Anrufbeantworter. Dabei geht es keineswegs immer um eine Kritik an den Texten oder Bildern der Zeitung. Vielfach erhoffen sich die Fragenden einen Tipp zu ganz anderen Dingen wie etwa das Verreisen mit Tieren, das Bestehen eines Wohnrechts oder das Funktionieren des Lastenausgleichs. Hier vermittelt Dolde im Rahmen ihrer Möglichkeiten und mit ihrer Erfahrung aus über 20 Jahren in der Lokalredaktion, nennt Ansprechpartner, fragt bei Behörden nach und berichtet über die allgemein interessierenden Themen in einer täglichen Kolumne unter der Überschrift „Die Sache mit…“.
Aber Kritik an der Zeitung gibt es natürlich auch. Zum Beispiel, als die Frankenpost in einem neuen Layout graue Kästen einführte. Dass dies für Diabetiker sehr schwer zu lesen ist, war niemandem in der Redaktion bewusst. Die Leseranwältin fragte nach beim Bayerischen Blinden- und Sehbehindertenbund und erhielt eine Broschüre über gut lesbare Farbzusammenstellungen, die dann am Grafikdesk der Zeitung ausgewertet wurde.

Leserbeschwerden

Den letzten größeren Proteststurm bescherte Dolde die Wahl des Papstes Franziskus, die noch am späten Abend in die eigentlich fertige Seite 1 eingefügt wurde. Dass dadurch direkt unter dem Artikel zur Papstwahl ein seit längerem geplanter Text zu sexuellem Missbrauch in Kirchenkreisen stand, empfand mancher Leser als Absicht und gezielte Geschmacklosigkeit. In zehn Tagen hat ihr Telefon deswegen gut 80 Mal geläutet. Dolde erklärte in ihrer Rubrik „Auf ein Wort“ die zeitlichen Abläufe in der Redaktion und bat um Verständnis für dieses ungewollte Zusammentreffen.
Über die Leserbeschwerden berichtet Kerstin Dolde monatlich den Ressortleitern. In Rundbriefen will sie die festen und freien Kolleginnen und Kollegen sensibilisieren für Themen oder Formulierungen, die Leser missverstehen oder zum Protest veranlassen könnten. Sie sieht die Leseranwältin auch als eine Funktion, die die seltener werdende Blattkritik in Redaktionskonferenzen etwas ausgleichen kann. „Es geschieht immer häufiger, dass sich Kolleginnen und Kollegen bei mir melden und fragen, ob sie bestimmte Sachen so machen können.“
Für Kerstin Dolde ist die Arbeit als Leseranwältin kein „Strafposten“, auch wenn manche Kollegen dies nur ungern selbst machen würden. Für sie ist es eine Rolle, die sie gern und aus Überzeugung ausfüllt, „denn die Leser sind unser Kapital.“ Und man muss die Leser mögen, sagt sie mit einem Lächeln, sonst ist man als Leseranwältin auf dem falschen Platz.
Da sie mit ihrer Arbeit jedoch einen klassischen Einzelkämpferposten hat, ist sie froh über die Verbindung der bisher zehn Ombudsleute an deutschen Zeitungen, um sich mit den Kolleginnen und Kollegen über die Arbeit austauschen zu können. Eigentlich sollte dies Mitte Juni bei einem Treffen in Augsburg wieder der Fall sein, doch die Tagung „Ombudsleute in den Medien“ musste wegen Terminüberschneidungen abgesagt werden. Anton Sahlender, Mitglied der Chefredaktion der Mainpost und Leseranwalt dort, ist die Enttäuschung darüber deutlich anzuhören. Seit fast zehn Jahren kümmert er sich inzwischen in Würzburg um Leserbeschwerden und ist die treibende Kraft in der Vereinigung der Ombudsleute. Zu den von ihm eingeladenen Referenten gehörte auch der Vorsitzende der „Organization of News Ombudsmen“ (ONO), Stephen Pritchard von The Observer.
Aber Sahlender gibt nicht auf, ein neuer Anlauf für den November ist geplant. Verstehen kann er nicht, dass das Interesse am Leseranwalt in anderen Verlagen so gering ist. „Wenn jemand da ist, der auf die Ethik achtet, wird in der Redaktion auch das Bewusstsein für Rechtsfragen geschärft“, ist sich Sahlender sicher. Und das zahle sich für den Verlag auf jeden Fall aus, nicht nur bei der Glaubwürdigkeit und der Qualität der Zeitung. Immerhin ist mit Ralf Nehmzow, dem „Leserbotschafter“ des Hamburger Abendblatts, in Los Angeles gerade ein deutscher Medienombudsmann in den Vorstand der ONO gewählt worden.

Zusammenarbeit mit dem Presserat angestrebt

Die „Leitlinien“ der Mainpost kann jeder Leser auf der Internetseite der Zeitung nachlesen. Sie basieren auf dem Pressekodex des Deutschen Presserats, mit dem Sahlender eine engere Zusammenarbeit sucht. In einer redaktionsinternen Gruppe der Mainpost werden sie weiterentwickelt. „Der Journalismus erklärt sich zu wenig, wir müssen den Journalismus durchschaubar machen“, fordert Sahlender energisch. Ein Medienombudsmann ist für ihn „der glaubwürdigste Teil der Medienselbstkontrolle“, unterstreicht der Würzburger. „Deshalb wollen wir mehr Häuser dafür gewinnen, solche Stellen einzurichten.“ Außerdem wünscht er sich, dass sich die Medienwissenschaftler mehr mit diesem Thema beschäftigten.
Dass der Ton zwischen Leser und Leseranwalt manchmal rau sein kann, zeigen die Auseinandersetzungen über eine Karikatur zum Konklave in Rom, die mancher Leser als anstößig empfand: „Ihre Zeitung würde es nicht riskieren, eine solche Zeichnung zum Islam zu veröffentlichen“, lautete ein Vorwurf. Da kommt es dann schon mal zu einem lebhaften Schlagabtausch in der Internet-Rubrik des Leseranwalts. Sahlender versucht, den empörten Lesern den Grundsatz der Pressefreiheit auch in Religionsangelegenheiten zu erklären. Toleranz und Pressefreiheit, das sind Begriffe, die in Sahlenders Kolumnen immer wieder vorkommen. „Nach über 60 Jahren Demokratie scheint mir manchmal das Gefühl für dieses hohe Gut in der Gesellschaft verlorengegangen zu sein“, fürchtet er.

Ombudsrat als Doppelspitze

Erfahrung, ein dickes Fell und eine möglichst große Unabhängigkeit gegenüber der Redaktion gehören zur Ausstattung erfolgreicher Medienombudsleute, da sind sich Dolde und Sahlender einig. Die Braunschweiger Zeitung hat die Unabhängigkeit zur Maxime eines eigenen Modells gemacht: Seit 2008 gibt es dort einen Ombudsrat als interne und externe Doppelspitze. Neben einem Mitglied der Chefredaktion beschäftigt sich der pensionierte Generalstaatsanwalt Heinrich Kintzi mit den Beschwerden der Leser. Er sieht sich keineswegs in einer „Sandmännchenrolle“, wie ein Leser mal etwas hämisch anmerkte, und nimmt sich durchaus die Freiheit, mal eine abweichende Meinung zu formulieren. Für die Braunschweiger Zeitung ist Kintzis Unabhängigkeit ein ganz wesentlicher Aspekt, betont der stellvertretende Chefredakteur Thomas Roth im großzügigen Klinkerbau des Pressehauses in Braunschweig. Dass Kintzi als langjähriger Pressesprecher des niedersächsischen Justizministeriums auch Medienerfahrung mitbringt, ist natürlich von Vorteil.
„Das Spannungsfeld zwischen Persönlichkeitsrecht und Veröffentlichungsanspruch zieht sich wie ein roter Faden durch die Arbeit im Ombudsrat“, erklärt der Jurist. Gerade habe ein Leser zur Diskussion gestellt, ob bei den Berichten über den NSU-Prozess der Name der Angeklagten und ihr Foto veröffentlicht werden dürfe. Hier waren sich die beiden Ombudsmänner Kintzi und Roth mit dem verantwortlichen Redakteur einig und antworteten mit Ja. Doch die Namensnennung sei immer wieder ein sensibles Thema, bei dem die Braunschweiger Zeitung teilweise anders entscheide als die Agenturen. „Letztendlich sind wir verantwortlich“, unterstreicht Roth. Deshalb bearbeitet der Ombudsrat auch Beschwerden, die sich auf Agenturtexte oder -fotos beziehen.
Im Lauf der Jahre hat sich die Rubrik des Ombudsrats zu einem festen dreiteiligen Schema entwickelt. Nach der Darstellung der Beschwerde kommt zunächst der zuständige Redakteur oder die Redakteurin in der Zeitung zu Wort. Erst dann äußern sich Kintzi und Roth. „Wir haben dazugelernt, früher haben wir nicht immer die Redaktion um eine Stellungnahme gebeten“, sagt Kintzi rückblickend.

Leserbriefe als Quelle

Nicht alle eingesandten Beschwerden eignen sich für eine Kommentierung durch den Ombudsrat, aber jeder Leser bekommt eine Antwort. Manche als Leserbrief gedachte Zuschrift greift ein Thema auf, das dem Ombudsrat besonders wichtig und interessant erscheint. Daher ist die Rückkopplung zur Leserbriefredaktion für die beiden Ombudsleute ein wichtiger Aspekt ihrer Arbeit, die sich bisher überwiegend auf die Printausgabe bezieht. Denn in der Online-Ausgabe können die Leser direkt ihre Meinung zu Artikeln äußern und mit den Redakteuren diskutieren. Als der Ombudsrat eingeführt wurde, gab es in der ersten Zeit drei bis vier Eingaben pro Woche. Für ihre montägliche Kolumne auf der Leserbriefseite hatten sie Wartelisten für die angesprochenen Themen, erinnert sich Kintzi. Doch in letzter Zeit herrsche eher „Stagnation“. Liegt es daran, dass sich die Themen wiederholen und die Leser nicht mehr jeden Fall aufgreifen wollen, rätselt Kintzi? „Ich habe den Eindruck, wir haben die meisten Themen abgearbeitet“, meint der ehemalige Staatsanwalt. Liegt es an der erhöhten Sensibilität in der Redaktion, die sich in den Diskussionen seit der Einführung des Ombudsrats zeigt? Oder ist es eben die Verlagerung ins Netz, die auch beim Würzburger Leseranwalt Anton Sahlender mit Facebook und Twitter zu beobachten ist?

Erfahrung und Autorität

Für Thomas Roth ist die Einrichtung eines Medienombudsrats eine wichtige Chance für die Redaktionen. Der Online-Auftritt und der Umgang mit der Leserkritik gehören für ihn zusammen. „Wie weit lassen wir Kritik an uns ran und wie weit machen wir es öffentlich“, sind die grundsätzlichen Fragen für jede Redaktion. Deshalb müsse die Aufgabe des Ombudsrats von jemandem mit Erfahrung und Autorität ausgefüllt werden. Das sei keine Alibifunktion, die man auch mit Volontären besetzen könne.
Kintzi wünscht sich, dass die Einrichtung des Ombudsrats in viel mehr Medien Einzug hält. „Beim Fernsehen gäbe es da auch genug zu tun“, sagt der 82Jährige lächelnd. In anderen Bereichen, wie der Patientenvertretung, der Bahn oder im Handwerk sei der Ombudsrat bereits etabliert. Die Medien könnten mit Ombudsleuten ihre Glaubhaftigkeit erhöhen und ihre Kritikfähigkeit demonstrieren, gibt der Jurist zu bedenken. Der Braunschweiger Zeitung will er dabei weiter tatkräftig zur Seite stehen: „Über meine Pensionierung als Ombudsrat habe ich mir noch keine Gedanken gemacht.“

Links

http://www.mainpost.de/ueberregional/leseranwalt/
http://www.frankenpost.de/regional/leseranwalt/
http://www.braunschweiger-zeitung.de/debatte/ombudsrat/

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