Fundstücke aus dem Netz holen

Serie Journalismus online – Wie Info-Broker recherchieren

Was, kein Computerauf dem Schreibtisch? „Nein“, lacht Sabine Graumann, „der wird gerade für eine Präsentation gebraucht.“ Aber natürlich ist der Rechner ansonsten für sie ein unverzichtbares Arbeitsgerät. Denn ihre Aufgabe ist das Vermitteln von Informationen, „Information-Broking“, wie das neudeutsch so schön heißt. Wenn die Leiterin der Abteilung Information und Dokumentation bei Infratest Burke in München zwei Räume weitergeht, kommt sie in die Bibliothek mit Broschüren, Nachschlagewerken und Periodika. „Die elektronische Zugangsmöglichkeit zu Daten und Fakten ist ein neues, ein zusätzliches Arbeitsmittel. Das Nachschlagen in Büchern oder den Griff zum Telefon, um ein Expertengespräch zu führen, kann es nicht ersetzen“, sagt Sabine Graumann mit Nachdruck.

Die promovierte Informationswissenschaftlerin weiß, wovon sie spricht – betreibt sie doch die Datensuche schon seit Jahren, Schwerpunkt: Markt- und Brancheninformationen. Der Zugriff auf Datenbanken – online oder über CD-ROM – und die erst zu erahnenden Möglichkeiten des Internet verändern die Recherche-Methodik. Kundenfragen können mit Computerunterstützung „schneller, besser, aktueller und umfassender“ beantwortet werden, betont sie.

Ein Beispiel: Ein Mineralwasserhersteller gibt bei Graumanns Infratest-Abteilung eine Markterhebung in Auftrag. Innerhalb weniger Stunden steht – mit Hilfe gedruckter Branchenübersichten, vor allem aber über Datenbanken eine Fülle an Fakten zur Verfügung: Marktumfang, -entwicklung, Umsätze der wichtigsten Abfüller – in Deutschland und international, Wettbewerber-Analyse, Werbeausgaben, Absatzwege, Pro-Kopf-Verbrauch an Mineralwasser, Ausgaben für nicht-alkoholische Getränke, Nachfrage-Prognosen, Trends, z.B. zu Mehrwegverpackung und aufgedruckter Ökobilanz. Bleiben für den Auftraggeber der Sekundäranalyse Fragen offen, kann er eine eigene Marktforschungsstudie bestellen, im Fall von Infratest im gleichen Haus.

Rund 9000 einschlägige Online-Datenbanken gibt es schätzungsweise derzeit weltweit, dazu kommen etwa 6000 auf CD-ROM gespeicherte. Wer hier schnell und sicher die richtigen Informationen finden will, muß auf ein Fachgebiet spezialisiert sein und verschiedene Suchsprachen sowie den Umgang mit unterschiedlichen Datennetzen beherrschen, erläutert Sabine Graumann. Und er oder sie muß „wissen, wie eine Recherchestrategie aufgebaut wird und wie die gefundenen Fakten verarbeitet werden.“

Von der Wortbedeutung her sind Broker Makler, vermitteln also ein bereits fertiges Produkt vom einen zum anderen Kunden. Das trifft auf die Informationssucher nur bedingt zu, urteilt sie: „Es ist eher wie bei Journalisten. Ich muß mehrere Quellen nutzen, muß vergleichen, muß nachrecherchieren. Wenn ich in fünf Datenbanken fünf verschiedene Umsatzzahlen für ein und dasselbe Unternehmen finde, dann beginnt die eigentliche Arbeit.“ Broker müssen selektieren, Material aufbereiten und bewerten können. Denn schließlich, so Graumann, zahlt der Kunde nicht für ein „Datengrab“. Ohne Spezialisierung geht das nicht, ist ihre alltägliche Erfahrung, die sie Newcomern ans Herz legt: „Wer vorgibt, zu jedem Bereich Information holen zu können, arbeitet nicht seriös.“

Wer sind ihre Kollegen und/oder Konkurrenten auf diesem „heterogenen undurchschaubaren Wachstumsmarkt“, wie ein Branchenkenner formuliert? Da sind zum einen festangestellte Info-Broker, die entweder nur für den eigenen Arbeitgeber oder (auch) für Dritte recherchieren – 1000 bis 5000 bundesweit, so schätzt der Berufsverband „Deutsche Gesellschaft für Dokumentation“ (DGD). Dazu kommen immer stärker selbständige Broker – zwischen 50 und 200 sollen es sein. Gerade die Freiberufler bieten meist ein ganzes Dienstleistungspaket an: Sie verkaufen auch Datenbanken und schulen im Umgang damit, oder sie bieten den Firmen Consulting an. Hauptsächlich nachgefragt werden Broker-Dienste bislang in den Wirtschaftszweigen Chemie, Pharmazie, Medizin, Jura und neuerdings im Medienbereich. Apropos Medien: Alle Journalisten, sagt die promovierte Informationsvermittlerin mit Entschiedenheit, müßten schon in der Ausbildung die elektronische Datenrecherche lernen. Und: „Mich wundert, daß selbständige Journalisten nicht häufiger unsere Kunden sind. Aber das liegt wohl am Preis.

Der Beruf Info-Broker ist seit kurzem in – wie alles, was irgendwie mit Internet und Datenautobahn zu tun hat. In Berichten wird mitunter der Eindruck erweckt, jeder junge, risikofreudige Computerfreak könne von heute auf morgen mit der „Jagd auf Daten“ reich werden. Als Vizepräsidentin der DGD zieht Sabine Graumann hier klare berufspolitische Grenzen: „Ohne fundiertes fachliches und methodisches Wissen geht professionelles Info-Broking nicht. Stän-dige Weiterbildung ist bei der vorhandenen Informationsflut ein Muß. Aber das ist der Reiz an dieser Arbeit!“ Die meisten ihrer Kollegen – Archivare, Dokumentare, Spezial-Bibliothekare usw. – haben die elektronische Datensuche durch „training-on-the-job“ gelernt. Inzwischen bieten acht Fachhochschulen und zwei Unis einschlägige Studiengänge an – vom Diplominformationswirt bis zur Mediendokumentarin; in Potsdam gibt es eine berufsbegleitende Zusatzausbildung, in Konstanz ein Aufbau- und an der TU Ilmenau ein Fernstudium.

Entscheidend ist, so Graumann, daß zum methodischen und betriebswirtschaftlichen Know-How ein wissenschaftlicher Schwerpunkt – von Chemie bis Jura – kommt und Praxisphasen eingebaut sind. Für ihre nächste Praktikantin hat sie schon eine Aufgabe parat: Welche für das Marktforschungsinstitut Infratest relevanten Daten lassen sich im diffusen Internet-Angebot finden? Information als Ware, die ihren Preis hat – dieser Zusammenhang ist nicht neu, hat aber durch Pay-TV oder kostenpflichtige Datendienste eine neue Dimension bekommen.#

Manche gehen schon einen Schritt weiter: In einem Handzettel der Fachhochschule Darmstadt wird für das Studium zum Diplom-Informationswirt mit dem Hinweis geworben, daß Information bald der wichtigste „Produktionsfaktor“ sein wird. Und wer den effizient einsetzen wolle, brauche qualifizierte Info-Broker. Wer aber setzt die Maßstäbe? Gemeinsam mit anderen Verbänden der Branche stellt sich die DGD dieser Aufgabe. Geplant und gearbeitet wird an einem Ehrenkodex, an Qualitätsstandards und an einem Gütesiegel. Wichtige Kriterien sind nicht nur solide Fachkenntnisse, Methoden-Know-How, laufende Weiterbildung und fundierte Praxiserfahrungen, sondern auch die Bereitschaft, einen Auftrag an Kollegen weiterzugeben, wenn die eigene Fachgrenze erreicht ist.

 

 

nach oben

weiterlesen

Medienleute schützen, nicht verteufeln

Als völlig geschichtsvergessen bezeichnet die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di Hessen den Aufruf aus dem Umfeld der sogenannten Querdenker, am Sonntag in Frankfurt am Main gegen die „gleichgeschalteten Medien“ zu demonstrieren. Von der Polizei werde erwartet, dass sie Journalist*innen vor Übergriffen schützt, betonen auch die öffentlich-rechtlichen Redakteursausschüsse.
mehr »

Verbandsklagerecht für Urheber unverzichtbar

Das Verbandsklagerecht muss zwingend als neues Rechtsinstrument in das Urheberrecht aufgenommen werden. Mit dieser Forderung wenden sich der Deutsche Journalisten-Verband und die Gewerkschaft ver.di gemeinsam an die Abgeordneten des Deutschen Bundestags. Unterstützung erfahren die beiden Gewerkschaften durch ein Rechtsgutachten und den konkreten Formulierungsvorschlag von Prof. Dr. Caroline Meller-Hannich, Universität Halle-Wittenberg. (Aktualisierung am 13.04.21)
mehr »

Corona wirkt als Test für Menschenrechte

Die Menschenrechtslage hat sich in der Covid-19-Krise für Millionen von Menschen unmittelbar oder mittelbar verschlechtert, stellt Amnesty International im weltweiten Menschenrechts-Report 2020/21 fest. In vielen Teilen der Welt hätten die Pandemie und ihre Folgen im letzten Jahr die Auswirkungen von Ungleichheit, Diskriminierung und Unterdrückung verstärkt. Auch für Deutschland wird Handlungsbedarf ausgemacht.
mehr »

Wie hybrid darf ein Dokumentarfilm sein?

Der Dokumentarfilm „Lovemobil“ bietet seit Tagen heißen Diskussionsstoff. Eine STRG_F-Reportage des NDR hatte enthüllt, dass die Autorin Elke Lehrenkrauss den Film teilweise mit Darsteller*innen inszeniert hatte - ohne dies offenzulegen. Die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm (AG-Dok) nahm den Eklat um die "Fake-Doku" zum Anlass, in Kooperation mit der Deutschen Akademie für Fernsehen (DAfF) einen Web-Panel unter dem Titel „Was darf Dokumentarfilm?“ zu veranstalten.
mehr »