Gegen visuellen Gedächtnisverlust

Der Lichttisch hilft beim Sichten und bewerten von Dias und Negativen.
Foto: picture alliance/Frank May

Fotoarchive sammeln zeithistorische Dokumente, doch wohin mit den Bildern?

Ratlosigkeit“ ist das Wort, mit dem Werner Bachmeier seine Position zur Zukunft von Fotoarchiven zusammenfasst. Und er meint damit nicht nur sein eigenes, bestens gepflegtes digitales Archiv, das übers Internet zugänglich ist. Er stellt die Sinnfrage grundsätzlich. In Redaktionen, bei Auftraggebern, ja generell schwinde das Bewusstsein für hochprofessionelle Fotoarbeit, die über den Tag und die schnelle Aktion hinausreicht. Neben Dokumentation erzählten gute Fotos immer Geschichten. Wenn danach nicht mehr gefragt würde, seien Zeit und Mühe vergebens.

Noch ist Bachmeier Herr seiner Bilder und will es bleiben. Er füllt und verwaltet sein digitales Archiv seit Ende der 90er Jahre: Menschen. Arbeit. Wirtschaft. Bildung. Soziales. Fotografieren macht dem 63-Jährigen noch immer Spaß. In Corona-Zeiten arbeitet er an selbstgestellten Projekten, die meist weitläufig mit seinem Lebensthema Arbeitswelt zu tun haben. Doch er weiß auch: Als Rentenversicherung wird seine etwa 65.000 Bilder umfassende Datenbank nicht taugen. Das Geschäftsmodell funktioniere nicht mehr, seit Aktuelles mit Handy-Fotos bebildert und der Aufwand für systematisches Dokumentieren gescheut würden. Vorbei die Zeiten, dass monatlich 100 Fotos kostenpflichtig aus seinen Beständen heruntergeladen wurden. Gegenwärtig könne er die an zwei Händen zählen. Doch die Kosten, die ihm sein Archiv verursacht – Serverleistung, Programmierhilfe, Programm-Updates … – summieren sich geschätzt auf zwei- bis dreitausend Euro jährlich. Von der eigenen Arbeit ganz zu schweigen. Seit er Fotos archiviert, beschriftet er akribisch: „Ich schreibe auch noch den Transparentspruch ab, der bei einer Demo gezeigt worden ist.“ Er kennt auch andere Beispiele: Eine betagte Kollegin aus Frankfurt am Main hätte wohl eine Sicherung ihres Archivs verdient. „Doch mit der Aufarbeitung wäre eine Fachkraft bestimmt zwei Jahre beschäftigt. Schlimmer noch: Inge hätte daneben sitzen müssen, nur sie wüsste, was da überhaupt abgelichtet ist.“ Auch wenn die Bestände nach Arbeitsweise, Themenspektrum, Struktur und Handhabbarkeit sehr unterschiedlich ausfallen, freie Fotograf*innen müssen irgendwann entscheiden: Lohnt es, das Archiv für die Nachwelt zu sichern? Wohin können Papierabzüge, Negative oder Datenmengen sinnvoll gegeben werden? Und unter welchen Voraussetzungen?

Tausende Fotos digitalisiert

Paul Glaser hat das für sich weitgehend gelöst. Es hat ihn Hartnäckigkeit und Nerven gekostet. Und doch läuft ihm gerade die Zeit davon: „Ich habe mit meinem Arzt ausgehandelt, dass mir noch ein Jahr bleibt“, sagt der krebskranke 80-Jährige, „und so lange scanne ich“. 2019 kündigte die Bildagentur der Süddeutschen Zeitung, vertreten durch SZ Photo, an „sein eindrucksvolles zeitgeschichtliches Fotoarchiv“ in ihren Bildbestand zu übernehmen. Rechtzeitig zum 30. Jahrestag des Mauerfalls standen über 3.000 Glaser-Fotos digital zur Verfügung. Ein Bruchteil von etwa 100.000 Fotos, mit denen er zwischen 1989 und 93 den Untergang der DDR dokumentiert hat. „Meine bundesdeutschen Kollegen empfanden das wie Sibirien“. Deshalb sei er „Monopolist“ gewesen auf ostdeutschen Straßen, in abgewickelten Betrieben, in Krankenhäusern, Geschäften. Politik und Alltag hat er seit den 60ern in (West)Berlin dokumentiert. Einzigartiges Material, manches Porträt inzwischen uninteressant, doch Glaser setzt auf den „längerfristigen Wert“.1,5 Millionen Negative besitzt er insgesamt, etwa die Hälfte bereits digitalisiert. Mit Tagebüchern, Lieferscheinen und Kalendern vollzieht er Orte, Daten und Umstände nach und schreibt exakte Dateiinformationen, so lange er das noch kann. Glaser hat Verträge mit der Süddeutschen Zeitung und mit dpa geschlossen, dass sie auch die verbleibenden Negative von ihm übernehmen werden. Einiges hat er auch an die Deutsche Fotothek in Dresden gegeben.

Im Bildarchiv der Deutschen Presseagentur GmbH in Frankfurt am Main 2012 werden alte Negative
eingescannt.
Foto: picture alliance/Frank May

Die Digitalisierung, sagt Heike Betzwieser, Geschäftsführerin von dpa-Zentralbild, sei für ein kommerzielles Unternehmen wie das ihre ein nicht unbedeutender Kostenfaktor. Doch die eigentliche Arbeit, die die Übernahme von Archivbeständen teuer macht, läge in der „menschlichen Leistung“ auszuwählen, geschichtlich einzuordnen und so neutral, aber exakt wie möglich zu beschriften. Archivieren sei Programm: „Um das große dpa-Bildarchiv mit besonderen Aufnahmen aus der DDR aufzuwerten und zu vervollständigen, digitalisiert die dpa-Tochter zentralbild (zb) analoge Schätze ehemaliger Fotografen“, steht auf der Webseite und das sei ernstgemeint, versichert Betz-wieser. Man unterstütze Kollegen, freue sich, wenn man neben längst bekannten Motiven auch „Perlen“ wie Alltagsaufnahmen zu „Weihnachten in der DDR“ fände. Selbst vor ganzen Redaktionsarchiven früherer DDR-Blätter schrecke man nicht zurück.

Ist es mehr als Privatsache, sich um die Fotoarchive zu kümmern? Wer entscheidet, was überlebt in der heutigen Bilderflut? Als „drängendes Problem“ sieht das auch Anna Gripp, Redakteurin von Photonews und Vorstandsmitglied der Deutschen Gesellschaft für Photographie (DGPh). Das gelte vor allem für Material, um das sich Bildarchive oder Museen nicht reißen, das als „Teil unseres visuellen Gedächtnisses“ aber dennoch bewahrenswert sei. 2011 haben sich wichtige Fotografenverbände und Fotografie-Vereine zum Netzwerk Fotoarchive zusammengeschlossen – gerade um Einzelnen, aber auch Institutionen zu helfen, Orte für ihre Bilder zu finden. Mit Beispielen wie der Fotostiftung Schweiz, französischen und niederländischen Institutionen oder dem Literaturarchiv Marbach vor Augen, folgten auch Bemühungen, eine zentrale Institution für Fotografie zu schaffen.

Informieren und vernetzen

Inzwischen zeigt sich Anna Gripp teilweise ernüchtert, doch nicht hoffnungslos. Als gemeinnütziger Verein ehrenamtlich Engagierter könne das Netzwerk zwar „nicht wahnsinnig viel bewirken“. Man sei mit der Webseite 2017 unter das Dach der DGPh geschlüpft, vernetze und informiere jedoch weiter. Etwa mit einem Merkblatt für Urheber oder Nachlassverwalter, was beim Angebot von Fotobeständen an Museen, Archive und Sammlungen zu beachten ist. Oder einer Liste von Fotografischen Archiven, Nachlässen und Stiftungen, die für individuelle Lösungen denkbar sind. Auch die Planungen von Kulturstaatministerin Monika Grütters zur Schaffung eines Bundesdeutschen Instituts für Fotografie verfolge man „sehr aufmerksam und engagiert“ und setze auf Zusagen, dass dort nicht nur künstlerische Fotografie, sondern auch der journalistische Fokus beachtet werde. Freilich wäre ein solches Institut bestens geeignet, die vielen Sammel-Institutionen im föderalen System zu vernetzen: Museen, Landesarchive, Stiftungen: „Es ist ganz wichtig zu wissen, was wo liegt und welche Kooperationsmöglichkeiten sich eröffnen.“ Ob je Nachlässe von Pressefotograf*innen dort landen werden, sei bisher aber ungeklärt, so Gripp.

Auch Initiativen wie die der Deutschen Fotothek mit dem „Archiv der Fotografen“, einem digitalen „Schaufenster für Werke bedeutender deutscher oder in Deutschland arbeitender“ Kolleg*innen hält sie für sehr wichtig, zumal die Dresdner mit der Sächsischen Staatsbibliothek und etwa 90 weiteren Institutionen zusammenarbeiten, Nach- und Vorlässe übernehmen und aufbereiten. Die oft umfangreichen analogen Archive der Presseverlage bilden ein weiteres Problem. Angesichts digitaler Bilderfluten und der Kosten für Aufbewahrung und Pflege der zeithistorischen Sammlungen frage sich so manches Medienhaus: Wohin mit den Bildern? Museen bieten sich als Partner an. Doch wie im Fall des Spiegel-Archivs, das ab 2005 zunächst als Dauerleihgabe an das „Haus der Photografie“ in den Hamburger Deichtor-Hallen ging – eine Idee, die letztlich nicht trug – stellen Urheberrechte oft eine Crux dar. Für als Druckvorlagen genutzte Fotoabzüge liegen die Rechte oft nicht bei den Verlagen, in deren Hänge-registraturen sie gelandet sind. Um solche Bestände nutzen zu können, wären umfangreiche Recherchen und Verhandlungen nötig.

Hoffentlich tragfähig gelöst ist das mit der Schenkung des Stern-Archivs an die Bayerische Staatsbibliothek durch Gruner + Jahr. Das Mammutprojekt, die kompletten Bestände – rund 15 Millionen Aufnahmen aus den Jahren 1948 bis 2001 – zu katalogisieren und der Öffentlichkeit irgendwann digital zur Verfügung zu stellen, werde Jahre dauern und mehrere Millionen kosten. Dennoch wolle man sich in München dem „Paradigma der Neukonfiguration unseres visuellen Gedächtnisses“ stellen, so Generaldirektor Dr. Klaus Ceynowa. Die Aufgabe inhaltlich wie technologisch anzugehen sieht er als „Privileg und Pflicht der großen Gedächtnisinstitutionen“ des Landes. Ob das gesellschaftlicher Konsens ist, ob eine etwaige „Pflicht“ für öffentliche Institutionen besser durchsetzbar sein sollte als für große private Pressearchive wie etwa Ullstein Bild (Axel Springer Syndication), ist eine ebenso offene Frage wie die, ob es Eigeninitiative oder gar dem Zufall überlassen bleibt, was mit den Beständen freier Fotojournalist*innen geschieht.

Anna Gripp appelliert an alle Fotograf*innen, „sich selbst zu überlegen und nicht zu spät damit anzufangen“, also unbedingt zu Lebzeiten zu klären, was bleiben soll und wo. Und: Dass man für sein Archiv heute noch Geld bekomme, sei „eher die Ausnahme“. Jede Institution, die mehr tue als Bestände nur aufzubewahren, müsse hineininvestieren, gibt sie zu bedenken. Sein Papierarchiv, bis ins Jahr 2000 vom ihm geführt und in etwa 1000 Schachteln gelagert, hat Werner Bachmeier übrigens schon vor Jahren an das Archiv der Münchner Arbeiterbewegung übergeben. Als Leihgabe mit Nutzungsvertrag.

 

 

 

 

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