Glaubwürdigkeit beschädigt

Ein Plädoyer für den konstruktiven Umgang mit begründeter Kritik im Rundfunk

Die Wahl der „Lügenpresse“ zum Unwort des Jahres 2014 war eine politische Entscheidung der Sprachjury, die vor allem dem undifferenzierten Kampfruf der PEGIDA galt. Dabei häuft sich in der Gesellschaft die Kritik an den Leistungen der etablierten Medien. Die Medienmacher, vor allem die der öffentlich-rechtlichen Anstalten, geraten immer stärker unter den Druck des Publikums.

Bildverwechslung: Russische Panzer waren in Wahrheit georgische und das Photo war mehrere Jahre alt. http://www.heute.de/liveblog-zum-ukraine-gipfel-in-minsk-ringen-um-frieden-fuer-die-ukraine-37145464.html Foto: Screenshot
Bildverwechslung: Russische Panzer waren in Wahrheit georgische und das Photo war mehrere Jahre alt.
http://www.heute.de/liveblog-zum-ukraine-gipfel-in-minsk-ringen-um-frieden-fuer-die-ukraine-37145464.html
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„ARD aktuell“-Chefredakteur Kai Gniffke gab sich kategorisch: „Wir haben stets nach bestem Wissen und Gewissen sowie sorgfältiger Recherche berichtet. Es gibt keinen Grund, sich für Fehler zu entschuldigen oder in der Berichterstattung nun gar gegenzusteuern“, so der ARD-Mann in seinem „Tagesschaublog“ am 29. September 2014. Nur zwei Tage später sah sich „Tagesthemen“-Moderator Thomas Roth dann doch zu einer Entschuldigung genötigt. ARD-Moskau-Korrespondent Lielischkies hatte am 20. Mai die Erschießung zweier Zivilisten durch Kämpfer der Separatisten in Krasnoarmeysk gemeldet. Originalaufnahmen des Zwischenfalls bewiesen, dass die ukrainische Nationalgarde für den Tod der Zivilisten verantwortlich war. Schon unmittelbar darauf waren Zweifel an dieser Darstellung geäußert worden. Erst fünf Monate später folgte die Entschuldigung für die Falschmeldung.
Ein Einzelfall? Zweifel an der behaupteten „sorgfältigen Recherche“ erscheinen angebracht. Gelegentlich tauchen in der Berichterstattung Bilder von Panzerkolonnen auf, die eine Invasion russischer Truppen in der Ostukraine belegen sollen. Bilder, die sich später als alte Aufnahmen vergangener Kriege erweisen. So geschehen zuletzt am 12. Februar dieses Jahres, als die Online-Redaktion von „ZDF heute“ Fotos von 50 angeblich in die Ukraine einfahrenden russischen Panzern in einen Bericht „schummelte“. Auch Focus Online, tagesspiegel.de und Zeit Online griffen diese „News“ auf. Tatsächlich stammten die Fotos aus dem Georgien-Krieg 2009.

Nur das halbe Bild

In lebhafter Erinnerung bleibt auch die Verbreitung jenes Fotos vom G20-Gipfel in Brisbane, das die angebliche Isolation Putins von den übrigen Regierungschefs belegen sollte, auch verbal unterstützt durch die Headline: „Der einsame Putin“. Die Ausstrahlung des kompletten Reuters-Materials ergab: Der im Bild befindliche Kellner verdeckte die gleichfalls am Tisch sitzende brasilianische Präsidentin Rousseff. Zwecks Illustration einer steilen These hatten die Nachrichtenredaktionen fast aller TV-Sender eine recht eigenwillige Bildauswahl getroffen. Vorgänge, die der Glaubwürdigkeit öffentlich-rechtlicher Berichterstattung immer wieder Schaden zufügen. Vorgänge, die übrigens auch genüsslich von Russia Today Deutsch, dem staatlichen Auslandssender des Kreml, aufgespießt werden. Gemäß dem Senderslogan: „Wir zeigen den fehlenden Teil zum Gesamtbild.“
Das ist die wichtigste medienpolitische Entwicklung des vergangenen Jahres: die zunehmende Entfremdung relevanter Teile des Publikums von den Leitmedien dieses Landes. Vor allem im Kontext der Ukraine-Berichterstattung registrieren Sender und Printmedien wachsendes Misstrauen der Rezipienten an einer Berichterstattung, die von Anfang an als einseitig und einäugig an transatlantischen Interessen ausgerichtet empfunden wurde. In der analogen Vergangenheit stand Kritikern allenfalls der Leserbrief oder das Hörertelefon zur Artikulation ihres Protests zur Verfügung. Im digitalen Zeitalter entlädt sich der Widerspruch auf massive Weise in sozialen Netzwerken und Online-Foren der großen Inhalte-Anbieter. Nicht immer sachlich, sehr häufig auch in beleidigender Form, garniert mit Verschwörungstheorien. Jenseits individueller Eingaben artikuliert sich der Protest neuerdings verstärkt auf organisierte Weise.
Zum Beispiel im „Forum Ständige Publikumskonferenz“. Gegründet wurde der Leipziger Verein von Maren Müller. Die Aktivistin arbeitete bis Sommer 2014 als Verwaltungsangestellte beim MDR. Anfang 2014 profilierte sie sich mit der Aktion „Markus Lanz raus aus meinem Rundfunkbeitrag“, einer Online-Petition aus Protest gegen das unflätige Bashing des ZDF-Moderators gegenüber Talk-Gast Sahra Wagenknecht. Müller begreift die „Ständige Publikumskonferenz“ als Sammelstelle für Beschwerden gegen Fehlleistungen in den Programmen von ARD und ZDF. Knapp 50 der formulierten Beschwerden bezogen sich auf die Ukraine-Berichterstattung. Ein weiterer Vorwurf: Sowohl ARD als auch ZDF böten in ihren Nachrichtenformaten zum Ukrainekonflikt „vollkommen wertneutrale Podien für rechtsradikale und kriminelle Banden, ohne sich auch nur ansatzweise zu distanzieren“. Verbotene Nazisymbole würden „kommentarlos groß eingeblendet, als würde man über Traditionsvereine berichten“. Belege dafür lassen sich einige finden. Etwa am 25. Januar, als Lielischkies in der ARD einen Kämpfer zu den Raketenangriffen von Separatisten auf Mariupol interviewte. Vorgestellt wurde dieser als einer der „Kiew-treuen Verteidiger“ Was der „Tageschau“-Zuschauer nicht erfuhr: der Kämpfer gehörte der Asow-Miliz an, einem Freiwilligen-Bataillon, das von Rechtsextremen gegründet wurde und von europäischen Neonazis unterstützt wird.

Abwehrreaktionen

„Erstaunlich hilflos und gereizt reagieren die Sender darauf, dass unzufriedene Zuschauer, die sie finanzieren müssen, sich nicht mehr mit der Rolle von Leserbriefschreibern zufrieden geben“ schreibt Medienkritiker Stefan Niggemeier in einem Beitrag für „Krautreporter“. Wenn diese stattdessen versuchen, „durch das Mittel der Programmbeschwerde und die Dokumentation in der Öffentlichkeit ihrer Kritik maximale Wirkung zu verschaffen“, provoziert das in den Häusern gelegentlich massive Abwehrreaktionen. Dabei fällt die Reaktion durchaus unterschiedlich aus. Während ARD-Mann Gniffke immerhin regelmäßig in seinem „Tagesschaublog“ die Auseinandersetzung mit den Kritikern führt, hält sich das ZDF in dieser Frage eher zurück. Kriegs- und Krisenzeiten seien bekanntlich „Phasen mit widersprüchlichen Informationen und Propaganda“, antwortete die ZDF-Pressestelle dem Debattenblog „Publixphere“ auf entsprechende Anfrage. In der digitalen Welt hätten sich die Grundlagen der Krisenberichterstattung zudem „massiv verändert“. Im Internet seien „eine Vielzahl an Informationen, Gerüchten und Halbwahrheiten im Umlauf. Das bedingt neue Standards der Quellenprüfung“. Hinweise auf eine etwaige Verletzung dieser Standards sind indes nicht immer willkommen. Das erfuhr etwa die Linke-Politikerin Gesine Lötzsch, als sie im ZDF-Fernsehrat eine kritische Frage nach dem Umgang mit NS-Symbolen in der Ukraine-Berichterstattung stellte. Und von Chefredakteur Peter Frey unfreundlich abgebügelt wurde.
Diese Art des Umgangs mit Beschwerden ist für Maren Müller von der „Ständigen Publikumskonferenz“ Ausdruck einer „mangelnden Fehlerkultur“. Wie jedes andere Unternehmen benötigten ARD und ZDF ein „Reklamations- oder Beschwerdemanagement“, das sich um die Qualitätssicherung kümmere. Nach Lage der Dinge sind dafür die Sendergremien, allen voran die Rundfunkräte zuständig. Diese nehmen solche Aufgaben allerdings – vorsichtig formuliert – häufig nur unvollkommen wahr. In Konfliktfällen begreifen sie sich nicht selten eher als Repräsentanten denn als Kontrolleure der Sender. Ein Beispiel dafür ist die Stellungnahme des WDR-Programmausschusses vom 11. Dezember vergangenen Jahres zur Ukraine-Berichterstattung. Darin formuliert das Gremium seine „Verärgerung über die Veröffentlichung einer Zusammenfassung, mit der eine differenzierte Analyse des ARD-Programmbeirats verzerrt und an einigen Stellen verkürzt wiedergegeben wird“.
Ein bemerkenswerter Vorgang. Denn die angeblich „verzerrt und verkürzt“ wiedergegebene Position des Programmbeirats könnte kaum deutlicher sein. Die Berichterstattung des Ersten über die Ukraine-Krise im ersten Halbjahr 2014 habe „teilweise den Eindruck der Voreingenommenheit erweckt“ und sei „tendenziell gegen Russland und die russischen Positionen gerichtet gewesen“, heißt es in dem Resümee. Sie sei in weiten Teilen „unausgewogen, undifferenziert und unvollständig“ gewesen, fasste „epd-Medien“ zusammen. WDR-Intendant Tom Buhrow reagierte wütend. Den Vorwurf unsauberer und tendenziöser Berichte werde man nicht auf sich sitzen lassen, schrieb er im Intranet des Senders: „Das geht an die journalistische Ehre.“ Das klingt mehr nach Korpsgeist als nach ernsthafter Auseinandersetzung mit Kritik.
Unterstützung erhielt die ARD interessanterweise von ungewohnter Seite. Spiegel Online meldete, bei der „an die Öffentlichkeit durchgestochenen“ Kritik des „Laien-Gremiums“ Programmbeirat handle es sich um ein „aus dem Zusammenhang gerissenes‚ Resümee“. Offenbar ein solidarischer Schulterschluss im redaktionellen Eigeninteresse. Erst im September hatte der später vom Deutschen Presserat missbilligte Spiegel-Titel „Stoppt Putin jetzt“ wütende Proteste in den sozialen Netzwerken hervorgerufen. Springers Welt qualifizierte unter der Headline: „Putins langer Arm reicht bis in die Gremien der ARD“ die Programmbeirat-Kritik als „stalinistischen Geheimprozess“ und „Kreml finanziert“. Dass die Kritik des Beirats einer öffentlich-rechtlichen Anstalt „durchgestochen“ werden muss, also nur auf fast schon klandestinem Weg an die Öffentlichkeit dringen kann, gibt zu denken.
Nicht nur die tendenziöse Ukraine-Berichterstattung trifft auf die Ablehnung breiter Teile des Publikums. Immer wieder entzündet sich der Unmut von Medienkonsumenten an Vorgängen, die mit den Maßstäben einer wahrheitsgetreuen Schilderung der Realität kollidieren. Erinnert sei an die Diskussion um die Bilder vom „Republikanischen Marsch“ in Paris nach dem Terrorattentat auf die Charlie-Hebdo-Redaktion. Fast alle Nachrichtensendungen suggerierten, die aus aller Welt angereisten Spitzenpolitiker würden diese Demonstration anführen. Tatsächlich marschierten sie aus Sicherheitsgründen in beträchtlichem Abstand zum gemeinen Volk. Warum diese Inszenierung, diese mangelnde Transparenz? ARD-Mann Gniffke mag die Aufregung darüber nicht verstehen. Inzwischen sei schließlich „nahezu alles eine Inszenierung – jede Pressekonferenz, jede Demonstration, jeder öffentliche Auftritt. Sollen Nachrichten das jedes Mal entlarven“? Wer so argumentiert, mache sich selbst zum Teil der Inszenierung, konterte Stefan Niggemeier in der FAS.
Der Vertrauenskrise eines großen Teils der deutschen Leitmedien dürfte auf diese Weise nicht beizukommen sein. Die Verantwortlichen täten gut daran, Selbsthilfeorganisationen wie die „Ständige Publikumskonferenz“ nicht gleich als Kampagneninstrumente finsterer Mächte zu diffamieren. Sie sollten die Chance ergreifen, einen konstruktiveren Umgang mit sachlich begründeter Kritik zu erlernen.


„Best of“ des Blogs Blauer Bote zeigt mehr Beispiele:

http://blauerbote.com/2015/02/16/ukraine-konflikt-gefaelschte-invasionsbilder-best-of/

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