Griff in die Mottenkiste

Wie anti-gewerkschaftliche Berichterstattung zur Meinungsmode wurde

Schon in der Debatte um die „Agenda 2010“ gaben sie das Feindbild ab: Als „Blockierer“ und „Bremser“ bevölkerten Gewerkschafter die Medienlandschaft. Der öffentliche Machtkampf um die Führungsspitze der IG Metall war willkommener Anlass für eine Fortsetzung des neuen Journalistensports Gewerkschaftsschelte.

Sabine Rosenbladt begab sich in „Parallelwelten, von deren Existenz der gemeine Zeitungsleser vermutlich keine Ahnung hat“. Auf der Medienseite des Berliner „Tagesspiegel“ warf sie am 26. August „einen Blick in die deutsche Gewerkschaftspresse“ – und entdeckte prompt „Parolen aus der Mottenkiste“. Die Sommerausgabe der Zeitschrift „metall“ löste bei Rosenbladt einen „leicht surrealen Eindruck“ aus. „Europa streikt“ hatte die Doppelnummer Juli / August des gewerkschaftlichen Monatsblattes getitelt – und über Demonstrationen gegen Sozialabbau in den Nachbarländern und den Arbeitskampf für die 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland berichtet. Einige Wochen nach Drucklegung des Heftes scheiterte der Streik und löste eine schwere Führungskrise in der IG Metall aus – die „metall“-Redaktion hatte das nicht vorausgeahnt, geschweige denn vorab darüber berichtet. „Dass das Ansehen der einst mächtigsten Gewerkschaft der Welt nach den dort öffentlich ausgetragenen Hahnenkämpfen rapide geschwunden ist – davon kein Wort“, monierte der „Tagesspiegel“ streng.

Verlautbarungsstil

Man kann Machart und Verlautbarungsstil einiger Gewerkschaftsblätter zu Recht kritisieren. Was aber ist von dem Vorwurf zu halten, dass sich die viel geschmähten „Mitteilungsorgane“ Mitte Juni noch nicht kritisch zu den Ereignissen von Mitte August geäußert haben? Sabine Rosenbladt, einst Autorin der eingestellten „Woche“, ist jetzt Chefredakteurin der „Internationale Politik“ – einer Fachzeitschrift, deren Existenz dem gemeinen Zeitungsleser bislang verborgen geblieben ist. Nicht verborgen bleiben konnte diesem in den vergangenen Monaten, was deutsche Journalisten von Gewerkschaften halten: gar nichts. Der „Zirkus“ an der Spitze der IG Metall, wahlweise auch „Erbfolgekrieg“ oder „Nachfolgegeschacher“ genannt, hat es ihnen wahrlich leicht gemacht. Einen „Neuanfang nach altem Muster“ vermutete der „Focus“ nach dem unrühmlichen Rücktritt des „abgehalfterten Gewerkschaftsbosses Klaus Zwickel“. Der interne Streit zwischen den plakativ so genannten „Reformern“ und „Traditionalisten“ füllte das Sommerloch. Die Beobachter in „Zeit“, „Handelsblatt“ und „taz“ waren sich einig: Der „Scharfmacher“ Jürgen Peters als neuer Chef der IG Metall mache die Gewerkschaft endgültig zur „Lobby des Stillstands“.

Juckreiz

Der überwiegend selbst verschuldete PR-Gau um die Zwickel-Nachfolge bildete den vorläufigen Höhepunkt einer Berichterstattung, die die Arbeitnehmerorganisationen nicht als Initiator, sondern als Bremser gesellschaftlicher Veränderung charakterisierte. Eine regelrechte Kampagne gegen die „gewerkschaftlichen Traditionsbataillone“ hatte der „Spiegel“ bereits mit einer Titelgeschichte Anfang Mai losgetreten. „Die Welt“ legte wenig später nach und malte selbstreferenziell“ das Bild, das mittlerweile in der Öffentlichkeit vorherrscht“. Die Gewerkschaften, so das Springer-Blatt, „werden mehrheitlich als letzte Bastion der Reformblockierer wahrgenommen, mit rivalisierenden, interessen-egoistischen Betonköpfen an der Spitze“. Das war selbst dem Christdemokraten Norbert Blüm zu viel. „Meine Widerborstigkeit gegen Meinungsmoden treibt mich wieder an die Seite der Gewerkschaften“, notierte der Ex-Arbeitsminister, der sich während seiner Amtszeit mit dem DGB ständig herumstritt, in der „Süddeutschen Zeitung“: „Wie das Wild sich einen Reibebaum sucht, an dem es seinen Juckreiz bekämpft, so suchen sich alle, die als Modernisierer gelten wollen, die Gewerkschaften als Betonwand aus, an der sie ihr Beinchen heben können.“

In der Debatte um die „Agenda 2010“ war es Bundeskanzler Gerhard Schröder gelungen, ein Meinungsklima zu etablieren, das scheinbar keine Alternativen zu den von ihm vorgeschlagenen „Reformen“ ließ. Zu den Skandalgeschichten des Boulevards über angebliche Schmarotzer wie „Florida-Rolf“ oder „Yacht-Hans“ lieferten die etwas seriöseren Blätter mit Gewerkschaftsschelte die passende Begleitmusik. Von „erpresserischen Streikdrohungen“ und einem „wild wuchernden Sozialstaat“ war da die Rede; selbst vor persönlichen Beleidigungen schreckten Autoren nicht zurück. Stern-Kolumnist Hans-Ulrich Jörges etwa fühlt sich wie im „Engelen-Kefer-Land“; die stellvertretende DGB-Chefin ist für ihn die „Modell-Sirene des Verbändestaats“, die „tagtäglich heult“.

Angesichts von so viel publizistischer Einmütigkeit hielten sich die Kommentatoren der bürgerlichen „Frankfurter Allgemeine“ höflich zurück. Auch sie wühlen schon mal in der „Mottenkiste aktiver Arbeitsmarktpolitik“, mussten sich aber gar nicht sonderlich anstrengen, weil sich der Tenor von wenigen Ausnahmen abgesehen ohnehin ähnelte: Das Anspruchsniveau sei zu hoch, der Sozialstaat „zu teuer“, „harte Einschnitte“ seien unumgänglich; endlich müsse Schluss sein mit der Diskussion, eine Entscheidung her! Wer die Kommentare verfolge, formulierte Roderich Reifenrath in einer Themenausgabe der „Frankfurter Rundschau“ zum Sozialstaat ironisch, „wird den Verdacht nicht los, dass sich tonangebende Chefredakteure allmorgendlich bei einer geheimen Konferenzschaltung der Printmedien in die Hand versprechen, auch heute wieder im Meinungsteil keinen Millimeter vom Pfad marktwirtschaftlicher, liberaler, neoliberaler Tugenden abzuweichen“.

Wiederkäuer

Heimliche Abstimmungsprozesse waren in der Tat vollkommen unnötig. Die meisten Journalisten spielten auch ohne Verabredung eine wie instruiert wirkende Einheitsmelodie. Im Feuilleton der „Süddeutschen“ durfte der Kulturwissenschaftler Ivan Nagel die „unaufrichtige“ und „agitatorisch irreführende“ Wortwahl in der sozialpolitischen Debatte anprangern. „Von ARD bis RTL, vom Wirtschaftsteil der „SZ“ und „FAZ“ bis zur „Bild“-Zeitung“, so Nagel, würden „die immergleichen Dogmen vorausgesetzt und uns eingehämmert“. Sein nestbeschmutzendes „Falschwörterbuch der Sozialreformen“ provozierte die angegriffene Redaktion im eigenen Hause unter der Überschrift „Lügen und Denkverbote“ prompt zu einer Replik: Es gehöre „zu den schlechteren Traditionen der deutschen Intellektuellen, ‚die Wirtschaft‘ als ein der Gesellschaft fremden, wenn nicht gar feindlichen Bereich zu betrachten“, konterte SZ-Autor Nikolaus Piper.

Das Wiederkäuen von Klischees – etwa das vom Kampf der „Reformer“ gegen die „Traditionalisten“ – hat teilweise banale Ursachen. Nicht immer fehlt der Wille, doch fast immer die Zeit und das Budget für aufwändige Recherchen. Die Details der deutschen Sozialversicherung zum Beispiel sind schon für Fachleute schwer zu durchschauen. Als Folge bewegt sich die Mediendebatte meist an der Oberfläche oder beschäftigt sich mit Nebensächlichkeiten. In den Politik-Talkshows des Fernsehens werden keine Zusammenhänge hergestellt, sondern die Schlagworte der kommenden Woche ausgetauscht. Die hauptstädtische Parlamentsberichterstattung lässt immer wieder dieselben Protagonisten zu Wort kommen, die außer Statements und Worthülsen wenig zum Thema beizutragen haben. Alternative Vorstellungen oder Konzepte tauchen kaum auf; im Dunstkreis von Bundespressekonferenz und Verlautbarungsjournalismus entsteht jene Stimmung, als deren publizistisches Ergebnis dann fast alle Kommentatoren freiwillig einer Meinung sind.

Erschwerend kommt hinzu, dass den Berichten über Arbeitswelt und Gewerkschaft ein klar zugeordnetes Ressort fehlt. Eigentlich könnten und müssten sie im Wirtschaftsteil der Zeitungen erscheinen, dort aber werden sie meist ausgegrenzt. In einem Umfeld, das sich als Hilfs- und Informationsangebot für Unternehmer und Kapitalanleger versteht und sich deshalb vorrangig um steigende Zinssätze oder sinkende Aktienrenditen sorgt, fällt der Blick selten auf Arbeitnehmer, Arbeitslose und sozial Ausgegrenzte. Nur „was unseren Lesern nutzt, um Geld zu verdienen“ habe Platz im Blatt, formulierte die „Financial Times“ bei ihrem Deutschland-Start in entwaffnender Offenheit. „Die FT akzeptiert, dass sie in manchen nicht ökonomischen Gebieten nicht mit der übrigen Presse konkurrieren kann“, heißt es in einer offiziellen Darstellung des redaktionellen Selbstverständnisses.

Sozialklimbim

Nach dem Ende der „New Economy“ landeten nicht nur die Börsenkurse im Keller, auch viele der frisch gegründeten Anlage- und Business-Titel verschwanden wieder vom Markt. Die Wirtschaftsteile der Tageszeitungen, einst ausgeweitet, mussten in Sachen Seitenumfang und Stellenbudget wieder abspecken. Doch mitnichten konzentriert sich der Serviceanspruch, der früher dem euphorischen Parkettspekulanten galt, in Krisenzeiten auf die despektierlich so bezeichneten „Elendsthemen“. Für die sozialen Konsequenzen dessen, was auf Messen oder Bilanzpressekonferenzen verlautbart wird, sind nach wie vor die Kollegen aus anderen Abteilungen zuständig. Selbst das Thema Arbeitslosigkeit landet auf diese Weise eher in der Politik als in der Wirtschaft. Der in vielen Redaktionen mit geringem Prestige ausgestattete „Sozialklimbim“ findet auch im Lokalen oder im bunten Panorama seinen Platz. Manchmal, besonders wenn „Utopien“ oder gar philosophische Aspekte ins Spiel kommen, findet er, wie Nagels „Falschwörterbuch“, seinen Weg ins Feuilleton.

Handfestes

Nicht nur wegen der IG Metall-Krise sind Gewerkschaften in jüngster Zeit wieder zum Thema geworden. In gedruckten wie in elektronischen Medien lässt sich eine stärkere Präsenz von Sozialpolitik im weiteren Sinne feststellen. Dauerbrenner wie „Rente“ oder „Gesundheitsreform“ werden auf der Titelseite oder in den Kommentarspalten vielleicht stromlinienförmig abgehandelt. Doch auch jede beißende Kritik dokumentiert die offensichtlich gewachsene Bedeutung des Themenfeldes – und wirkt ein auf andere Ressorts. Stramm konservative Wirtschaftsberichte und kritische Reportagen über gesellschaftlich Gestrandete schließen sich keineswegs aus. Gerade die Regionalpresse bemüht sich, bundespolitisch umstrittene Sozialthemen mit lokalen Bezügen „herunterzubrechen“ und anhand von Beispielen verständlich zu schildern. Aus abstrakten Floskeln wird so etwas Handfestes und journalistisch Brisantes, das viele Leser angeht und interessiert. Das Ergebnis ist widersprüchlich: Während der Chefredakteur im Mantelteil gegen Gewerkschaften Stimmung macht und für „notwendige Einschnitte“ im Haushalt plädiert, schreibt sein Lokalreporter einen Text gegen den Abbau sozialer Dienstleistungen auf kommunaler Ebene, zitiert dabei vielleicht sogar einen engagierten ver.di-Vertreter. So kann im günstigen Fall ein journalistisches Selbstverständnis wachsen, das Ansprüche an die Kompetenz der eigenen Arbeit stellt – und sich der Pflege des gängigen Feindbildes Gewerkschaft verweigert.

Thomas Gesterkamp, Autor in Köln, ist spezialisiert auf sozial- und gewerkschaftspolitische Themen.

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