Gut ausgebildet, doch prekär beschäftigt

Das Monitoringprojekt umfasste 18 Länder weltweit. Screenshot: http://euromediagroup.org/mdm/

Das globale Forschungsprojekt „Media for Democracy Monitor 2020“ (MDM), das Kommunikationswissenschaftler*innen im ersten Halbjahr 2020 in 18 Ländern weltweit durchgeführt haben, zeigt: Gut ausgebildet, schlecht bezahlt, in unsicheren Arbeitsverhältnissen beschäftigt – der Berufsstand der Journalist*innen weist in vielen Ländern der Welt erhebliche strukturelle Defizite auf. Das globale Langzeitprojekt analysierte Entwicklungen in Folge des „Digitalisierungsjahrzehnts“.

Die großangelegte Untersuchung über die Leistungsfähigkeit der Medien in zeitgenössischen Demokratien erfolgte unter dem Dach der Euromedia Research Group, der Fachbereich Kommunikationswissenschaft der Universität Salzburg leitet den globalen Forschungsverbund. Das Projekt MDM ist auf einen Langfristvergleich zwischen demokratischen Ländern angelegt. Im Jahr 2010 hatten Sozialwissenschaftler*innen aus zehn Ländern nach gemeinsam entwickelten Indikatoren die Leistung der Medien für zeitgenössische Demokratien untersucht. Die Ergebnisse sind in Schweden in Buchform veröffentlicht worden und auch kostenlos online zugänglich.

Unzufriedener und unsicherer

Zehn Jahre später zeigt sich: Wer als Journalistin oder Journalist tätig ist, sieht sich mit einer ganzen Reihe von Problemen konfrontiert, die das redaktionelle Arbeiten erschweren. So haben im vergangenen Jahrzehnt sowohl die Job-Zufriedenheit, als auch die Job-Sicherheit spürbar abgenommen. Immer mehr Journalistinnen und Journalisten sind in prekären Arbeitsverhältnissen oder nur mit Zeitverträgen beschäftigt. Solche Verträge sind etwa in Island und Italien zur Regel für Berufseinsteiger geworden.

Und dies, obwohl das Qualifikationsniveau der Journalist*innen hoch ist. Sie sind in der Regel gut ausgebildet, und immer mehr von ihnen können einen Studienabschluss vorweisen – die meisten allerdings aus einem anderen Fach als Journalistik oder Kommunikationswissenschaft. In Deutschland haben etwa 96 Prozent der journalistisch Tätigen ein Hochschulstudium absolviert, mehr als die Hälfte aber in einer anderen Fachrichtung.

Weltweit schlägt sich die gute Ausbildung nicht in guten Arbeitsbedingungen nieder, ergab das Montoring. Vielmehr müssten ältere Kolleginnen und Kollegen befürchten, durch jüngere ersetzt zu werden. Zum einen, weil Medienunternehmen Lohnkosten drücken wollen, zum anderen, weil sie meinen, dass Jüngere besser mit den digitalen Technologien zurechtkommen. Dafür nehmen die Redaktionschefs in vielen Ländern in Kauf, dass mit der Erfahrung auch ein Teil des Qualitätsjournalismus das Haus verlässt. Darunter leide der Berufsstand besonders in Griechenland, aber auch in Hongkong.

Der Spardruck wirke sich auf die Arbeitsbedingungen aus. So fehlen etwa drei Viertel der Journalistinnen und Journalisten im belgischen Wallonien für tiefergehende Recherchen die Zeit, aber auch das Geld. In Island höhle der Arbeitsdruck der noch fest beschäftigten Journalistinnen und Journalisten das Qualitätsniveau zusehends aus.

Hierzulande weniger düster

Für die Bundesrepublik zeichnen die Autorinnen des deutschen Teils der Studie ein etwas weniger düsteres Bild. Dort heißt es: „Die Arbeitsplatzsicherheit von Journalist*innen hängt von der wirtschaftlichen Situation ab. Einmal angestellt, bleiben Journalist*innen in der Regel lange Zeit beschäftigt. Feste und langfristige Verträge werden jedoch ausgedünnt und die Zahl der freien Mitarbeiter*innen nimmt zu – die dann die Hauptlast wirtschaftlicher Einbrüche tragen müssen. Befristete Arbeitsverträge sind weit verbreitet, und freie Mitarbeiter*innen werden als wichtiger Teil des deutschen Mediensystems gesehen. In den öffentlich-rechtlichen Medien sind politischer Druck und Sparmaßnahmen eine treibende Kraft für die Instabilität der Arbeitsplätze.“

Im Gegensatz zu anderen Ländern blieben deutsche Journalist*innen ihrem Medium länger treu, ein signifikantes Ansteigen prekärer Beschäftigungsverhältnisse sei hier nicht zu beobachten. Allerdings schätzten 44 Prozent der befragten Journalist*innen ihre Arbeitsbedingungen eher weniger gut, 11 Prozent sogar als insgesamt nicht gut ein. Das gelte speziell im Tageszeitungsjournalismus, ganz besonders bei Regional- und Lokalblättern. Beklagt werde auch die zunehmende Arbeitsbelastung etwa in Newsrooms, die kaum mehr Zeit zu gründlicher oder gar investigativer Recherche lasse. Freie Journalist*innen hätten besonders unter den Auswirkungen der Corona-Krise zu leiden. Zwar stehe der deutsche Medien-Arbeitsmarkt noch immer auf festen Füßen und zeige eine positive Entwicklung. Doch mache Berufserfahrung die Arbeit älterer Journalist*innen teurer. Im Zuge der digitalen Transformation sei in den Verlagen eine Tendenz erkennbar, mehr IT-affine Kräfte einzustellen, die nicht journalistisch vorgebildet sind. Ansprechpartner für die Länderuntersuchung in der Bundesrepublik sind Fachleute vom Institut für Medienwissenschaft der Ruhr-Uni Bochum unter Leitung von Professorin Dr. Barbara Thomaß.

Ausführlich im Frühjahr

Insgesamt ergibt die Studie „Media for Democracy Monitor 2020“ in fast allen untersuchten Ländern das Bild eines chronisch unterfinanzierten Berufsstandes, mit einer Zunahme kurzfristiger Beschäftigungsverhältnisse und abnehmender Berufszufriedenheit. Es hatten sich Expert*innen aus 18 Staaten an dem Projekt beteiligt, neben europäischen Ländern sind auch Australien, Chile, Hong Kong, Kanada und Südkorea vertreten. Das Forschungsteam hatte die Indikatoren leicht angepasst, aber auf die Vergleichbarkeit über den Zeitraum des „Digitalisierungsjahrzehnts“ hinweg geachtet. Die Ergebnisse der gesamten Studie sollen im Frühjahr 2021 öffentlich vorgestellt werden.

Ein Download des Forschungsberichtes (auf Englisch) steht hier zur Verfügung.

nach oben

weiterlesen

In Bezug auf Trump an die eigene Nase fassen

Wenn die Präsidentschaft von Donald Trump am 20. Januar beendet ist, bleiben für Journalist*innen, Medienunternehmen und Social-Media-Plattformen einige Fragen offen: Warum hat man Trump so lange nicht ernst genug genommen, die Wirkung seiner Anschuldigungen und Lügen unterschätzt und ihn ungestraft Regeln brechen lassen? „Bei Trump müssen wir uns an die eigene Nase fassen“, meinte Dorothea Hahn beim Mediensalon.
mehr »

Arbeitszeit beim Film bleibt strittig

In den Tarifverhandlungen zwischen der Allianz Deutscher Produzenten – Film & Fernsehen und ver.di ist auch am 14. Januar kein Fortschritt erreicht worden. Für die rund 25.000 Filmschaffenden zeichnet sich damit keine baldige Verbesserung der Arbeitszeitbedingungen durch mehr freie Wochenenden, zusammenhängende freie Tage oder Wochenend-Zuschläge ab. Die Produzentenallianz hat in den bisherigen zwei Verhandlungen den beiden Gewerkschaften BFFS und ver.di noch kein Angebot gemacht, will vielmehr im Jahr 2021 keinerlei Veränderung am Tarifvertrag akzeptieren.
mehr »

Zweite Runde: ver.di vs. Prinz von Preußen

In einer juristischen Auseinandersetzung mit Georg Friedrich Prinz von Preußen hat die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft Berufung beim Kammergericht Berlin eingelegt. Damit wehrt sich ver.di gegen eine auf Antrag des Prinzen von Preußen erlassene Einstweilige Verfügung des Landgerichts Berlin. Gegenstand ist eine Äußerung in einem Artikel des ver.di-Medienmagazins „Menschen Machen Medien“ vom Juli 2020.
mehr »

Tech-Giganten bald strenger kontrolliert

Große Digitalkonzerne wie Amazon, Google oder Facebook sollen künftig strenger kontrolliert werden. Der Bundestag beschloss am Donnerstag in Berlin den Entwurf für ein Digitalisierungsgesetz, dass dem Bundeskartellamt mehr Befugnisse gibt. Damit kann die Behörde schneller eingreifen, wenn ein Tech-Gigant seine Marktmacht missbraucht. Um in Zukunft lange kartellrechtliche Verfahren zu vermeiden und Schadenersatzansprüche besser durchzusetzen, werden der Rechtsweg verkürzt und solche Streitigkeiten nach Paragraf 19a des Gesetzes in die Zuständigkeit des Bundesgerichtshofes übergeben.
mehr »