Hart und unfair: Freie verunglimpft

Eine Hart-aber-Fair-Runde in Aktion. ARD-Talker Plasberg verzichtet prinzipiell auf den AfD-Politiker Alexander Gauland als Gast – nach dessen umstrittenen „Vogelschiss“-Satz zum Nationalsozialismus.
Foto: Screenshot ARD-Mediathek

„Warum haben eigentlich die Besserverdiener so viele Möglichkeiten, den Staat auszutricksen?“ Dieser Frage ging „Hart aber fair“ in der ARD am Montag, dem 8. Oktober 2018 zur besten Sendezeit unter anderem nach. Vorstandmitglieder der dju in ver.di wandten sich danach an die Talkshow-Redaktion beim WDR und kritisierten, dass freie Journalist_innen pauschal zu den „Besserverdienern“ gerechnet wurden, die sich „bei der Stuererklärung – vorsichtig formuliert – unehrlich“ verhielten.

Beide Aussagen bedürften der Richtigstellung, meinen Gundula Lasch, Freienvertreterin im Bundesvorstand der dju in ver.di, und Peter Freitag, geschäftsführender dju-Vorstand, in dem Offenen Brief: Zum einen sei die Behauptung, freie Journalistinnen und Journalisten würden private Restaurantbesuche in unschöner Regelmäßigkeit als geschäftliche Essen mit Informanten deklarieren und damit ihre Steuerschuld verringern, unzulässig. Sie unterstelle einer ganzen Berufsgruppe ein solches Fehlverhalten. Die Redaktion habe ihre journalistische Sorgfaltspflicht verletzt.

Wenig mit der Realität zu tun habe auch die pauschale Einordnung freier Journalistinnen und Journalisten in die Gruppe der Besserverdiener. Sicher zählten einige Kolleginnen und Kollegen dazu, „möglicherweise“ auch Frank Plasberg. „Für das Gros der Freiberufler unter den Journalisten trifft das aber nicht zu. Viele von ihnen können angesichts beschämend niedriger Honorare vor allem bei den Tageszeitungen, aber auch bei privaten Radio- und Fernsehsendern inzwischen vom Journalismus allein nicht mehr leben. Und auch bei den öffentlich-rechtlichen Sendern gehört der überwiegende Teil der mehr oder weniger freien Journalistinnen und Journalisten nicht zu den Groß- oder Besserverdienern.“ Mit einiger Recherche hätte das schnell klargestellt werden können. Doch leider habe die Redaktion das bei der Vorbereitung der Sendung „offenbar unterlassen. Von Kolleginnen und Kollegen, die sich mit den Attributen ‚hart aber fair’ schmücken, empfinden wir dies als ausgesprochen unfair“, heißt es in dem Schreiben.

Auch der DJV reagierte. In einer Pressemitteilung wirft DJV-Bundesvorsitzender Frank Überall der Talkshow „böswillige Verallgemeinerung zu Lasten eines ganzen Berufsstands“ vor. „Das Durchschnittseinkommen der Freien lag bei unserer letzten Umfrage bei 2.100 Euro monatlich – vor Steuern“, so Überall. In Zeiten von blankem Hass, der Medienvertreter_innen bei Demonstrationen entgegenschlage, sei es unverantwortlich, Ressentiments gegen Journalisten durch einen schlecht recherchierten Einspieler anzuheizen.

 

nach oben

weiterlesen

Keine Sonntagsrede

In Norwegen ist die Freiheit der Presse seit 1814 durch die Verfassung garantiert. Auf eine solch lange und gute Geschichte kann Deutschland nicht blicken. Natürlich nicht. Die Zäsur hin zum Besseren konnte erst mit der Verabschiedung des Grundgesetzes vor 70 Jahren eingeleitet werden. Und musste auf dem Boden vollständiger zivilisatorischer Zerstörung gründen.
mehr »

Sternstunde für den Journalismus

Als „Sternstunde für den Journalismus“ bezeichnete die Vorsitzende der dju in ver.di, Tina Groll, die Enthüllung des Inhalts der so genannten Ibiza-Videos. Süddeutsche Zeitung und Spiegel hatten am Freitagabend Teile eines den Chef der FPÖ und österreichischen Vizekanzler Heinz-Christian Strache kompromittierenden Videos veröffentlicht. Strache ist daraufhin von all seinen Ämtern zurückgetreten.
mehr »

Buchtipp: Gründen Medienfrauen anders?

In Deutschland sind rund ein Drittel aller Selbstständigen Frauen, ihre Anzahl an den Gründern steigt seit Jahren kontinuierlich. Doch welchen Widerständen und Hürden begegnen angehende Unternehmerinnen und Freiberuflerinnen? Und: Gründen Frauen eigentlich anders als Männer – und wenn ja, warum? Antwort auf diese Fragen will die Untersuchung „Female Founders in der Games- und Medienbranche“ der Medienwissenschaftlerin Dr. Sabine Hahn liefern.
mehr »

Zuerst durch das Auge der TV-Kamera

„TV hat den Lead bei der Nachrichtenproduktion übernommen“, hieß ein Panel des European Publishing Congress 2019 in Wien. Programmchef Niki Fellner erklärt, wie aus einer klassischen Zeitung mit Onlinevideos ein erfolgreicher TV-Sender mit angeschlossenem Print-Betrieb wurde. Aber Vorsicht: Interessierte Nachmacher sollten bis zu Ende lesen.
mehr »