Hetzefrei: Wie gegen Hass im Netz angehen

Foto: Thomas Lobenwein

Wer im Netz starke Meinungen zu politischen Reizthemen äußert, muss auf heftigen Gegenwind gefasst sein. „#hetzefrei – wie Medienschaffende mit Hassrede umgehen“ – unter diesem Titel diskutierten Journalist*innen und Autor*innen in Berlin über ihre Erfahrungen und den angemessenen Umgang mit Hate Speech. Geladen hatten die Neuen Deutschen Medienmacher am 22. Juli, dem internationalen Aktionstag für Betroffene von Hasskriminalität.

„Nazis raus!“ hatte ZDF-Redakteurin Nicole Diekmann unlängst getwittert. Auf die Fangfrage, wer denn damit gemeint sein könnte, antwortete sie unvorsichtigerweise mit dem Satz „Jede/r, der/die nicht die Grünen wählt.“ Ohne allerdings den „Zwinker-Smiley“ beizufügen. Auf diese Weise fing sie sich einen veritablen Shitstorm mit rund 100.000 Reaktionen ein, in der Mehrzahl wüste Beschimpfungen. Allerdings auch Ermutigungen, von Außenminister Heiko Maas bis hin zum FC St. Pauli.

Tarik Tesfu, Video-Kolumnist unter anderem bei „Jäger und Sammler“ und dem ZDF, bekennender Feminist, publizistischer Kämpfer gegen Rassismus, Sexismus, Homo- und Islamophobie will Hatern, „die ihren Hass im Netz auskotzen“, keine Plattform liefern. Daher setzt er bei Shitstorms auch schon mal die Kommentarfunktion aus. Er zieht es vor, Menschen, die gerade Hass im Netz abbekommen, zu „empowern“ und lieber konstruktive Kritik zu äußern.

Raphael Thelen, Buchautor und Mitglied der Reportage-Agentur „Zeitenspiegel“, hat umgekehrte Erfahrungen gemacht. Nach einer Reportage über einen AfD-Politiker sah er sich dem Vorwurf ausgesetzt, er würde „mit Rassisten kuscheln“, den Rechten eine Bühne bieten. Wahrscheinlich, weil er auf Twitter seinen Beitrag im „SZ-Magazin“ so angetrailert hatte: „Anderthalb Jahre mit dem AfD-Mann Markus Frohnmaier gestritten, gelacht und Rum getrunken. Obwohl er radikal ist, wie nur geht, war es mir beim Schreiben wichtig, fair mit ihm zu sein.“ Ein Fehler, wie er heute einsieht. Trotz einer Entschuldigung fing er sich herbe Kritik ein, nicht nur aus Antifa-Kreisen, sondern auch von Szene-Promis wie Jan Böhmermann und Sophie Passmann. Dass man gegen ihn als ausgewiesenen Nicht-Rechten „wegen ein paar billiger Klicks und Likes dermaßen nachtrat“, habe ihn sehr enttäuscht.

Mit Rassisten reden?

Uneinigkeit herrschte in der Frage, in welcher Form die Auseinandersetzung speziell mit der AfD geführt werden sollte. Das müsse jeder für sich entscheiden, konzedierte Blogger Tarik Tesfu. Er selbst hat „keinen Bock, mit solchen krassen Rassisten zu quatschen“.

Einen anderen Weg schlägt Nicole Diekmann ein. Als Ex-Kriegsreporterin in der Ostukraine, Frau und Mitarbeiterin des öffentlich-rechtlichen Rundfunks biete sie viel Angriffsfläche für potenzielle Hater. Ihre Strategie: „Ich ziehe immer mal einen raus und führe den vor.“ Und zwar durchaus in seröser Form, aber mit dem Ziel, ihre rund 80.000 Follower die Auseinandersetzung „mitleben zu lassen“. Es gehe nicht nur um die krassesten Hassäußerungen wie Mord- und Vergewaltigungsdrohungen, sondern auch um die permanenten „Nadelstiche – das nervt einfach“. Tatsächlich, da stimmt sie Tesfu zu, müsse jede*r selbst herausfinden, wie mit Hate Speech umgangen werde. Nach ihrer Erfahrung ließen viele Hater auch von ihr ab, sobald sich ihre Follower unterstützend einschalteten. Mit Hilfe von „Hate Aid“, die die übelsten Drohungen gegen sie scannten, sei teilweise auch mit juristischen Mitteln gegen Hassredner vorgegangen worden.

Raphael Thelen klagte nicht gegen seine Hater, „das war es mir nicht wert“. Für die Auseinandersetzung mit der AfD sei Twitter nicht der richtige Ort, ebenso wenig Gerichte oder gar Talkshows. Man müsse aber mit den Rechten reden, um sie zu begreifen. Eine Homestory sei dafür sicher nicht das richtige Format. Bei aller Kritik dürfe man den politischen Gegner „nicht entmenschlichen“. Allerdings habe er jetzt „Angst, nochmal ein Stück über die AfD zu machen, ich fühle mich richtig eingeschüchtert“.

Mehr Zivilgesellschaft im Netz

Nicole Diekmann, im ZDF-Hauptstadtstudio zuständig für die AfD, berichtet regelmäßig, je nach Relevanz. Schließlich sei die AfD die demokratisch gewählte Oppositionspartei im Bundestag und werde vom Verfassungsschutz noch nicht als rechtsextrem eingestuft. Und „der Rundfunkbeitrag wird auch von Leuten bezahlt, die die AfD wählen“.

Für Tarik Tesfu fangen die Probleme schon viel früher an. Öffentlich-rechtliche Sender stellten heute noch die Frage, ob der Islam zu Deutschland gehöre. Da werde ihm schlecht: „Und dann wundert man sich, wenn Menschen in Chemnitz den Hitlergruß zeigen.“ Die diskriminierende Schlagseite in der Berichterstattung liege auch an der geringen Präsenz von Menschen mit Migrationshintergrund in den Redaktionen. Nicht allen Teilnehmern leuchtete der Zusammenhang zwischen Medien, die laut Tesfu „ein System von Islamfeindlichkeit permanent reproduzieren“ und Hitlergruß unmittelbar ein.

„Das Internet ist nicht die Welt, sondern ein sehr kleiner Ausschnitt, wo aber vielfach sehr toxische Kommunikationsformen herrschen“, resümierte Thelen. Wenn man sich aber im Netz herumtreibe, müsse man sich auf positive Aspekte konzentrieren. Keine Lösung ohne eine Veränderung der gesellschaftlichen Strukturen, insistiert Tesfu. Dazu zählen für ihn mehr Diversität in Redaktionen, im Bundestag und anderswo. Und was die Hate Speech angeht: „Wir brauchen mehr Zivilgesellschaft im Netz.“ Eine Position, der auch Diekmann beipflichtet. Das Netz sei fieserweise ein „Verstärker, der erst ab einer gewissen Lautstärke und einer gewissen Tonlage anspringt“. Dies müssten sich Demokrat*innen zu eigen machen. „Wir müssen uns im Netz viel breiter machen“, forderte sie. Und: „Das Netz wird nicht weggehen, der Hass wird nicht weggehen, wir müssen versuchen, ein Bollwerk dagegen zu errichten.“

 

 

 

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