Hohe innere Motivation

Sein eigener Herr sein mit geringerem Verdienst

Eine Studie der Universität Bremen hat die Lebenssituation, Einkommenshöhe und Motivation von „freien“ Solounternehmen in der Medienbranche unter die Lupe genommen. Für M sprach Thomas Gesterkamp mit der Sozialwissenschaftlerin Dr. Sigrid Betzelt.


M | Frau Betzelt, Sie und Ihre Kollegin Karin Gottschall haben vier Jahre lang über „Alleindienstleister in Kulturberufen“ geforscht. Ein Teil ihrer Untersuchungsgruppe waren Journalistinnen und Journalisten. Was interessiert Sie an diesem in den Sozialwissenschaften eher exotischen Thema?

SIGRID BETZELT | Trotz seiner starken Medienpräsenz, dem „hippen“ Image und seiner wachsenden Bedeutung auch als Arbeitsmarkt ist der Kulturbereich ein noch ziemlich unerforschtes Gebiet. Dabei zählen Kunst und Publizistik seit den achtziger Jahren zu den stark expandierenden Sektoren: In Deutschland wuchs die Zahl der Erwerbstätigen allein zwischen 1995 und 2003 um 184.000 auf 780.000. Das ist eine Wachstumsrate von 31 Prozent, während die Gesamtbeschäftigtenzahl stagnierte.
Was uns besonders interessierte, waren die Selbstständigen: Deren Zahl stieg in den Kulturberufen im gleichen Zeitraum viermal so schnell wie die der Selbstständigen insgesamt, nämlich um über 50 Prozent. Im Jahr 2003 waren mehr als zwei von fünf Erwerbstätigen in der Kulturbranche selbstständig, in der Gesamtwirtschaft dagegen nur jede/r zehnte. Dabei ist die große Mehrheit, mehr als acht von zehn selbstständigen KulturberuflerInnen, als „Alleindienstleister“, also ohne Beschäftigte, tätig. Unsere Fragen dazu lauteten: Bilden sich hier neue Muster von Professionalität, oder überwiegen eher prekäre, instabile berufliche Existenzen? Mit welchem beruflichen Selbstverständnis gehen die FreiberuflerInnen an ihre Arbeit, wie gelingt ihnen die Marktbehauptung? Bilden sich neue Formen der solidarischen gegenseitigen Unterstützung – oder sind das alles Einzelkämpfer, getreu dem eher skeptischen soziologischen Konzept des „Arbeitskraftunternehmers“?

M |   Seit ein paar Jahren ist das Nonsens-Wort von der „Ich-AG“ in aller Munde, in den Medienberufen aber hat Soloselbstständigkeit eine viel längere Tradition. Spielt die Publizistik eine Vorreiterrolle?
BETZELT | Unter JournalistInnen war es schon immer üblich, auch freiberuflich zu arbeiten. Die Organisation der Arbeit machte solche flexiblen Beschäftigungsformen notwendig, um möglichst schnell und aktuell zu sein und sich mit verschiedensten, ständig wechselnden Themen befassen zu können. Allerdings haben auch im Journalismus große marktliche, technologische und daher auch arbeitsorganisatorische Veränderungen stattgefunden. Viele Aufgaben, die früher die Festangestellten, auch im technischen Bereich, übernommen haben, müssen heute die Freien selbst leisten. Zudem ist der Journalismus eines der Felder, in das die stark besetzten Jahrgänge von Hochschulabsolventen in den letzten beiden Jahrzehnten hineingedrängt sind – inzwischen oftmals ohne große Chancen auf einen festen Arbeitsplatz. Der Wechsel zwischen freier und fester Tätigkeit ist heute nicht mehr so einfach möglich, weil es relativ weniger Festanstellungen gibt. Die zunehmende Selbstständigkeit hat aber auch zu tun mit veränderten Ansprüchen an die Arbeit, gerade bei den hoch Qualifizierten. Ein hoher Grad an Selbstbestimmung der Arbeitsinhalte, außerhalb betrieblicher Hierarchien, aber auch der Arbeitszeiten und des Orts ist vielen sehr wichtig. Lieber sein eigener Herr oder seine eigene Frau sein, als sich in eine Redaktion mit ihren strengen Abläufen einfügen zu müssen. Dafür wird dann auch ein geringerer Verdienst in Kauf genommen.

M | Wie sieht die Einkommenssituation freiberuflicher Medienarbeiter/innen aus? Unter welchen Bedingungen sind Soloselbstständige erfolgreich?

BETZELT | Alle verfügbaren Quellen – wie Steuerstatistiken, die Künstlersozialkasse oder der Mikrozensus – weisen in die selbe Richtung: Die Verdienste sind mehrheitlich niedrig, sie liegen im Schnitt unter 20.000 Euro im Jahr. Nach unseren eigenen Befragungen von rund 300 Freien erzielten rund 80 Prozent ein Jahresnettoeinkommen zwischen unter 10.000 Euro und 30.000 Euro. Zu beobachten ist dabei eine Polarisierung: Das Gros verdient eher wenig bis mittelmäßig, eine kleine „Elite“ erreicht aber Spitzenverdienste, besonders im Fernsehen und in bestimmten Nischen. Charakteristisch ist auch das schwer kalkulierbare Schwanken des Einkommens, das ja unmittelbar von der momentanen Auftragslage abhängt. Äußere Bedingungen spielen eine große Rolle, also die Sparte, das Hauptmedium, für das man tätig ist, und auch die Region: So lagen die Verdienste im hart umkämpften Berliner Markt generell unter denen Kölns oder Münchens. Fernsehen und Hörfunk bieten bessere Verdienstchancen als der Printjournalismus, und hier besonders als die Tages- und Lokalpresse. Fachjournalismus etwa im medizinisch-naturwissenschaftlichen Bereich wird meist höher honoriert, weil dafür Spezialkenntnisse erforderlich sind. Es geht darum, ob das eigene Profil von Themen und Kenntnissen eine bestimmte Nische besetzen kann, die andere nicht bedienen können – ein knappes Gut erzielt am Markt eben oft höhere Preise. Andererseits muss auch genügend Flexibilität vorhanden sein, um sich auf Veränderungen einzustellen. Wer zu sehr in seinem Spezialthema verharrt, kann irgendwann „abgehängt“ werden. Wichtig ist, mehrere Auftraggeber zu haben und Kundenbeziehungen gut zu pflegen. Zuverlässigkeit und Termintreue sind die Basis, um Folgeaufträge zu bekommen. Es geht um gegenseitiges Vertrauen, das erst gebildet und dann immer wieder unter Beweis gestellt werden muss. Insgesamt sind das sehr hohe Anforderungen, die die Einzelnen zu bewältigen haben. Und gleichwohl gibt es keine Erfolgsgarantie – wenn sich die äußeren Marktbedingungen plötzlich ändern, können schnell mehrere Auftraggeber gleichzeitig „wegbrechen“ – und damit natürlich auch der Verdienst.

M | Was bewegt JournalistInnen, trotz niedriger Verdienste im Beruf zu bleiben?

BETZELT | Die große Mehrheit der Befragten bringt eine hohe innere Motivation mit und identifiziert sich stark mit dem Beruf. Das schafft Bindungen und Befriedigung durch die Arbeit, was oftmals subjektiv höher bewertet wird als der niedrige Verdienst. Viele entwickeln persönliche Strategien, wie sie berufliche Identität  und Existenzsicherung „ausbalancieren“ können: Neben ihrer Kernberufstätigkeit arbeiten sie in benachbarten Feldern, in denen sie zwar ihre fachlichen Ambitionen nicht erfüllen können, die aber besser honoriert werden. Bei JournalistInnen sind das typischerweise die Public Relations, Öffentlichkeitsarbeit. Unter berufsethischen Aspekten ist es durchaus fragwürdig, wenn mit dem „Kerngeschäft“ nicht genug Geld verdient werden kann. Individuell ist diese Mischkalkulation aber eine der wichtigsten Überlebensstrategien. Wir glauben, dass sich hier eine Art neues Erwerbsmuster entwickelt, ein sozialer Wandel, der nicht mehr umkehrbar ist, wie das die Gewerkschaften lange Zeit angestrebt haben. Es wäre eben völlig falsch, die Betroffenen nur als Opfer zu betrachten – was aber nicht heißen soll, dass die teils unglaublich niedrige Bezahlung und die unzureichende soziale Absicherung einfach akzeptiert werden müssen.

M | Welche Rolle spielen für Alleindienstleister private und berufliche Netzwerke?

BETZELT | Viele haben Kontakte zu anderen freiberuflichen KollegInnen der gleichen oder benachbarter Berufszweige aufgebaut. Wichtig ist das gerade für BerufsanfängerInnen, aber auch zur Marktbehauptung: etwa um zu wissen, welche Auftraggeber welche Honorare bezahlen und wo eventuell noch Verhandlungsspielräume liegen. Solche Netze ersetzen teilweise die fehlende Einbindung der FreiberuflerInnen in einen Betrieb – der Austausch, der sonst mit dem Kollegen im Büro läuft, muss selbst organisiert werden. Eine besondere Form hierfür sind Bürogemeinschaften, die viele Vorteile im Arbeitsalltag bieten können – von der Nutzung einer gemeinsamen technischen und räumlichen Infrastruktur über den fachlichen Austausch, gegenseitige Vertretung und Weitergabe von Aufträgen. Eine Rolle spielen auch private Netzwerke, besonders wenn der Beruf mit einem Familienleben in Einklang gebracht werden muss. Denn die Selbstständigkeit bietet zwar Vorteile durch die stärker selbstbestimmten Arbeitszeiten und die Möglichkeit des „home office“. Aber die Anforderungen etwa an zeitliche Flexibilität sind hoch, daher bedarf es eines guten Selbstmanagements und der Unterstützung durch ein funktionierendes soziales Umfeld.

M | Gibt es mehr weibliche Freiberufler als früher?

BETZELT | Das trifft generell zu, Frauen haben einen gewissen „Nachholbedarf“ bei der Selbstständigkeit. Man kann trotz des Zuwachses von einem „gender gap“ sprechen: Die Selbstständigenquote,  also der Anteil an den Erwerbstätigen, liegt unter Männern bei rund 13 Prozent, unter Frauen nur bei etwa 6 Prozent. Ein wichtiger Grund ist, dass Freiberuflichkeit in den von Frauen dominierten Bereichen häufig gar keine Option ist – eine Bürokauffrau oder Bibliothekarin hat diese Möglichkeit kaum. In den publizistisch-künstlerischen Berufen entspricht der Frauenanteil bei den Selbstständigen mit 43 Prozent dem Anteil in dieser Berufsgruppe insgesamt.

M | Für ver.di haben Sie 2004 ein Gutachten zur Alterssicherung von Selbstständigen vorgelegt. Nun gibt es für Medienarbeiter die Künstlersozialkasse. Wo liegt dann das Problem?

BETZELT | Die KSK deckt in der Tat wichtige Risiken wie Krankheit und Alter ab und die Versicherten müssen – im Gegensatz zu anderen Selbstständigen – nur den hälftigen Beitrag tragen. Allerdings gibt es trotzdem Lücken in der sozialen Sicherung: Erstens gewährt die KSK nicht allen Medien- und Kulturschaffenden Zutritt, gerade neuere Berufe wie Webdesigner oder Eventmanager haben oft Schwierigkeiten, anerkannt zu werden. Zweitens ist Schutz gegen längere Krankheit mit höheren Kosten verbunden, die von den Versicherten allein zu tragen sind und die sich viele deshalb nicht leisten können. Zudem ist die Höhe der KSK-Altersrenten aufgrund der niedrigen und stark schwankenden Einkommen im allgemeinen gering. Drittens beinhaltet die KSK keine Absicherung gegen Arbeits- oder Auftragslosigkeit, was aber zum Problem wird, je schwieriger sich die Marktsituation entwickelt. Immerhin gibt es seit Februar 2006 die Möglichkeit für alle Selbstständigen, sich freiwillig in der Arbeitslosenversicherung weiter zu versichern, wenn sie irgendwann vor ihrer Existenzgründung mindestens zwölf Monate lang Beiträge gezahlt haben (M 02/03.2006). Unsere Interviews haben gezeigt, dass viele Freie ihre mangelnde soziale Absicherung als einen der größten Nachteile ihrer Selbstständigkeit sehen. Viele sind phasenweise auf private finanzielle Unterstützung angewiesen, gerade in Flautenzeiten oder bei längerer Krankheit. Diese vormoderne Form der Risikosicherung ist im hochmodernen und hoch qualifizierten Feld der Kulturberufe besonders absurd. Abgesehen davon haben nicht alle Solounternehmer gut abgesicherte Partner oder vermögende Eltern, auf die sie zurückgreifen können.

M | Wie kann gewerkschaftliche Unterstützung für Solounternehmer aussehen?

BETZELT | Das Beratungsnetz mediafon von ver.di ist ein gutes Beispiel, wie Selbstständige gewerkschaftlich unterstützt werden können: fachkundige Beratung durch Profis mit eigener freiberuflicher Erfahrung, und dies in einem schnellen, modernen Kommunikationssystem. Solidarische Unterstützung bei der Aushandlung von angemessenen Honorarstandards, und Information und Beratung über bestehende Rechte sind wichtig; die informellen Netzwerke müssen gestützt oder wo erforderlich auch geschaffen werden, damit die Isolation der Solounternehmer aufgebrochen wird. Gewerkschaften sollten sich dafür einsetzen, dass bestimmte Leistungen, die Angestellte vom Unternehmen erhalten – zum Beispiel Weiterbildung – auch für FreiberuflerInnen bezuschusst werden. Auf gesellschaftlich-politischer Ebene sollten sich Gewerkschaften für eine bessere soziale Absicherung der Selbstständigen einsetzen – so wie das ver.di oder die GEW heute schon tun.

Die Studie

Karin Gottschall und Sigrid Betzelt forschten am Zentrum für Sozialpolitik der Universität Bremen vier Jahre lang über „Alleindienstleister in Kulturberufen“. Die Studie basiert auf über 300 schriftlichen Befragungen,  42 biografischen Interviews sowie 19 Expertengesprächen. Freie Journalisten stellten die größte Untersuchungsgruppe, daneben gaben auch Designer, Übersetzer und Lektoren Auskunft. All diese „künstlerisch-publizistisch“ Tätigen bezeichnen die Sozialwissenschaftlerinnen als „kreative Wissensarbeiter“.
Typische Merkmale dieser Berufsgruppe sind die lange Tradition „selbstständiger Erwerbsformen“ und eine wachsende Akademisierung: Rund 80 Prozent der Solounternehmer im Medienbereich haben nach der Erhebung einen Hochschulabschluss.
Kontakt: Universität Bremen,
Zentrum für Sozialpolitik, Parkallee 39,
28209 Bremen. Telefon 0421 / 218 – 43 57 sbetzelt@zes.uni-bremen.de

tg
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