„Ich vertraue Afghanistan noch immer“

In seinen Tagträumen erlebt Protagonist Qodrat Szenen wie aus einem Bollywood-Film. Foto: Virginie Surdej

Shahrbanoo Sadat erzählt in ihrem Film „Kabul Kinderheim“ von dem Leben in einem Waisenhaus in Afghanistan ab Ende der 1980er Jahre – und von der Magie des Kinos. Bis zum Einmarsch der Taliban im August dieses Jahres lebte Sadat in Kabul. Dann floh sie mit ihrer Familie und wohnt nun in Deutschland. Anlässlich des Kinostarts spricht sie im Interview mit M über ihre letzten Tage in Kabul, die Liebe der Afghan*innen zu Bollywood und darüber, wie die jüngsten Ereignisse in Afghanistan ihre Sicht auf ihren eigenen Film verändert haben.

Sie sind erst vor wenigen Wochen aus Kabul geflohen und sind jetzt in Hamburg. Wie geht es Ihnen?

Das ändert sich von Tag zu Tag. An manchen Tagen bin ich ziemlich verzweifelt und möchte nur zurück nach Kabul, in meine Wohnung. An anderen Tagen denke ich: Ok, ich bin jetzt eben hier. Es ist schon merkwürdig – hier kann ich einfach so durch die Straßen laufen und es gibt keine Explosion und keinen Anschlag. Ich glaube, ich habe noch nicht ganz begriffen, dass ich auf Dauer hier bin. Ich bin es gewohnt zu reisen und manchmal fühlt es sich an wie eine Reise, von der ich wieder zurückkehre.

Wie haben Sie den Einzug der Taliban in Kabul erlebt?

Das war eine große Überraschung für mich, wie wahrscheinlich für alle. Ich glaube sogar, die Taliban selbst waren überrascht, weil sie nicht damit gerechnet haben, dass sie Kabul so leicht einnehmen würden. Als sie in Kabul einzogen, war ich gerade bei der Bank und habe versucht, Geld abzuheben. Ungefähr 500 andere Leute waren da. Es gab kein Bargeld, und als die N

„Ich wollte mir den Film gar nicht mehr anschauen“ Shahrbanoo Sadat über ihren Film „Kabul Kinderheim“ kurz nach ihrer Flucht aus Afghanistan. Foto: Sarah Schaefer

achricht herumging, dass die Taliban kommen, schmissen die Angestellten uns raus. Wir standen auf der Straße und dann sahen wir sie in ihren Fahrzeugen und mit ihren weißen Flaggen. Diese ganze Situation kam mir völlig unwirklich vor, wie in einem Film. Wir dachten: Wir sitzen in der Falle, sie werden uns töten. Die Taliban haben dann eine Amnestie verkündet. Aber das war natürlich nicht wahr.

Sie konnten mit einem Flugzeug der Franzosen das Land verlassen. Wie war die Flucht für Sie?

Meine Wohnung ist zu einem Zufluchtsort geworden. Meine Eltern kamen, meine Schwestern, mein Bruder, Leute aus meiner Filmcrew. Wir waren plötzlich 20 Menschen, und alle schauten auf mich, weil ich Kontakte im Ausland habe. Erst wurde uns gesagt, dass wir zu Hause bleiben und auf einen Anruf warten sollen. Doch der kam nicht. Dann sind wir zum Flughafen gefahren. Einige Länder boten mir einen Platz in einem Flugzeug an. Aber nur mir. Ich wusste, dass sich niemand mehr für meine Familie interessieren würde, wenn ich weg bin. Die Franzosen boten mir schließlich zehn Plätze an. Und dann musste ich die Entscheidung treffen, nur zehn Menschen mitzunehmen, nicht alle 20. Wer bin ich, über so etwas zu entscheiden? Ich freue mich für meine Familie, aber ich fühle mich schlecht, weil ich auf der Liste stand und andere Menschen nicht.

Wie ist es für Sie, nun nicht mehr in Afghanistan zu sein?

Viele Menschen haben schon vorher keine Zukunft in Afghanistan gesehen. Auszuwandern war immer ein Thema. Auch meine Familie wollte, dass ich gehe. Aber ich wollte nicht. Ich bin erst vor vier, fünf Monaten in mein neues Apartment in Kabul gezogen. Ich habe mein ganzes Geld in diese Wohnung gesteckt. Für mich hatte das etwas Symbolisches, ich wollte meiner Familie zeigen: Das ist mein Zuhause. Ich bleibe hier. Ich vertraue Afghanistan.

Wie sehen Sie die Zukunft des Landes?

Es ist seltsam, aber ich vertraue Afghanistan noch immer. Ich habe nicht den Eindruck, dass die Taliban in der Lage sind, Afghanistan zu regieren. Das ist eine terroristische Gruppe. Sie wissen absolut nicht, wie man dieses Land führt. Ich glaube nicht, dass sie Afghanistan für immer übernehmen, vor allem, weil sich jetzt in Pandschschir und in anderen Landesteilen Widerstand formiert. Meine größte Angst ist es, dass wieder ein Bürgerkrieg ausbricht.

Kabul Kinderheim“ spielt zur Zeit des sowjetischen Abzugs aus Afghanistan und zeigt, wie die Mudschaheddin das Land übernehmen. Der Film feierte 2019 Premiere. Wie ist es für Sie, jetzt den Kinostart zu begleiten?

Ich wollte mir den Film gar nicht mehr anschauen. Als ich ihn dann doch gesehen habe, habe ich ihn völlig anders wahrgenommen als vorher. Der Film basiert auf dem Tagebuch meines Freundes Anwar Hashimi, der auch im Film mitspielt. Ich habe das Buch unzählige Male gelesen und viel für den Film recherchiert. Ich habe sogar ein bisschen Russisch gelernt. Aber eigentlich verstehe ich erst jetzt wirklich, was ihm passiert ist, weil ich es nun genauso erlebt habe. Dieses Gefühl, nicht zu wissen, was als Nächstes geschieht. Dass das vielleicht der letzte Moment meines Lebens ist. Ich habe das Gefühl, dass die Geschichte sich wiederholt.

Sie haben bei dem Film Regie geführt und das Drehbuch geschrieben. Ihr Filmteam bestand größtenteils aus Frauen. Der Film selbst handelt aber fast nur von Jungs und jungen Männern, die auch mal den einen oder anderen sexistischen Spruch von sich geben. Was interessiert Sie an dieser Jungs-Welt?

Ich bin mit Jungs aufgewachsen, was keine Selbstverständlichkeit ist. Als ich elf Jahre alt war, zog meine Familie von Teheran nach Zentralafghanistan. Die Schule im nächsten Dorf war zu Fuß drei Stunden entfernt – und nur für Jungs. Auch später in der Sekundarschule war ich nur unter Jungs und männlichen Lehrern. Niemand hat mit mir gesprochen, mir blieb nichts anderes übrig, als genau zu beobachten. Als ich dann Anwar kennenlernte und sein Tagebuch las, fühlte sich das alles sehr vertraut an.

In Ihrem Film gibt es immer wieder Szenen, die an Bollywood-Filme angelehnt sind. Wie wichtig ist die Bollywood-Kultur für Afghanistan?

Bollywood spielt eine sehr große Rolle in Afghanistan. Es mag naiv klingen, aber die jetzige Situation hat auch mit der Liebe der Afghanen zu Bollywood zu tun. Es gibt schwere Konflikte mit dem Nachbarn Pakistan, der die Taliban unterstützt. Die Pakistanis wollen eine afghanische Regierung, die auf der Seite Pakistans steht, nicht auf der Seite Indiens. Aber die Zuneigung zu Indien ist unglaublich groß bei den Afghanen. Jeder in Afghanistan spricht fließend Urdu, weil die Menschen so viele Bollywood-Filme gucken. Indien ist wie ein zweites Zuhause. Für Pakistan ist das ein Problem.

Wie steht es um die Filmindustrie in Afghanistan? Gibt es überhaupt noch eine?

Es wird jetzt viel darüber gesprochen, dass die Taliban Filme und Kultur ablehnen. Aber auch in den vergangenen 20 Jahren ist in diesem Bereich praktisch nichts passiert. Wir haben keine Grundlagen geschaffen. Afghanistan gehörte zu den korruptesten Ländern weltweit, es ging vor allem um persönliche Vorteile. Es gab sehr viel Geld in Afghanistan und viele Möglichkeiten, aber die haben wir nicht genutzt. In den vergangenen Jahren sind so gut wie keine Filme entstanden, mit wenigen Ausnahmen. Es gab meinen Film, es gab einen Dokumentarfilm der Filmemacherin Sahra Mani, die jetzt in Frankreich ist. Aber das sind Einzelfälle. Eine Netzwerk, eine Bewegung – das gab es auch vorher nicht.


Kabul Kinderheim, Regie und Drehbuch: Shahrbanoo Sadat

Der Film Kabul Kinderheim

Der 15-jährige Qodrat wird beim Verkauf von Kinotickets auf dem Schwarzmarkt geschnappt und in ein sowjetisches Kinderheim gebracht. Dort findet er Freunde und verliebt sich, erlebt aber auch eine schreckliche Tragödie. Zugleich ändern sich die politischen Verhältnisse dramatisch. Tagträume, die an das Bollywood-Kino erinnern, begleiten Qodrat bei seinen Erlebnissen. Shahrbanoo Sadat (Jahrgang 1990) hat für „Kabul Kinderheim“ (Originaltitel: „The Orphanage“) mit Laienschauspielern gearbeitet, die auch schon in ihrem 2016 erschienenen Film „Wolf and Sheep“ mitspielen. Beide Filme basieren auf den Tagebüchern von Anwar Hashimi, drei weitere Filme in der Reihe sind geplant. Kinostart von „Kabul Kinderheim“ ist am 4. November.

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