Idealistin mit Blick aufs Wesentliche

Anneliese Fikentscher und die Arbeiterfotografie im 80. Jahr

Arbeiterfotografie meint zweierlei: Erstens Arbeiter, heutzutage auch Arbeiterinnen, als Fotografen/innen. Zweitens Fotos, die Arbeiter/innen, die Arbeitswelt und die soziale Wirklichkeit dokumentieren.

Vor 80 Jahren ging es dem sozialistischen Verleger Willi Münzberg und seinen Mitstreitern in Erfurt bei der Gründung der Arbeiterfotografie als Kulturorganisation der Arbeiterbewegung darum, Lebens- und Arbeitswelt „einfacher Menschen“ ins öffentliche Bild und Bewusstsein zu setzen. Daran hat sich seit der Wiederbelebung des Bundesverbands Arbeiterfotografie 1978 wenig geändert: die Verheerungen, die kapitalistisches Wirtschaften beim Menschen und in der Natur anrichtet, Kriege und Friedensbewegung, soziale und bürgerschaftliche Aufbrüche sind die Bildmotive, nach wie vor sind auch politischer Austausch sowie die Kunst der Fotografie ein Anliegen der in regionalen Gruppen arbeitenden Verbandsmitglieder. In Köln lebt und arbeitet mit Anneliese Fikentscher, zweite Vorsitzende des Bundesverbandes, eine der aktivsten Arbeiterfotografinnen. Sie wohnt als geborene Kölnerin mit ihrem Lebensgefährten, auch er ein Arbeiterfotograf, im eigenen Jahrhundertwendehaus „mit bröckelnder Fassade“ im alten Arbeiterviertel Nippes. Im Erdgeschoss befindet sich seit 1990 die Galerie der Arbeiterfotografie.

Weder Anneliese Fikentschers fotografische noch ihre geistige Politisierung geschahen im Elternhaus, obwohl „der Vater ein richtiger Arbeiter“ war, treuer SPD-Wähler und Gewerkschafter mit festem Weltbild: Die Kinder müssen was Anständiges lernen, aber nicht lange zur Schule gehen, und erst als Erwachsene erfuhr die Tochter, „dass es nette Kommunisten gibt“. Immerhin ließ sich der Vater auf eine Friedensdemonstration Anfang der 80er Jahre mitnehmen, auf der wiederum Anneliese sich wunderte, „wie viele Polizisten da waren“: Die Unschuld der im Jahre 1953 für „68“ zu spät Geborenen. Nach der Hauptschule, einer Lehre als Rechtsanwaltsgehilfin und der Geburt ihres Sohnes 1975 holte sie als alleinerziehende Mutter die Fachhochschulreife nach und studierte Fotoingenieurin, „das Technische hat mich interessiert, nicht so sehr, welche Blende man nehmen muß“. Aber kreativ sein wollte sie schon und suchte Bildinhalte, die ihrem wachsenden Engagement in Friedensbewegung und Gewerkschaft entsprachen. Es kam zu ersten Begegnungen mit der Arbeiterfotografie, an der FH organisierte sie in den 80ern zum 1. Mai ihre erste Ausstellung. Inzwischen arbeitet sie seit vielen Jahren als Kamerafrau beim WDR. Digitale Bildbearbeitung hat sie früh gereizt, sie trauert „keine Sekunde“ alten Zeiten nach, „das fand ich nie romantisch, in der Dunkelheit in stinkender Brühe zu wühlen“. Viel schöner findet sie es „bei Tageslicht am PC“ zu sitzen und „technisch unheimlich viele Möglichkeiten, quasi ein eigenes Farblabor“ zu haben.

Ein lebendiges Stück Himmel

„Arbeiterfotografie ist eine Waffe der Zeit. Sie entnimmt ihre Motive der sozialen Gegenwart, berichtet über den politischen Kampf und sucht ihn durch die anklagende Aufzeichnung der furchtbaren Wirkungen der kapitalistischen Wirtschaftsanarchie zu steigern“, schrieb Hermann Leupold, in den 30er Jahren Präsident der Arbeiterfotografen. Ein Satz, den Fikentscher genauso sagen würde. Sie bezeichnet sich als „Idealistin“: „Frieden, Menschenwürde, Gerechtigkeit sind meine Themen, ich bin überzeugt, dass man die mit Fotos in die Diskussion bringen kann.“ Eines ihrer Lieblingsfotos (von Karin Richert), zeigt das Grafitti „Respekt!“, als Postkarte wirbt das Motiv um Sponsoren für den Verein. Seit Beginn des Krieges gegen Afghanistan führt Fikentscher in ihrer eher leisen, aber hartnäckigen und konsequenten Art, ein fotografisches „Kriegstagebuch“ mit täglich zwei Motiven: Einem „leblosen“ Gebäudeteil, „als etwas von Menschen Geschaffenes“ und einem lebendigen Stück Himmel, eine künstlerisch feine, fast philosophische Arbeit.
Der Idee der Arbeiterfotografie folgend hat sie mit anderen den Widerstand Kölner Bürgerinnen und Bürger gegen den Abriss eines intakten Wohnviertels durch die Stadt dokumentiert. „Gesichter einer Stadt“ sieht man auf der Fotoserie aus einem Roma-Lager, sie wird zur „interkulturellen Woche“ ausgestellt. Dass auf dem Tisch in der Galerie Abrecht Müllers Bestseller „Machtwahn“ liegt, ist kein Zufall, das Buch will Fikentscher jetzt lesen, nachdem sie gerade Hesses „Glasperlenspiel“ durch hat. Sie liest abseits von Moden und „sehr überlegt“, nur Fotobücher immer.
Das einzelne Foto ist immer noch wichtig mit seiner künstlerischen und politischen Aussage, gleichbedeutend aber sind der modernen Arbeiterfotografie thematische Ausstellungen, ein ungewöhnlich stark frequentierter Internetauftritt, Plakataktionen und zunehmend medienkritische Veranstaltungen und Texte. Zweimal jährlich erscheint unter Fikentschers Verantwortung das auch international geschätzte Fachmagazin „Arbeiterfotografie – Forum für engagierte Fotografie“ mit aktuellen und historischen Fotoreportagen, Fotografen/innenporträts, kritischen Essays und Rezensionen, ein Nachfolger des Verbandsorgans „Der Arbeiterfotograf“.

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