Impulse erwartet

Öffentlichkeit, Journalismus und die Kommunikationswissenschaft

„Dass der Journalismus in 50 Jahren noch existiert – davon bin ich überzeugt!“ Der Kommunikationsforscher Klaus-Dieter Altmeppen verweist auf die Orientierungsfunktion der Medienbranche: „Sie können an den Bundeswahlleiter schreiben und sich alle Parteiprogramme schicken lassen… Aber es ist doch viel schöner, wenn die AZ (Allgemeine Zeitung Mainz) jetzt irgendwann eine Doppelseite macht: Aussagen der Parteien zur Verteidigungspolitik, zur Bildungspolitik – das ist das, was Journalismus leisten muss und das wird er auch in 50, in 100 Jahren noch leisten. Die Finanzierungsmodelle ändern sich wahrscheinlich, aber „der Journalismus wird in seiner Grundbedeutung bestehen bleiben.“


Altmeppen ist Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, kurz DGPuK. Mittlerweile hat die vor 50 Jahren gegründete Fachgesellschaft 900 Mitglieder, die sich mit Fragen zu Medien und Gesellschaft befassen. Die Jubiläums-Jahrestagung in Mainz thematisierte die Leistungen der Kommunikationswissenschaft und die Herausforderungen, vor denen sie heute steht. M hat aus Gesprächen, Diskussionen und Statements einige Antworten auf die Kernfragen zusammengestellt.

Die Medienwelt verändert sich immer rasanter. Welche Rolle spielen klassische kommunikationswissenschaftliche Ansätze da noch?

Gängige empirische Forschung als „Chronist des Medienwandels“ hat weiterhin Einfluss auf medienpolitische Diskurse und Entscheidungen. Die Mainzer Professorin Birgit Stark erklärt, Studien zu Internetnutzung und Medienkompetenz erleichtern z.B. die Anpassung der Jugendmedienschutzrichtlinien an neue Kommunikationsformen, die durch das interaktive Web 2.0 entstanden sind.
Durch Nutzungsstudien wurde auch deutlich, dass 96 Prozent der Deutschen bei ihrer Textsuche im Internet Google verwenden, so dass die kommerzielle Suchmaschine zum „Flaschenhals für Informationsströme“ wird. Den meisten ist dabei gar nicht bewusst, nach welchen Auswahlkriterien die Ergebnisse zusammengestellt werden. Diese Erkenntnisse stießen im September 2012 eine Regulierungsdebatte bei den Landesmedienanstalten an: Google müsse transparenter werden und öffentlich-rechtliche Konkurrenz bekommen. Der Direktor der Medienanstalt Berlin-Brandenburg, Hans Hege, plädierte dafür, einen Teil der Rundfunk-Haushaltsabgabe für die Forschung zu einer Art öffentlich-rechtlicher Suchmaschine zu verwenden.

Profitiert die journalistische Praxis auch von solchen Studien?

Ja. Journalisten brauchen „Wissen über ihr Publikum, wie es tickt“, so Rezeptionsforscherin Stark. Entsprechende Langzeitstudien seien „hilfreich“, meint auch Tanjev Schultz von der Süddeutschen Zeitung und FAZ-Redakteur Jürgen Kaube macht sich Gedanken über „zwei Typen von Lob, die nicht zu einander passen. Das eine Lob heißt: „Das wusste ich noch gar nicht!“, das andere „Endlich sagt’s mal einer!“ Sowohl Redundantes („80 schwedische Krimis in der Woche“) als auch Überraschendes, auf das „Zeitungen eigentlich per se setzen müssen“ würde genossen. Eine interessante Forschungsfrage sei, wie sich diese widersprüchlichen Publikumspräferenzen entwickeln: Gibt es Obergrenzen, Ermüdungserscheinungen?
„Qualitätsjournalismus“ ist das Zauberwort, wenn es um die Zukunft der Medienprodukte geht. So erwartet SZ-Redakteur Schultz von der Kommunikationswissenschaft „Impulse für anspruchsvollen Journalismus auch in Hinblick auf die Ethik des Journalismus“. Kritische Studien zur Qualität der Berichterstattung stoßen bei Praktikern jedoch nicht immer auf offene Ohren. „In der Schweiz gibt es seit drei Jahren ein Qualitätsmonitoring, wie sich Standards verändert haben“, so Stark. Nach der Feststellung, dass die Berichterstattung zunehmend von Boulevardisierung und Skandalisierung geprägt ist, wird die Studie von Medienseite nun heftig kritisiert, einige berichten nicht mehr daüber. Im Dezember 2012 schrieb Stephan Ruß-Mohl im „European Journalism Observatory“ (EJO), einer Internetplattform, die einen Beitrag zur Qualitätssicherung im Journalismus leisten will: „In der Schweiz beschweigen die beiden größten Printverlage Tamedia und Ringier – als hätten sie sich abgesprochen – Forschungsergebnisse zum Zustand und zu den Aussichten des Journalismus, die 60 Medienforscher um Kurt Imhof mit ihrem „Jahrbuch Qualität der Medien Schweiz“ vorgelegt haben. Und der Präsident des Verbands Schweizer Presse, Hanspeter Lebrument, ließ seinen Geschäftsführer bereits gegen die Wissenschaftler heftig lospoltern, bevor er und seine Mitstreiter überhaupt eine Chance hatten, das Jahrbuch inhaltlich zur Kenntnis zu nehmen.“
Ein Beispiel für den dritten klassischen Forschungsbereich, die Berufsfeldforschung, ist die intensive wissenschaftliche Begleitung bei der Entwicklung von Newsroom-Konzepten. So hatte Stark 2008 Experteninterviews in Wiener Zeitungsredaktionen geführt, in denen Strategien zur Zusammenführung der Ressorts Print und Online entwickelt werden sollten. Sie stellte fest, dass die „Barrieren in den Köpfen“ der Redakteure größer als vermutet und eine Förderung von crossmedialem Arbeiten über die Veränderung räumlicher Strukturen „der falsche Weg“ waren.

Kommunikationswissenschaft gibt Impulse für Medienpolitik und Journalismus. An welche Grenzen stößt sie beim Erforschen der neuen Medienwelt?

Ihr Untersuchungsgegenstand wird entgrenzt: Es geht nicht mehr um einzelne Medien, sondern um Kommunikation. Wegen der immensen Informationsflut sind Inhaltsanalysen einzelner Medien, z.B. Tageszeitungen, immer uninteressanter. Wichtiger wird die Beobachtung von Kommunikationsprozessen und ihren Themen. Wenn man etwa Relevanz und Einfluss politischer Botschaften untersuchen will, muss man die Verknüpfung von traditionellen und online-Medien in den Blick nehmen – ihr Wechselverhältnis, wie sich ihre Bedeutung verschiebt.
Ausgangspunkt sollte dabei die mediale und interpersonale Kommunikation sein – im Alltag, am Arbeitsplatz und in sozialen Netzwerken. Die Occupy-Bewegung in den USA etwa kam über soziale Netzwerke in den Mainstreammedien-Diskurs. Kommunikation diene zwar weiterhin dem Austausch von Nachrichten, helfe aber zunehmend auch bei der gesellschaftlichen Organisierung von Protesten, so der US-amerikanische Wissenschaftler Lance Bennett.

Lässt sich diese grenzenlose Kommunikation überhaupt noch analysieren?

Empirische Forschung hat es in der Tat mit immer größeren, unüberschaubaren Datenmengen zu tun. Welche Herausforderung „big data“ für die Forschung ist, demonstriert Bennett an einer Analyse der Internetkommunikation der Occupy-Bewegung in den USA: Aus 60 Millionen Tweets wurde ein Sample von 30.000 Kurznachrichten gebildet, das nur mit Hilfe von Computerprogrammierern analysiert werden konnte. Der Journalismus steht vor ähnlichen Problemen, wenn er seine Orientierungsfunktion erfüllen will. Der „Offshore-Leaks“-Journalistenpool konnte das Informationsmaterial zu Steueroasen im Frühjahr 2013 auch nur mit Hilfe von Datenspezialisten aufbereiten.

Wo sind neue Denkansätze und Methoden notwendig?

Die DGPuK hat auf ihrer Jahrestagung Empfehlungen zur Methodenausbildung in Bachelor-Studiengängen verabschiedet, um Standards für gute wissenschaftliche Praxis zu setzen. Wegen der großen Datenmengen sind Inhaltsanalysen zunehmend computergestützt, aber auch bei Befragungen, Beobachtungen und anderen Methoden verändert sich einiges. „Es gibt jetzt wieder mehr qualitative Forschungsmethoden.“ Rezeptionsforscherin Stark erläutert: „Wegen der stärkeren Ausdifferenzierung des Nutzungsverhaltens braucht man zunächst explorative Forschung, um die Ergebnisse dann durch repräsentative Daten zu stützen.“
Es sind die enormen Datenmengen, die Theorie geleitete Vorentscheidungen erfordern: Was ist die Forschungsfrage und warum ist sie wichtig? Auch normative Ausgangspositionen werden relevanter. Die Schweizer Kommunikationswissenschaftlerin Gabriele Siegert: „Wenn wir uns nicht ökonomischen und technologischen Imperativen ausliefern wollen, müssen wir selber darüber diskutieren und entscheiden, wo unsere Partizipationsfähigkeit und unsere Ressourcen hinfließen.“

Diese Entscheidungen sind eine Sache des Standpunktes. Wo steht die Kommunikationswissenschaft?

Siegert plädiert für mehr „Gesellschaftsnahe Forschung, die dann nicht unbedingt normativ argumentierend sein muss, aber die aufzeigen muss, welche Akteursgruppen profitieren von welchen Konstellationen und kollidiert das z.B. mit unseren Vorstellungen von Demokratie und Zivilgesellschaft.“
DGPuK-Vorsitzender Altmeppen erläutert diese Position am Beispiel von Untersuchungen zur Internetnutzung. Der IT-Verband Bitcom, der im Mai 2013 dazu gerade eine Studie veröffentlichte, „macht das natürlich als Fachverband mit spezifischen Interessen. Das ist legitim, das ist völlig in Ordnung, nur es beeinflusst diese Untersuchung. Wir aber haben den Dauerauftrag von der Gesellschaft, das zu untersuchen. Wir werden alimentiert durch die Gemeinschaft und wir geben genau dieses zurück, wenn wir fragen, was bedeutet die Internetnutzung für Veränderungen in der Gesellschaft – wenn ich als Vater von drei Kindern sehr froh darüber bin, dass ich mit ihnen rund um die Welt über Medien kommunizieren kann, aber ich auch vor völlig neuen Herausforderungen stehe, was die Medienkompetenz und Mediensozialisation angeht. Das ist so ein schleichender Wandel in der Gesellschaft, den wir beobachten müssen, da er alle betrifft.“

Vor welchen neuen Herausforderungen steht die Forschung heute?

Nicht nur Denkansätze und Methoden müssen an die sich wandelnde Medienwelt angepasst werden. Auch die Rahmenbedingungen für die Forschungsarbeit selbst verändern sich. Öffentliche Gelder werden immer knapper und Drittmittel immer wichtiger. Bei der Deutschen Forschungsgemeinschaft DFG herrscht ein „starker Wettbewerbsdruck“. Wichtig sind große internationale und interdisziplinäre Projekte, aber – so Birgit Stark – „Es ist nicht immer leicht, im großen Verbund gute Forschung zu machen, denn es gibt sehr unterschiedliche Forschungskulturen.“
Anlässlich ihres Jubiläums dokumentiert die DGPuK die Forschungsleistung der Kommunikationswissenschaft in einer Broschüre „50 Fragen – 50 Antworten“. Im Kapitel zu Journalismus wird z.B. gefragt: „Wie viel Macht haben Journalisten?“, „Wird es bald keine gedruckte Tageszeitung mehr geben?“ oder „Werden Medieninhalte immer schlechter?“ In einem Beitrag „Kann Journalismus objektiv sein?“ heißt es u.a.: „Absolute Realität ist prinzipiell unerreichbar. Denn Journalisten verdichten Realität … mit Blick auf den Erkenntnisprozess.“ Das hat auch die Autorin dieses Beitrags versucht!

Die Broschüre der DGPuK steht im Internet unter:
www.dgpuk.de/uber-die-dgpuk/

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