In der Bredouille

Jasmin Kchaou beim SWR in Baden-Baden Foto: privat

Ausbildung in der Pandemie-Zeit: Weniger Austausch, weniger Lehrverträge

Der Herbst kommt und mit ihm ein neues Ausbildungs- und Studienjahr. Die Corona-Pandemie hat die Ausbildungszeit für diejenigen, die schon bald ihre Abschlussprüfungen im Blick haben, zumindest im zweiten Teil geprägt. Jüngere haben bisher nur wenig Normalsituation erlebt. Wie weit Homeoffice und Homeschooling die Ausbildungszeit der jetzt Einsteigenden prägen werden, ist ungewiss. Die Zeit ihrer Berufs- und Ausbildungssuche hat die Pandemie jedenfalls mitbestimmt.

Als Jasmin Kchaou sich auf einen Platz als Kauffrau für audiovisuelle Medien am SWR-Standort Baden-Baden bewarb und 2019 ihre Ausbildung antrat, war von Corona noch keine Rede. Alle zwei Wochen ging es anderthalb Tage in die Berufsschule nach Stuttgart, wo sie neben den Kolleginnen und Kollegen aus dem eigenen Haus auch junge Leute aus anderen Medienbetrieben traf. Dann war der Berufsschultag nur noch online. Das Homeschooling klappte, je nach digitalen Fähigkeiten der Lehrer*innen, unterschiedlich gut.

Mit dem Alter der Lehrkräfte hatte das nach ihrer Beobachtung wenig zu tun. Auch wenn sie beim Homeschooling allein zuhause saß, wurde doch viel in digitalen Gruppen gearbeitet. Jenseits des Unterrichts fanden die Azubis ebenfalls online zusammen, berichtet die junge Medienkauffrau, die zumindest die Fahrten nach Stuttgart nicht vermisst hat. Vor den Sommerferien waren die allerdings auch für Prüfungen wieder angesagt.

Je nachdem, in welcher Abteilung Jasmin Kchaou eingesetzt war, hat sie im Homeoffice gearbeitet, mit Headset und Laptop des Senders, in Online-Seminaren gelernt und Digitalkontakt zu den Ausbilder*-innen gehabt. Wenn sie in Redaktionen mit Live-Sendungen bei der Produktion dabei war, galten nicht nur die üblichen AHA-Regeln, sondern das Hygienekonzept des SWR Krisenstabs. Das sei strenger als in anderen Unternehmen, meint Kchaou. Zuletzt hat sie bei der Aufnahme des „Tatorts“ gearbeitet, berichtet sie in einem Online-Gespräch aus ihrem Bildungsurlaub im ver.di-Jugendcamp am Bodensee. Das hieß für Kchaou Einsatz im Produktionsbüro, bei der Aufnahmeleitung oder bei den Corona-Tests am Set. Mit dem „Tatort“ als Aushängeschild wirbt der SWR auf seiner Karriere-Seite übrigens für die Vielfalt der dort benötigten Berufe (Planet Schule).

„Es gab keine Corona-bedingten Ausbildungsabbrüche“, resümiert Anja Görzel-Bub von der SWR-Pressestelle die Situation. Grundsätzlich halte man im SWR den direkten persönlichen Kontakt mit den Kolleg*innen für sehr wichtig für die Auszubildenden. Allerdings sei nicht auszuschließen, „dass auch in Zukunft ein (kleiner) Teil der Ausbildung aus dem Homeoffice erfolgt.“ Die Arbeitswelt habe durch die Pandemie „einen Push in Richtung Digitalisierung“ erhalten: „Der SWR und die Gewerkschaften verhandeln derzeit über einen neuen Homeoffice-Tarifvertrag, der für alle Beschäftigten gelten soll.“

Praktika abgesagt

Durch die Pandemie sind „Jugendliche und junge Erwachsene derzeit von zwei Seiten her in der Bredouille: Sie können noch schlechter als bisher der Planungsanforderung entsprechen und sie können viel weniger auf die Ressourcen zurückgreifen, die sie sonst im Umgang mit diesen Anforderungen unterstützten.“ „Erwachsen werden in Zeiten der Pandemie“ bedeute, sich in einer immer schon schwierigen Übergangsphase zurecht zu finden, wo vieles, was sonst bei der Orientierung hilft, plötzlich fehlt, unterstreicht Barbara Stauber im Blog „Soz Päd Corona“, einer Initiative der Kommission Sozialpädagogik der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft. Praktika wurden abgesagt oder verschoben. Ganze Bereiche wie Kultur- und andere Veranstaltungen waren zu partiellem Leerlauf gezwungen. Direkte Kontakte zu Lehrer*innen oder Gleichaltrigen fanden vielfach nicht statt. Bildungsmessen wurden erst abgesagt, dann ins Internet verlegt.

Manche Ausbildungen würden von Jugendlichen nach den Corona-Erfahrungen als „Sackgassen“ empfunden. Das habe sie bei der Berufswahl zögern lassen, hat der Erziehungswissenschaftler Andreas Walther von der Goethe-Universität Frankfurt/Main beobachtet. Der schon 2019 beobachtete Rückgang der Bewerberzahlen für duale Berufsausbildungen aus demographischen Gründen habe kleinere Betriebe veranlasst, nach erfolgloser Azubi-Suche keine Lehrstelle mehr anzubieten. Mit rund zwei Prozent hatte das Bundesinstitut für Berufsbildung dies für 2020 veranschlagt. Im Sommer 2020, nach den ersten Monaten im Lockdown, ging die Zahl der angebotenen Ausbildungsplätze tatsächlich um rund neun Prozent zurück. Im Herbst 2020 blieben trotzdem fast 13 Prozent der angebotenen Azubi-Plätze unbesetzt. Im „Datenreport 2020“ des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) wird dies auch mit dem Zögern vieler Abiturient*innen und Fachabiturient*innen begründet, sich in dieser Situation für eine konkrete duale Ausbildung zu entscheiden. Sie hätten stattdessen erst mal die Online-Angebote der Hochschulen vorgezogen. Das BIBB spricht von einer „Verzögerung des Ausbildungsgeschehens“.

Nach den endgültigen Ergebnissen für 2020 konstatiert das Statistische Bundesamt Destatis ein Minus von 9,3 Prozent bei den neuen Ausbildungsverträgen und spricht von einem „historischen Rückgang“, dem größten seit Beginn der Erhebung dieser Daten im Jahr 1977. „Besonders betroffen waren Branchen, die von den Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie äußerst stark belastet wurden“. Tourismus, Kultur und Veranstaltungswesen gehören dazu. In dieser Situation haben stark digital geprägte Berufe einen Vorteil. So gibt es bei den Mediengestalter*innen keinen Mangel an Bewerber*innen, hat die ver.di-Publikation „Druck & Papier“ im Mai 2021 konstatiert.

Nachfrage beim SWR unverändert

Beim SWR, wo in 26 Berufen je nach Bedarf des Senders Ausbildungen angeboten werden, haben sich rund 500 junge Leute für den Beruf „Mediengestalter*in“ beworben. Zurzeit hat der SWR insgesamt 121 junge Menschen in der Ausbildung. Das Angebot reicht von der dualen Berufsausbildung und dem dualen Studium bis zum Trainee-Kurs und Volontariat. Von Webentwicklung und -design über die Fachinformatik bis zum Volontariat im Journalismus oder der Dokumentation, und von den Medien- oder Bürokaufleuten bis hin zu Koch oder Köchin geht das Spektrum. Wenn es im Sender Nachwuchsbedarf gibt, wird auch in Berufen wie etwa der Bühnenmalerei und -plastik oder der Maßschneiderei ausgebildet, erläutert Anja Görzel-Bub. Corona habe die Nachfrage eigentlich nicht verändert, so die Beobachtung im Sender. Allerdings muss auch langfristig planen, wer beim SWR eine Ausbildung machen möchte. Schon Ende August 2021 mussten die Bewerbungen für einen Ausbildungsbeginn im September 2022 eingegangen sein.

 

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