„Irgendetwas mit Medien“

Medien sind in Mode, als Berufswunsch und als Studiengang. Die Anbieter reichen von staatlichen Hochschulen über Einrichtungen in Public Private Partnership bis hin zu privaten Akademien. Die Namensgebung mancher Studiengänge sorgt für mehr Verwirrung als Klarheit. Studiengebühren können beträchtliche Höhen erreichen und die Umstellung eingeführter Studiengänge auf das Bachelor-Master-System bringt zusätzliche Unruhe. Mit der wundersamen Vermehrung der Medienstudiengänge hat sich jetzt auch der Wissenschaftsrat befasst und fordert eine bessere Strukturierung und intensivere Betreuung.

Mehr als zwei Millionen Treffer bietet die Suchmaschine Google bei der Eingabe der Begriffe „Medien“ und „Studium“. Die Kombination „Journalismus / Journalistik“ und „Studium“ schafft es immerhin noch auf fast 1,4 Millionen Einträge. Der Wunsch „irgendetwas mit Medien“ machen zu wollen, ist bei jungen Menschen nach wie vor ungebremst. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Zahl der Absolventen der diversen Medienstudiengänge in Deutschland auf knapp 55.000 pro Jahr verdoppelt. Der Medienstudienführer, ein Internet-Portal, das 1999 von Medienstudenten gegründet wurde, verzeichnete zu Beginn 62 Studiengänge, die sich mit Medien befassten. Heute sind über 500 solcher Studiengänge im deutschsprachigen Raum dort zu finden. Allein im ersten Halbjahr 2007 sind 32 neue Angebote aus Journalismus, Medienwissenschaft, Medienwirtschaft und -technologie, Mediendesign, Multimedia, Medieninformatik, PR- und Öffentlichkeitsarbeit, Medienkultur und Medienpädagogik dazugekommen, berichtet Geschäftsführer Axel Bartsch.
Einige neue Angebote resultieren aus der geforderten Umstellung auf das Bachelor- und Master-System, das nach Maßgabe des Bologna-Prozesses für einen einheitlichen europäischen Hochschulraum sorgen soll. Frühere Diplom- oder Magisterstudiengänge, meist acht bis zehn Semester lang, müssen umgeformt werden für den üblicherweise sechs Semester dauernden Bachelor-Abschluss und das anschließende zweijährige Master-Studium. Doch viele Angebote sind in den vergangenen Jahren neu entstanden. „Angesichts boomender Märkte stehen immer mehr Schulabgänger mit unklaren Motivationslagen an, ‚irgendetwas mit Medien‘ zu studieren, und die Hochschulen reagieren darauf mit einem zunehmend unübersichtlicher werdenden Angebot von neuen Studiengängen“, hat der Wissenschaftsrat, der Bund und Ländern in Hochschulfragen zur Seite steht, in seiner Ende Mai veröffentlichten Studie festgestellt.

Ein Berg an Informationen

Auf Abiturientinnen und Abiturienten, die sich einen Überblick verschaffen wollen, wartet ein Berg an Informationen und eine Menge an „Kleingedrucktem“ in den Studiengangsbeschreibungen, wie etwa Studiengebühren in fünfstelliger Höhe oder ein Studium an mehreren Standorten. Auch die Aktualität muss immer wieder überprüft werden, denn personelle Unterbesetzung, interner Streit oder Umstrukturierung kann schnell dafür sorgen, dass Studienangebote zumindest vorübergehend verschwinden, so der Master in Wissenschaftsjournalismus an der Freien Universität Berlin, der Master Kulturjournalismus an der Berliner Universität der Künste oder die Journalistik an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.
Dabei reichen die Namen der Studiengänge oft nicht, um sich eine Vorstellung vom Studieninhalt zu machen. Die Uni Marburg etwa bietet einen Bachelor Kunst, Musik und Medien an, der eine Berufsperspektive vom Kulturamt über entsprechende Abteilungen in großen Unternehmen bis hin zum Regie-Assistenten oder Journalisten geben soll. Die Medienfakultät der Bauhaus-Universität in Weimar hat einen Bachelor und Master in Medienkultur im Angebot und die Uni Halle-Wittenberg verzeichnet neben dem Bachelor in Medien- und Kommunikationswissenschaft noch einen Master-Studiengang MultiMedia & Autorschaft.
Bei der Orientierung hilft auch die Einteilung der Hochschulen nicht unbedingt. So ist die Angewandte Medienwissenschaft der Technischen Universität Ilmenau auch journalistisch ausgerichtet und die Fachhochschule Darmstadt-Dieburg bietet zusätzlich zum Online-Journalismus künftig einen Studiengang Wissenschafts-Journalismus an, der die vorhandenen Potenziale aus dem Online-Journalismus und der Biotechnologie verknüpfen soll.
„Technische Redakteure“ bildet die Fachhochschule Hannover als Bachelor aus, damit sie künftig Laien und Spezialisten Produkte bestmöglich erklären und Bedienungsanleitungen lesbar machen. Im Studienplan sind „professionelles Deutsch“, Recherche, Psychologie, Informatik, Gestaltung und Qualitätsmanagement zu finden. Die Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur in Leipzig hat gerade einen ganzen neuen Fachbereich Medien gegründet und die Hochschule für Medien in Stuttgart baut die Zahl ihrer Studienplätze kontinuierlich weiter aus.
Der Wissenschaftsrat ist bei manchen neuen Medienpflänzchen an den Hochschulen skeptisch: „Dabei ist allein bei genauerer Durchsicht der Studieninhalte zu entscheiden, ob es sich um einen medienwissenschaftlichen Studiengang oder lediglich um eine Umakzentuierung oder gar eine bloße Umetikettierung etablierter Studienangebote handelt, sei es in den Geisteswissenschaften, sei es in der Informatik.“ Professor Gerd Kopper von der Journalistik der Universität Dortmund erklärt dies in den Geisteswissenschaften rückblickend mit der Angst vor Stellenverlusten bei den philologischen Fächern. Als die Lehrerbildung in den Hintergrund trat: „Da haben sich viele in die Medienwissenschaft geflüchtet.“

Seltene Kombination

Medien ist auch dann ein beliebtes Thema, wenn eine solche Ausbildung nur durch Kooperation mehrerer Hochschulen angeboten werden kann wie bei der Fachhochschule Lippe und Höxter, die mit der Hochschule für Musik in Detmold und der Uni Valencia in Spanien einen Master Media Productions anbietet. Auch das Studium an einer Institution kann eine Menge Fahrerei bedeuten: Die Fachhochschule Oldenburg-Ostfriesland-Wilhelmshaven hat seit 2001 einen Studiengang Medienwirtschaft und Journalismus, der 2005 zum Bachelor umgestaltet wurde. Die journalistische Ausbildung hat ihren Standort in Wilhelmshaven, doch die Einrichtungen für die medientechnische Seite des Studiums sind 80 Kilometer entfernt in Emden angesiedelt. Professorin Andrea Czepek, die Studiengangsleiterin, räumt ein, dass diese Distanz „in der Lehrpraxis fast nicht möglich“ ist und deshalb die Technik in Wilhelmshaven ausgebaut werden soll. Zur Entscheidung für den Studiengang an der Küste habe sicher der Boom der Medienstudiengänge ebenso beigetragen wie Überlegungen, den Standort zu stärken. Allerdings, so die Professorin, kommen ihre Studenten wegen der seltenen Kombination Medienwirtschaft und Journalismus aus ganz Deutschland und bleiben nach dem Abschluss überwiegend nicht in Ostfriesland. Rund 600 Bewerbungen zählt sie jährlich für die 40 Studienplätze, weshalb der Studiengang ab nächstem Jahr im Sommersemester ebenfalls beginnen soll. „Unser Ziel ist es, nicht primär Journalisten auszubilden, sondern Projektmanager, auch als Freiberufler und Selbstständige.“ Viele der Absolventen arbeiten bei Film- und Fernsehproduktionen, manche sind durch ein Volontariat doch ganz beim Journalismus gelandet, berichtet Czepek.
Neben den staatlichen Hochschulen bieten private Hochschulen immer mehr in Sachen Medien an. Zwischen den beiden Bereichen tummeln sich zudem etliche Institutionen in Public Private Partnership, in denen sich Dozenten staatlicher Hochschulen, öffentliche Körperschaften wie Städte oder Bundesländer und Unternehmen zusammenschließen, um Medienaus- oder Weiterbildungen aufzubauen. Dazu zählen die Hamburger Media School, das Master-Programm Medien Leipzig oder die Fernseh-Akademie Mitteldeutschland, die ein Duales Studium Fernseh-Journalismus inklusive Moderatorenausbildung bewirbt.
Der Trend zu den Medien zeigt sich ebenfalls an mancher Hochschule, die eigentlich aus einer ganz anderen Ecke kommt, wie die private Europa-Fachhochschule Fresenius (EFF) in Idstein, benannt nach dem berühmten Chemiker und ursprünglich in diesem Gebiet als Lehrinstitut tätig. Ab dem Wintersemester bietet die Fresenius-Hochschule einen Bachelor in Medienwirtschaft nicht nur an ihrem Standort in Köln an, sondern nimmt ihn auch in das Programm ihres Gründungsortes auf. „Die rasante Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien wird besonders von den Berufsanfängern, unabhängig vom Studienabschluss, mehr Medienkompetenz verlangen. Daher kommt die EFF mit der Einführung des neuen Studiengangs einem wichtigen bildungspolitischen Ziel nach“, erklärt die Dekanin Gudrun Neises vom Fachbereich Wirtschaft und Medien.
Die private Macromedia Fachhochschule der Medien in München, Hamburg und Köln hat sich jetzt ebenfalls dem Journalismus verschrieben, speziell dem Wissenschafts-, Finanz-, Kultur- und Sportjournalismus. Unter den Stichworten „Publizistik“ und „Journalistik“ findet sich auch in der privaten Zeppelin-Universität, der „Hochschule zwischen Wirtschaft, Kultur und Politik“ in Friedrichshafen, ein Bachelor in Kommunikations- und Kulturwissenschaften. Die Fachhochschule des Mittelstands Bielefeld wirbt für seine neuen Studiengänge Medienkommunikation und Journalismus sowie Medienwirtschaft sogar mit einer Online-Studienberatung in „Second Life“.

Bedenkliche Verquickung

„Die Medienakademie“ nennt sich eine Einrichtung, die unter dem Slogan „Studieren, wo die Profis arbeiten“ ein Studium nach staatlicher Studienordnung auf Rügen und in Zusammenarbeit mit der Akademie für multimediale Ausbildung und Kommunikation AG AMAK an der Hochschule Mittweida anbietet. Praxispartner sind beispielsweise Studio Hamburg und die Bavaria-Film. Im Studiengang „Angewandte Medienwirtschaft“ kann zwischen den Richtungen „TV-Producer“ und „Sportjournalistik / Sportmanager“ gewählt werden. Letztere ist in jedem Fall bedenklich, bringt sie doch verschiedene Seiten zusammen, mit deren Vermengung die ARD beim Radsport gerade erst böse Erfahrungen gemacht hat. Als Gesamtpreis für das Studium nennt die Medienakademie 20.450 Euro und auch gleich die Banken, die Studienkredite geben.
Wer also nicht „irgendetwas mit Medien“ machen, sondern wirklich Journalistin oder Journalist werden will, sollte genau hinschauen bei den Hunderten von Studiengängen, sowohl bei den Inhalten wie bei den Konditionen. Ein Hochschulstandort entfernt von den wichtigen Medienschauplätzen muss nach Ansicht des Dortmunder Journalistikprofessors Kopper nicht unbedingt ein Nachteil sein, auch wenn der Wissenschaftsrat die Konzentration der Studiengänge in diesem Umkreis empfiehlt. Ein größeres Angebot bedeute einen größeren Wettbewerb, der das Entstehen eines Zwei-Klassen-Systems verhindern werde.
Härter ist die Kritik seines Leipziger Kollegen Michael Haller: „Die Hochschulen folgen modischen Trends, keine Frage, und verwässern früher klar getrennt begriffene Ausbildungswege, etwa den in Richtung PR und den in Richtung Journalismus. Und soweit neue ‚Medien-Mix-Studiengänge’ auch unter der Marke ‚Journalismus’ angeboten werden, handelt es sich oftmals um Etikettenschwindel: Es ist nicht drin, was draufsteht. Mehrere zu ‚Universities of Applied Sciences’ hochgetaktete Fachhochschulen betreiben dieses Geschäft, aber auch die eine oder andere Universität macht sich nicht hinreichend klar, dass ihr medienwissenschaftlicher Studiengang praktisch nichts mit einer Journalismusausbildung gemein hat. Längerfristig wird sich aber die Spreu vom Weizen trennen lassen – wie früher auch schon.“

Ungebremste Nachfrage

Die Nachfrage nach Medienstudiengängen ist einstweilen ungebremst. Für die Europäische Medienwissenschaft an der Uni Potsdam haben sich 39 Kandidaten pro Studienplatz beworben, an der Hochschule der Medien gibt es über 1800 Bewerber für rund 300 Plätze, in Trier sind es 642 Studienwünsche für 35 Studienplätze im Hauptfach Medienwissenschaft. Dort ist die Medienwissenschaft ebenso das begehrteste Fach wie an der Uni Hamburg, wo es in diesem Herbst für 29 Plätze fast 2500 Kandidaten gab.
Nach den Beobachtungen des Wissenschaftsrats, der im Rahmen seiner Studie eine Anhörung zu den Arbeitsmarktchancen organisierte, müssen sich erfolgreiche Bewerber nicht bange machen lassen: Medienwissenschaftler fänden überdurchschnittlich häufig eine Beschäftigung in „adäquaten Berufen“, mehr als andere Geisteswissenschaftler. Ein weiteres Wachstum und eine zunehmende Akademisierung sei in der Kommunikationsbranche zu erwarten. Allerdings ist die Zahl der Freiberufler unter den Absolventen von Medien- und Kommunikationswissenschaften auch deutlich höher als im Durchschnitt der Bevölkerung.
Ein beliebtes Schlupfloch um dem hohen Numerus Clausus für Journalismus und Medienwissenschaften in Deutschland zu entgehen waren bisher die Publizistik-Studiengänge in Österreich. Doch vor kurzem hat Österreich bis einschließlich dieses Wintersemesters eine Zulassungsbeschränkung in den bei Deutschen beliebten Fächern von der Medizin bis zur Publizistik verfügt: 75 Prozent der Studienplätze sollen für Österreicher reserviert werden, 20 Prozent für andere EU-Bürger und fünf Prozent für den Rest der Welt.

Links:

www.medienstudienfuehrer.de
www.wissenschaftsrat.de

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