Ist Medienkritik reaktionär?

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Wer kritisiert Medien und Medienschaffende und warum? Der  Soziologe und Philosoph Lukas Meisner fordert in seiner Essaysammlung „Medienkritik ist links“ mehr Kritik an Kapitalismus, Massenmedien und Online-Plattformen und eine medienkritische Öffentlichkeit, die im Sinne der Demokratie agiert. Im Interview mit M begründet er seine Forderung nach mehr Pluralismus und weniger Moralisierung in den Medien. Meisner ist Fellow am Sonderforschungsbereich „Strukturwandel des Eigentums“ und lehrt aktuell an Hochschulen in Berlin, Jena sowie Lüneburg.

Wenn jemand einen so grundsätzlichen Buchtitel wählt, dann heißt das, dass der behauptete Sachverhalt wenigen Menschen bewusst ist, oder sogar von relevanten Kreisen bestritten wird. Warum ist im Jahr 2023 ein solcher Buchtitel dennoch angemessen?

Medienkritik ist links. Quelle: Eulenspiegel Verlagsgruppe, Das Neue Berlin,

Der Untertitel ist ja: „Warum wir eine medienkritische Linke brauchen“. Das bedeutet, dass wir noch nicht da sind, wo wir sein wollen. Der Hintergrund ist, dass Medienkritik seit dem Aufkommen von Pegida und dem unsäglichen Wort „Lügenpresse“ relativ automatisch in die rechte Ecke geschoben wird, und die Linke sich aus diesem Feld zurückgezogen hat. Dabei war es mal eine linke Kernkompetenz.

Hat die Linke das Feld der Medienkritik verlassen?

Die Linke hat dieses Feld nie ganz verlassen. Es gibt bis heute eine linke Gegenöffentlichkeit. Medienkritik ist ein Aspekt von linker Medienpraxis. Aber es gab seit 2014 eine Diskursverschiebung in weiten Teilen der Öffentlichkeit, vor allem wegen Pegida und der AfD. Seitdem gelten alternative Medien als rechts, obwohl vorher vor allem die Linke gegenöffentliche Projekte vorangebracht hatte und sich auch selbst als alternativ bezeichnet hatte.

Das betrifft den Umgang der breiten bürgerlichen, liberalen Öffentlichkeit mit Medienkritik. Aber auch linke Kreise stimmen in diese Diskurse ein und beziehen eine Verteidigungsposition, indem sie sich auf die Seite der kritisierten Medien schlagen und sagen, dass eine allgemeine Medienkritik nicht gut sei. Nehmen Sie so etwas wahr?

Auf jeden Fall. Ich teile diese Beschreibung. Da hat die Linke ein wichtiges Feld verlassen. Statt pauschaler Medienkritik, die immer Verschwörungen von Minderheiten oder Netzwerken wittert, brauchen wir eine analytische, rationale Medienkritik. Es ist durchaus berechtigt, die bürgerliche Mainstreamöffentlichkeit zu kritisieren, aber dann mit Verweis auf die tatsächlichen Problemzonen, und nicht mit Projektionen auf Minderheiten.

Lukas Meisner. Foto: Jacobin

Ein wichtiger Begriff in Ihrem Buch ist: Die „Krise der Öffentlichkeit“. Sie schreiben, dass bürgerliche Medien schon immer verzerrend berichtet hätten. Aber wann und wodurch kam es zu der Krise?

Dazu wurden schon viele Bücher geschrieben. Ich meine damit, dass immer mehr Menschen sagen: Ich konsumiere gar keine Nachrichten mehr, ich halte das alles für gelogen. Ich will betonen, dass das in erster Linie ein Symptom ist. Es darf nicht nur um die alternativen Medien gehen, sondern man muss

Literaturhinweis

Lukas Meisner: Medienkritik ist links. Warum wir eine medienkritische Linke brauchen. Das Neue Berlin, 155 Seiten, kartoniert, 16 Euro.

sich die liberalen Mainstream-Medien anschauen, und was da für Vorstellungen herrschen. Da gibt es, vereinfacht gesagt, zwei Paradigmen: Neoliberalismus, also immer von Sachzwängen zu sprechen, und Antikommunismus, also nicht über Alternativen zum Kapitalismus zu sprechen. Dieses doppelte Ausschließen von politischen Alternativen ist gefährlich. Ob bei der Bankenrettung ab 2008, der Pandemiebekämpfung oder jetzt der Aufrüstung – manchmal ist dann doch Geld für große Projekte da. Die Bevölkerung merkt: Uns wird immer erzählt, es sei nicht genug Geld für Soziales da, aber wenn etwas dem Establishment wichtig ist, ist es da. Wenn Medien die Erzählung der Herrschenden mittragen, dann werden sie unglaubwürdig. Zusammengefasst: Die Krise der Öffentlichkeit hat viel zu tun mit der verschwörungsmythologischen Weigerung, Dinge zu glauben – das kommt aber nicht einfach vom bösen Internet, sondern es hängt damit zusammen, wie bürgerliche Medien Politik erzählen.

Sie bezeichnen die „Verleugnung und Verniedlichung der Krise der demokratischen Öffentlichkeit“ spätestens seit 2020 als Unterstützung antidemokratischer Kräfte.

Man kann Politik auf verschiedene Weise als alternativlos darstellen. Mit technokratischen, neoliberalen oder moralischen Argumenten. Das alles gefährdet eine demokratische Meinungsbildung. Das ist im Zuge der Corona-Pandemie in einem neuen Ausmaß passiert. Es betraf zum Beispiel Leute, die darauf verwiesen, dass es parallel zu den Diskussionen über Triage Krankenhausschließungen gab – wieder Politik aufgrund angeblicher Sachzwänge. Medien müssen da Alternativen aufzeigen. Im Ukraine-Konflikt ist es ähnlich, da gibt es einfache Logiken von Gut und Böse. Menschen werden aufgrund bestimmter Meinungen in Freund und Feind, in weltanschauliche Lager eingeteilt. Das erschwert offene Debatten über komplexe Fragestellungen und vergrößert die Krise der Öffentlichkeit, weil es Gräben schafft oder vertieft.

Fordern Sie mehr Meinungsvielfalt in den Medien? Es gibt ja hin und wieder Diskussionen darüber, wie die AfD in den Medien vorkommen soll.

Pluralismus sollte nicht bedeuten, dass alle Meinungen gleichermaßen zu Wort kommen. Wir brauchen mehr Pluralismus für das Durchbrechen der Sachzwanglogik in der Politik. Das wäre auch eine Basis für einen geteilten diskursiven Horizont. Pluralismus bedeutet, auch Grundsatzfragen zu stellen und fundamentale Lösungen anzustreben. Da kann es dann um mehr demokratische Mitbestimmung in der Wirtschaft gehen.

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