Journalismus: Wenn Arbeit krank macht

Bild: 123rf

Die Journalistin Mar Cabra ist Mitbegründerin von „Self Investigation“. Die Stiftung mit Sitz in den Niederlanden gibt es seit November 2021. Ihr Ziel ist, die Situation der mentalen Gesundheit von Journalist*innen zu verbessern. Dabei schöpft die gebürtige Spanierin aus ihren Erfahrungen mit einem Burnout. Die Pulitzer-Preisträgerin arbeitete 15 Jahre lang als Journalistin in spanischen und internationalen Medien, unter anderem bei der BBC oder der spanischen Zeitung „El Mundo“.

M| Bitte teilen Sie Ihre Geschichte mit uns. Was ist passiert?

Mar Cabra |Ich habe an einer auch in Deutschland bekannten “Story” mitgewirkt, den Panama Papers. Damit erzielten damals 400 Journalist*innen gemeinsam einen der größten Erfolge des investigativen Journalismus weltweit. Initiiert von Bastian Obermayer und Frederick Obermaier von der „Süddeutschen Zeitung“ arbeitete ich bei den Recherchen in einem Team des ICIJ (International Consortium of Investigative Journalists) als Chefin für Daten und Technologie. Zu diesem Zeitpunkt war ich bereits jahrelang für das ICIJ (Sitz in Washington) unter ziemlichem Stress und Druck investigativ tätig. Die Panama Papers haben wir ein Jahr lang geheim durchforscht. Das bedeutete für mich täglich 16 Stunden Arbeit, mit dem Smartphone aufstehen und ins Bett gehen, ohne es auszuschalten, selbst dann nicht, wenn ich abends mit meinen Freunden zusammensaß. Ich dachte, es sei notwendig.

Nach der Veröffentlichung der Rechercheergebnisse und dem Erfolg, der uns sogar den Pulitzer-Preis einbrachte, sowie dem Rücktritt hochrangiger Politiker wegen der Offenlegung ihrer Verbindungen zu Steueroasen und anderen kriminellen Machenschaften, war ich körperlich und emotional erschöpft. Das hatte ich nicht kommen sehen. Nach all dem sagte ich mir, dass es nicht sein kann, mit Anfang dreißig so ausgelaugt und kraftlos zu sein. Sollte ich nicht stattdessen sehr froh sein, mich auf dem Höhepunkt meiner Karriere zu befinden? Warum aber fühlte ich mich alleingelassen und hatte keine Freude mehr an meiner Arbeit? Mit dieser Unausgeglichenheit wollte ich nicht mehr leben, und so entschied ich, meinen Job zu kündigen. Ich brauchte eine Pause. Währenddessen erkannte ich, was mir widerfuhr. Es hatte einen Namen: „Burnout“.

Mit der Zeit erholte ich mich, reflektierte über meine Situation und begann, mich weiterzubilden. Als die Pandemie begann, erkannte ich, dass sehr viele Journalist*innen eine neue Arbeitsweise und Hilfe im Umgang mit den neuen Technologien und mit Stress brauchten. Darüber habe ich mit Kolleg*innen gesprochen, und wir kamen auf die Idee, eine Stiftung mit Namen „Self Investigation“ zu gründen. Wir fingen an Kurse zum Stressmanagement, zu mentaler Gesundheit und zum bewussten Umgang mit den neuen Mitteln der Kommunikation für Journalist*innen anzubieten.

Pulitzer-Preisträgerin Mar Cabra Foto: Nacho Rubiera

Wie haben Sie diese erworbenen Erkenntnisse auf ihr eigenes Leben angewandt?

Nachdem ich aufgehört hatte zu arbeiten versuchte ich, einen gesünderen Umgang mit den neuen Technologien zu praktizieren. Im ersten Moment war ich sehr radikal, löschte alle Apps auf dem Smartphone, sogar meine E-Mails, denn ich beobachtete an mir, dass ich unentwegt weiter meine Nachrichten checkte. Es war wie eine Sucht.

Jetzt habe ich eine gesündere Beziehung zu diesen Dingen. Wie sieht das konkret aus? Ich nutze soziale Netzwerke, E-Mails, aber ohne permanente Benachrichtigungen. Ich habe es mir schwerer gemacht, sie zu checken, schaue nach, wann ich will und habe dafür bestimmte Zeiten festgelegt. Außerdem vergewissere ich mich, wieviel Zeit ich mit dem Smartphone verbringe. Vor allem nehme ich mir Auszeiten zu Beginn und am Ende des Tages. Smartphones und allgemein Bildschirme strahlen. Das schädliche blaue Licht vermittelt unserem Gehirn, es sei noch Tag und erschwert das Einschlafen.

Wie sieht Ihre jetzige Arbeit bei der Stiftung „Self Investigation“ aus?

„Self Investigation“ ist eine Stiftung mit Sitz in Den Haag in den Niederlanden, die ihre Dienste weltweit anbietet. Sowohl für Medien als auch für Journalist*innen, um ihnen Werkzeuge der Prävention an die Hand zu geben, so dass sie sich besser in dieser Welt des schnelllebigen Journalismus bewegen, den Stress unter Kontrolle bringen und ihre Arbeit ohne Gesundheitsschäden erledigen können. Wir führen sowohl Präsenzkurse als auch Selbstlernkurse über unsere Online-Akademie durch. Unser letzter Kurs heißt „Wie kann man als Journalist*in im Zeitalter der Hyperdigitalisierung gesund bleiben?“ Außerdem arbeiten wir mit akademischen Institutionen zusammen wie mit dem Knight Center an der Universität von Texas in Austin oder dem Reuters Institute an der Universität von Oxford und bieten dort Weiterbildungen an.

Zurzeit läuft gerade der digitale Kurs „Journalist*innen und mentale Gesundheit“ in Zusammenarbeit mit dem Knight Center in Spanisch, Portugiesisch, aber auch in Englisch. Hier haben sich 1300 Personen aus 120 Ländern eingeschrieben. Das zeigt die dringende Notwendigkeit. Berichte dokumentieren, dass Journalisten heutzutage in höchstem Maße Stress ausgesetzt sind. Und dass es die größte Herausforderung für Journalist*innen ist, die mentale Gesundheit zu erhalten. Dabei unterstützen wir sie, auch mit individuellem Coaching. Bis jetzt haben wir über 2000 Journalist*innen weitergebildet.

Können Sie uns einige Empfehlungen geben, wie man als Journalist*in mentalen Erkrankungen, das heißt psychische oder seelische Störungen, vorbeugen kann?

Der Journalismus ist einer der stressigsten Berufe weltweit, zusammen mit denen des Militärs und der Feuerwehr, wobei die letzten beiden Gruppen eine Ausbildung erhalten, wie sie ihre mentale und körperliche Gesundheit erhalten können. Im Bereich des Journalismus gibt es solche Ausbildungen nicht. Deshalb ist es für mich am wichtigsten, dass man weiß, wie Stress und unser Körper funktionieren, sowie die Art und Weise, wie wir unser Nervensystem entspannen können. Anspannung aktiviert unser Nervensystem. Wenn es jedoch dauerhaft angespannt arbeitet, entstehen körperliche und mentale Probleme.

Bist du angespannt, kannst du nicht gleichzeitig entspannt sein. Ausgleichende Aktivitäten sind sehr wichtig. Du solltest darauf achten, genug zu schlafen, regelmäßig Sport zu treiben, ausgewogen zu essen. Zeit verbringen ohne vor dem Bildschirm zu sitzen. Bei der Arbeit Pausen machen, sich 5 Minuten Zeit nehmen, ohne das Smartphone zu benutzen oder vor dem Bildschirm zu sitzen, einfach aus dem Fenster schauen. Das hilft sehr, den Stress zu reduzieren.

Aber auch alle Aktivitäten, die die Sinne ansprechen. Ich wasche z. B. manchmal zwischen Meetings auf, denn das verbindet mich mit meinem Körper und gleichzeitig kann ich abschalten. Der Schlüssel für mich sind solche ausgleichenden Aktivitäten ohne zu denken, deswegen eine schlechtere Journalistin zu sein. Im Gegenteil: Wenn du auf Pausen achtest, kannst du deine Arbeit besser bewältigen, dich besser schützen, wie es im Flugzeug immer heißt, man soll zuerst sich selbst die Sauerstoffmaske aufsetzen, bevor man anderen hilft.

Als letztes würde ich gern wissen, wie Sie sich ideale Arbeitsbedingungen für Journalist*innen vorstellen?

Die Medien sollten keine Orte sein, wo es Angst auslöst, wenn man Probleme der mentalen Gesundheit anspricht. Im Gegenteil, es sollte normal sein, über solche Themen zu reden. Man sollte die Hand heben und einfach sagen können: „Mir geht es nicht gut“. Und sich einen freien Tag nehmen können, wenn es so ist, so wie man bei einer Erkältung zu Hause bleibt. Ich wünsche mir Medien, die darauf achten, dass ihre Angestellten ihre „Batterien wieder aufladen“ können. Das heißt konkret, dass sie Orte schaffen, wo man sich entspannen kann.

Denn heutzutage denkt man, Journalisten müssten ständig online sein. Aber das ist einfach nicht wahr. Das hilft unserer Gesundheit nicht. Ebenfalls sehr wichtig sind die Kommunikation in den Medienunternehmen sowie generell die Kommunikationskanäle. Was machen wir außerhalb der Arbeit? Wir sollten Räume schaffen in den Meetings, wo es möglich ist zu sagen, wie es einem geht und welches Energielevel man hat. Denn es nützt nichts, mit einem ausgelaugten Team zu arbeiten. Sehr gut wäre es, wenn Journalist*innen finanzielle Unterstützung für Therapien bekommen könnten. Ich gehe seit 2008 zum Psychologen und stelle fest, dass es eine der besten Investitionen ist, die ich mit meinem Geld und meiner Zeit getätigt habe.

Also zuerst träumen und dann die Realität verändern?

Ja, teilweise sind die Träume schon Realität geworden. Ich bin fest davon überzeugt, dass man die Realität durch die Träume verändern kann.

Mar Cabra absolvierte einen Bachiller in Audiovisuellen Medien an der Universidad Complutense in Madrid, sowie einen Master in Journalismus an der Columbia University in New York. Seit 2011 arbeitete sie bei dem ICIJ (International Consortium of Investigative Journalists). In Spanien war sie eine Vorreiterin des Datenjournalismus, wurde jedoch immer mehr zu einer Kritikerin der Hyperdigitalisierung. Nach ihrem Burnout zog sie von Madrid nach Almeria an die Mittelmeerküste.

Das Interview wurde Ende Oktober am Rande des lateinamerikanischen Journalisten-Festivals Gabo in Bogotá, Kolumbien, von der freien Journalistin Evelyn Schreiber geführt.


Mehr erfahren:

Foundation Self Investigation: https://theselfinvestigation.com/

Knight Center University of Texas: https://knightcenter.utexas.edu/

Journalismuskurse vom Knight Center: https://journalismcourses.org/

Telefonberatung für Journalist*innen mit psychosozialen Problemen https://netzwerkrecherche.org/helpline/

Fundación Gabo https://fundaciongabo.org/es

Lateinamerikanisches Journalismus-Festival Gabo: https://premioggm.org/

 

 

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