Journalistenschule auf der Kippe

Aktion für die EJS vor dem Berliner Dienstsitz der Evangelischen Kirche Deutschlands am Gendarmenmarkt am 28. Februar 2020. Schüler*innen (links vorn Teresa Roelcke) übergaben das „9,5 Thesen“-Papier. Foto: Christian von Polentz

Sparpläne bedrohen Zukunft evangelischer Ausbildungseinrichtung

Die Evangelische Journalistenschule (EJS) steht auf der Kippe. Es droht das Aus, wenn durch Sparpläne Stellen wegfallen. Ein neuer Jahrgang wird nicht ausgeschrieben, wurde Mitte Februar bekannt. Sofort organisierte sich Widerstand auf der Internet-Seite „EJS retten“. Das Thema landete schneller als geplant auf der Tagesordnung des Rats der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) in Hannover – und wurde schließlich auf die Sitzung Ende März vertagt.

„Es soll mehr Zeit sein für die ausführliche Beratung der Fragen, wie wir uns weiter im Qualitätsjournalismus engagieren, sowohl in den Produkten als auch in der Aus- und Fortbildung“, erklärte Medienbischof Volker Jung, Vorsitzender des Aufsichtsrats vom Gemeinschaftswerk der Evangelischen Publizistik (GEP) und Mitglied im Rat der EKD. Das GEP in Frankfurt am Main ist Träger der Evangelischen Journalistenschule in Berlin ebenso wie des Evangelischen Pressedienstes (epd), des Monatsmagazins „Chrismon“ oder der Rundfunkarbeit der EKD. Das GEP müsse seine Kosten von 22,5 Millionen Euro im Jahr bis 2024 um 1,9 Millionen Euro kürzen, erklärte Direktor Jörg Bollmann. Der Etat stammt laut Haushaltsplan „Kirchenfinanzen“ zu rund zwölf Millionen aus Kirchenmitteln, der Rest muss erwirtschaftet werden. Doch die Kirchenmitglieder werden weniger, die Anzeigenverkäufe schwieriger. Die Reduzierung solle nicht mit betriebsbedingten Kündigungen geschehen, sondern „sozialverträglich“ durch den Abbau freiwerdender Stellen, bekräftigte Bollmann gegenüber M. Bei der EJS mit einem angegebenen Jahresetat von 500.000 Euro werden demnächst zwei von drei Vollzeitstellen frei, darunter die Leitung. Werden sie eingespart, ist ein Weiterbetrieb der renommierten Journalistenschule kaum denkbar.

Bis eine Entscheidung über die Schule gefallen ist, gebe es deshalb keine neue Ausschreibung für die 22 Monate dauernde Ausbildung, erklärte Bollmann. Binnen weniger Tage standen weit mehr als tausend Unterschriften aus Medien, Kirche und Gesellschaft unter dem „Offenen Brief“ des Förder- und Freundeskreises der EJS an den Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und seinen Vorsitzenden, den bayerischen Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm. Dieser hatte wenige Tage vorher betont, Qualitätsjournalismus sei heute wichtiger denn je.

Das sah auch der Förder- und Freundeskreis mit seinem Vorsitzenden Ragnar Vogt so: In Zeiten von „Fake News“, wachsendem Zuspruch für Rechtsradikale und einer sich durch Digitalisierung rasant wandelnden Medienlandschaft gerieten „Demokratie und Pressefreiheit zunehmend unter Druck“. „Es braucht Journalist*innen, die gelernt haben, ihren Beruf kritisch zu reflektieren, und die Konzepte für einen zeitgemäßen Qualitätsjournalismus entwickeln können. Journalist*innen, die auch unter Verkaufsdruck und in Empörungsspiralen die wirklich entscheidenden Fragen stellen.“

Wie hoch das Renommee der Evangelischen Journalistenschule ist, zeigen die vielen unterstützenden Statements aus der Branche für eine Fortsetzung des Lehrbetriebs, darunter auch von der dju-Vorsitzenden Tina Groll, die zu den Erstunterzeichner*innen des Offenen Briefs gehört: Sie nennt es „verantwortungslos“, eine Journalistenschule mit einer so „hochwertigen journalistischen Ausbildung“ zu schließen. 16 Journalistenschulen und Weiterbildungsinstitute haben ebenfalls einen Offenen Brief zur Unterstützung der EJS geschrieben, auch die Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Rundfunk (aer). Über diese deutlichen Zeichen der Wertschätzung aus dem Kolleg*innenkreis freut sich EJS-Leiter Oscar Tiefenthal sehr.

Praktika in vielen Redaktionen

Die EJS hat seit ihrer Gründung 1995 – neben der Weiterbildung von rund 1300 Kolleg*innen – 206 Absolvent*innen ausgebildet, nicht nur evangelische. Für viele, auch Kirchenferne, ist die Zeit an der EJS Anlass, sich mehr mit Kirchenthemen zu beschäftigten. Rund 15 Prozent arbeiten später in kirchlichen Organisationen, Kirchenmedien oder Kirchenredaktionen säkularer Medien, hat Absolventin Grit Eggerichs gezählt. Die EJS begreift sich aber nicht als Ausbilderin für Kirchenmedien und vermittelt Praxisaufenthalte in viele säkulare Redaktionen – im Unterschied zur Katholischen Journalistenschule ifp in München. Von katholischer Seite ist eine Kooperation ins Gespräch gebracht worden, zu der sich GEP-Direktor Bollmann jetzt ebenso wenig äußern möchte wie zum weiteren Vorgehen innerhalb der EKD. „Beratungen finden statt“, „wir arbeiten daran“, sagte Bollmann im Gespräch mit M.

Mit „9,5 Thesen“ haben die Schüler*innen der EJS bei der EKD in Hannover und Berlin demonstriert („Luther hatte 95, wir schaffen es kürzer.“). Dass die EJS schon zweimal, 2000 und 2008, schwere Zeiten hatte und trotzdem weitermachen konnte, ist für Schülerin Teresa Roelcke Grund, auch jetzt auf eine Zukunft zu hoffen. Natascha Gillenberg vom Vorstand des Freundeskreises sagt, es sei klar, dass die EJS „am seidenen Faden hängt“, doch sie nimmt es als gutes Zeichen, dass die Beratungen fortdauern. Vorsitzender Ragnar Vogt twitterte dazu: „Das heißt für uns: Weiterkämpfen!“

 

 

 

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