Journalistische Reflexe

Monika Beer ist langjährige Bayreuth-Kennerin und -kritikerin Foto: Karlheinz Beer

Die bisherige Berichterstattung zur Erkrankung von Wagner-Urenkelin Katharina Wagner ist ein Musterbeispiel für journalistische Reflexe, für Faktenwurstigkeit, Geschmacklosigkeit und Entgleisungen – ob es sich nun um Agenturtexte, um Artikel in Boulevardblättern, Musikblogs oder angesehenen Zeitungen handelt.

Das Gros meiner Leser kennt mich schon lange als harte Kritikerin der Festspielleiterin, die zu kritisieren mir jetzt allerdings völlig fernliegt, denn sie ist offenbar schwer erkrankt. Es geht aus eben diesem Anlass mehr ums eigene Metier.

Die ursprüngliche Nachricht, die am 27. April 2020 vom Pressebüro der Bayreuther Festspiele verbreitet wurde, lautete wie folgt:

„Pressemitteilung – Erweiterung Geschäftsführung Bayreuther Festspiele

Die Bayreuther Festspiele müssen leider mitteilen, dass ihre Geschäftsführerin, Festspielleiterin Frau Prof. Katharina Wagner, längerfristig erkrankt ist. Um die Geschäftsfähigkeit und den Betrieb der Bayreuther Festspiele GmbH zu sichern, wurde der ehemalige kaufmännische Geschäftsführer der Bayreuther Festspiele GmbH, Herr Heinz-Dieter Sense, vom Verwaltungsrat und der Gesellschafterversammlung zum 3. Geschäftsführer bestellt. Er wird Frau Wagner kommissarisch vertreten. Die Mitarbeiter der Bayreuther Festspiele wünschen Frau Wagner von Herzen gute Besserung, viel Kraft und baldige Genesung.“

Erfreulicherweise hat niemand die faktisch korrekte Überschrift eins zu eins übernommen. Denn während es bei diesem Titel vor allem um ein wirtschaftsrechtliches Detail geht, war und ist die „längerfristige Erkrankung“ der Festspielleiterin die wesentliche Nachricht. Zur Art der Erkrankung gab es von Seiten der Festspiele auf diverse journalistische Nachfragen hin keine weiteren Auskünfte. Der neue Festspielpressesprecher Hubertus Herrmann, der damit zum ersten Mal überhaupt in dieser Funktion in Erscheinung getreten ist, antwortete Britta Schultejans von der Deutschen Presse-Agentur (dpa) am 27. April auf die Frage, wie lange die Wagner-Urenkelin ausfalle, mit „Bis auf weiteres“.

Die weiteren Informanten in diesem dpa-Bericht, die wörtlich zitiert werden, sind Nicolaus Richter, der Vorsitzende des Richard-Wagner-Verbands Bayreuth, und vor allem Georg Freiherr von Waldenfels. Der Rechtsanwalt, langjährige CSU-Politiker, Sport- und Kulturmanager ist seit zehn Jahren auch Vorstandsvorsitzender der einflussreichen Gesellschaft der Freunde von Bayreuth (GdF) und gleichzeitig sowohl Vertreter der GdF in der Gesellschafterversammlung der Bayreuther Festspiele GmbH als auch Mitglied im Verwaltungsrat der Bayreuther Festspiele GmbH. Warum Holger von Berg, Geschäftsführender Direktor der Bayreuther Festspiele GmbH und im Festspiele-Organigramm zusammen mit Katharina Wagner der höchste Festspielrepräsentant, in dem Artikel nur am Rande vorkommt, bleibt offen.  

Sehr viele Medien haben den dpa-Bericht vom 27. April übernommen, einige reagierten zusätzlich mit eigenen Artikeln und Mutmaßungen. So meldete Norman Lebrecht, im Musikleben Großbritanniens eine Institution, in seinem Musikblog slipped disc zunächst als Breaking News, dass Katharina Wagner erkrankt sei, wenig später konstatierte er, dass damit erstmals seit 1876 die Geschicke der Festspiele in den Händen von Personen lägen, die kein Mitglied der Familie Wagner sind. In der Süddeutschen Zeitung äußerte sich online am 28. April um 18:49 Uhr (und tags darauf in der Druckausgabe) Reinhard Brembeck, langjähriger Feuilleton-Redakteur, unter dem Titel „Umplanen“. In diesem relativ kurzen Text verfällt der Autor der von ihm beschriebenen Männerlastigkeit leider auch selbst. Wie sonst konnte ein Satz passieren wie der folgende: „Katharina Wagner ist eine der wenigen Intendanten im traditionell männerlastigen deutschen Theaterbetrieb, aber nach Richard Wagners Frau Cosima und der Nationalsozialistin Winifred die dritte allmächtige Frau in Bayreuth.“

Warum schreibt er im gegebenen sprachlichen Kontext nicht von Katharina Wagner als Intendantin? Schlimmer noch verkleinert er Cosima Wagner, die von 1883 bis 1906 Festspielleiterin war und in dieser Zeit bis auf „Parsifal“ alle Werke des Bayreuth-Repertoires auch inszenierte, auf „Richard Wagners Frau Cosima“. Und Winifred Wagner, Festspielleiterin von 1931 bis 1944, wird vom ihm pauschal auf die Nationalsozialistin reduziert, die sie bekanntlich mit einer gewissen Starrköpfigkeit leider auch war, aber eben nicht nur. Natürlich fragt man sich, was in Brembecks Kopf herumschwirrte, wenn er die drei Genannten als „allmächtige Frauen in Bayreuth“ subsummiert? Hätte er es nicht einfach weniger frauenfeindlich und wertungsfrei bei den gegebenen verwandtschaftlichen Beziehungen, also bei Urgroßmutter und Großmutter belassen können? Was um Himmels willen hat die nationalsozialistische Gesinnung Winifreds, die 1980 starb, mit der jetzigen Erkrankung ihrer Enkelin Katharina zu tun, die 1978 geboren wurde?

Womöglich hat Brembecks Artikel sogar andere ermutigt, die Sache noch entschiedener anzugehen, um nicht zu sagen völlig enthemmt. Alexander Graf von Schönburg-Glauchau, Mitglied der Chefredaktion der „Bild“-Zeitung, Autor des Buches „Die Kunst des lässigen Anstands“ und Bruder von Gloria von Thurn und Taxis, sowie die „Bild“-Grafiker machten jedenfalls Nägel mit Köpfen. Für die Ankündigung des online nur für Abonnenten zugänglichen Bild-plus-Artikels mit der Überschrift „Mein lieber Schwan!* Der Untergang des Hauses Wagner“ wurde am 28. April um 22:59 Uhr ein aktuelles Porträtfoto Katharina Wagners auf schwarzem Grund in einer Collage direkt kombiniert mit einem Foto von 1938, das Adolf Hitler mit Winifred, Wieland und Wolfgang Wagner sowie einigen NS-Chargen beim Spaziergang im Wahnfriedgarten zeigt.

In der Druckversion wurden die Fotos wenigstens voneinander getrennt veröffentlicht, inhaltlich geht der Autor trotzdem wenig ritterlich in die Vollen: „Es ist das Ende einer deutschen Dynastie“ behauptet er, setzt nach mit „Die Familie ist raus!“ und befragt dazu den schon erwähnten Kritiker Norman Lebrecht, der mit dem Satz zitiert wird: „Nun kann sich Bayreuth von den Geistern der Vergangenheit befreien und wird künftig nicht mehr von Vorlieben einzelner Blutsabkömmlinge bestimmt werden.“ Gekrönt wird dieses Musterbeispiel an Fake News mit von Schönburgs Schlussabsatz: „Ganz Bayreuth hofft auf eine schnelle Erholung Katharina Wagners. Nicht unbedingt aber auf ihre Rückkehr auf den Chefsessel.“

Unter dem Titel „What next for Bayreuth now the last Wagner has gone?“ spinnt Norman Lebrecht am 29. April den Faden weiter, als ob Katharina Wagner schon offiziell zurückgetreten wäre. Ob sie die letzte Wagnerin in der Festspielleitung ist, lässt sich aktuell aber aus keinem noch so willigen Kaffeesatz herauslesen. Fest steht außerdem: Inzwischen hat, was die Festspielleitung betrifft, zumindest bis ins Jahr 2040 (so lange läuft der jetzige Mietvertrag des Festspielhauses für die 1986 von Wolfgang Wagner gegründete Festspiel-GmbH) nicht mehr die qua Satzung von 1973 eigentlich dafür zuständige Richard-Wagner-Stiftung das Sagen, in der auch Familienmitglieder vertreten sind. Sondern einzig der Verwaltungsrat der Festspiel-GmbH, deren vier Gesellschafter Bund, Land Bayern, Stadt Bayreuth und Gesellschaft der Freunde von Bayreuth sind.

Dass sich mit dem prophezeiten Ausscheiden der Familie laut Lebrecht plötzlich durch unabhängige Wissenschaftler in den Archiven auch die Vergangenheit aufarbeiten ließe, ist eine geradezu aberwitzige Fehleinschätzung. Das Gros der Festspiel-Dokumente ist für die Forschung greifbar. Was noch fehlt, ist die Einsicht in als privat deklarierte Unterlagen von Siegfried und Winifred Wagner, die Wagner-Urenkelin Amélie Hohmann seit Jahrzehnten unter Verschluss hält. Sicher dürfte einiges davon brisant sein, denn es könnten auch Briefe von und an Hitler darunter sein. Aber die Geschichte der Bayreuther Festspiele und der Wagners müsste deshalb vermutlich nicht umgeschrieben werden. Der Antisemitismus, Rassismus und die glühende NS-Anhängerschaft der Siegfried-Familie ist hinlänglich bekannt.

Die Story vom „Ende der Wagner-Saga“ ist damit noch nicht zu Ende. Am 5. Mai setzt Norman Lebrecht sie, in den Formulierungen etwas vorsichtiger geworden, fort mit der aktuellen Meldung „Another Wagner goes“, dass Wagner-Urenkelin Nike Wagner ihre Intendanz beim Beethovenfest definitiv im Oktober 2021 beendet: „With the exit of Nike from Bonn and her cousin Katharina from Bayreuth, we may see the beginning of the end of the Wagner family saga.“

Ohne Glaskugel, aber nachlässig in der Recherche, hat auch die dpa die Nachricht, wie es im Fachjargon heißt, „weitergedreht“. Am 1. Mai erscheint unter dem Titel „Ausgebremst: Wie geht es weiter auf dem Grünen Hügel“ eine Art Rückblick auf die ältere und jüngere Geschichte der Festspiele und der Wagner-Familie, den viele Medien gerne übernommen haben. Samt peinlichen Fehlern. So war Siegfried Wagner, der 1930 nur fünf Monate nach dem Tod seiner greisen Mutter Cosima starb, angeblich als Festspielleiter laut dpa-Fließtext erst nach Cosimas Tod „an der Reihe“ und nicht schon seit 1908 – ein Fakt, der sich mit einem Klick auf die Statistiken in der Homepage der Festspiele hätte überprüfen lassen. Und ein Blick in die Satzung der Richard-Wagner-Stiftung hätte genügt, um herauszufinden, dass es das angeblich ungeschriebene Gesetz von Wagner-Abkömmlingen an der Spitze spätestens seit 1973 eben nicht mehr gibt. Dass sich aber ein/e Wagner/in an der Spitze schon aus Marketinggründen einfach gut macht, ist eine andere Geschichte.

 

Dieser auf M Online etwas gekürzte Beitrag ist zuerst auf dem Blog des Richard-Wagner-Verbands Bamberg e. V. veröffentlicht worden.

 

 

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