Juwel wegwerfen?

Bremer Fachhochschule will renommierten Journalistik-Studiengang streichen

Wer mit seinem Geld nicht mehr auskommt, versetzt notfalls sogar den Familienschmuck. So ähnlich läuft es derzeit an der (Fach-)„Hochschule Bremen“: Sie will den angesehenen „Internationalen Studiengang Journalistik“ (ISJ) streichen, obwohl Rektorin Karin Luckey ihn eigentlich für ein „Juwel“ hält. Unterstützer des ISJ kämpfen für sein Überleben.

Der ISJ biete mehr als „Irgendwas mit Medien“, steht auf seiner Homepage. Qualitätsjournalismus – das ist sein erklärtes Ziel. Bis zum Bachelor-Abschluss lernen die derzeit 191 Studierenden sieben Semester lang Theorie und Praxis ihres künftigen Berufs kennen. Laut Homepage fragen sie dabei auch „nach gesellschaftlichen Auswirkungen, nach politischer Einordnung, nach praktischer Umsetzung“.
Eine Besonderheit ist das verpflichtende Auslandssemester. Außerdem gehört der ISJ zu den wenigen Journalistik-Studiengängen in Deutschland, für die eine Fachhochschulreife ausreicht und kein klassisches Abitur nötig ist. In Ausnahmefällen ist ein Studium sogar ohne formale Qualifikation möglich – Hauptsache, die Quereinsteiger bestehen eine Eignungsprüfung. Folglich kommen die Studierenden aus allen Schichten, auch mit Migrationshintergrund. „Eine solche Durchlässigkeit ist eine Bereicherung für die Presselandschaft“, heißt es in einem Resolutionsentwurf für die im März stattfindende Jahresmitgliederversammlung der Landespressekonferenz Bremen. Darin wird auch eine Vergleichsstudie erwähnt, der zufolge der ISJ bei der Integration von Theorie und Praxis sogar besser abschneide als Journalistik-Studiengänge der TU Dortmund und der Columbia University New York.
Diese Qualität hat sich längst herumgesprochen: Zuletzt bewarben sich 374 Interessierte auf 42 Anfänger-Studienplätze. Sieben Semester später winken gute Berufsaussichten – bis hinauf zu ZDF, Spiegel-Online oder SZ, wie die Absolventengalerie auf der Homepage belegt. Trotz alledem will die Hochschule künftig keine neuen Bewerber mehr aufnehmen und den Studiengang zum Wintersemester 2019/20 auslaufen lassen. Der Grund: Bremens rot-grüne Koalition will den Landeszuschuss für die Hochschule bis 2020 von derzeit 29 auf 28 Millionen Euro pro Jahr kürzen, und das, obwohl das Geld schon bisher nicht reicht.
Unter diesem Spardruck hat die Leitung der Hochschule Bremen zwei Streichkandidaten ins Auge gefasst: Volkswirtschaft und Journalistik. Das Aus für VWL wurde bereits im Dezember vom Akademischen Senat der Hochschule besiegelt. Als das Gremium im Januar auch noch die Streichung des ISJ beschließen wollte, konnten hundert Demonstranten die Sitzung mit einem ohrenbetäubenden Pfeifkonzert verhindern. Am 17. März (nach Redaktionsschluss) will der Hochschul-Senat einen neuen Anlauf starten. Sollte auch diese Sitzung blockiert werden, könnte Rektorin Luckey die Schließung notfalls im Alleingang dekretieren. Und das, obwohl sie nach Angaben ihres Sprechers Ulrich Berlin „eigentlich nicht glücklich“ ist über das geplante Aus.
Warum es ausgerechnet das beliebte Journalistik-Studium treffen soll, begründet Berlin vor allem so: Der ISJ sei zwar ein Juwel, aber auch ein Solitär – womit diesmal kein Edelstein gemeint ist, sondern eine Art Einzelgänger ohne Überschneidungen oder Kooperationen mit anderen Fächern. Angeblich passt er nicht mehr ins Profil der Fakultät Gesellschaftswissenschaften, die sich nach dem Willen von Rot-Grün auf die Kernbereiche Soziale Arbeit sowie Gesundheit und Pflege konzentrieren soll. Eine Rolle spielt wohl auch, dass im ISJ nach dem Weggang einer Professorin nur noch ein einziger Lehrstuhl besetzt ist. Der lässt sich leichter wegkürzen als ein ganzes Professorenteam.
Doch die Studierenden wehren sich und erfahren viel Solidarität, unter anderem von dju und DJV. Eine Online-Petition an Wissenschaftssenatorin Eva Quandte-Brandt (SPD) fand innerhalb einer Woche über tausend Unterstützer. „Wir fordern Sie auf, die Vielfalt der Studiengänge in Bremen zu erhalten“, heißt es darin. Diese Forderung unterstützten auch die Delegierten der dju-Bundeskonferenz am 20. Februar in Berlin mit einer Resolution. Die Sprecher des dju-Landesvorstands Niedersachsen/Bremen, Annette Rose und Matthias Büschking, appellierten an die Bremer Landesregierung und die Hochschulleitung, gemeinsam nach einer Lösung für den Erhalt des Studiengangs zu suchen, der „ein Aushängeschild für Bremen“ sei. Prüfenswert sei zum Beispiel Luckeys Vorschlag, den Studiengang von der Hochschule an die Universität Bremen zu verlagern. Mit gutem Willen, so die dju, müsse es dabei möglich sein, weiterhin auch Quereinsteigern ohne Abitur den Zugang zu ermöglichen. Die dju ist enttäuscht, dass auf ihren Vorschlag für ein Spitzengespräch der beiden Journalistengewerkschaften mit der Hochschule und den zuständigen Politikern noch immer nicht eingegangen wurde. Mit Blick auf die Bürgerschaftswahl am 10. Mai kündigten Rose und Büschking an: „Wir werden den Erhalt des Internationalen Studiengangs Journalistik zum Thema während des Wahlkampfes machen.“

Weitere Informationen und ein Video unter:

www.journalistik-bremen.de/aktuelles/108-die-hsb-protestiert

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