Kein Widerspruch zur Flexibilität

Jörg Brokmann Foto: privat

Das Urteil des Europäischen Gerichtshofs (EUGH) zur verpflichtenden Arbeitszeiterfassung ist wegweisend für unseren Berufsstand – in positiver Beziehung für die Redakteur*innen, aber auch für die Verlage. Dafür gibt es beweiskräftige Belege. Die Entwicklung in den wenigen Redaktionen, die in Deutschland die zwingende Arbeitszeiterfassung eingeführt haben, zeigt ein außergewöhnliches Phänomen, welches, wenn man sich eingehend und wertfrei mit der Materie beschäftigt, eine logische Folge von deren konsequenter Umsetzung ist.

Vorreiter der verpflichtenden Arbeitszeiterfassung war der Betriebsrat eines Tageszeitungsverlags in Ostwestfalen, der einen in diesem Bereich nicht unüblichen Berg von Überstunden in der Redaktion vor sich her schob. Die mutige Betriebsratsvorsitzende, dju-Mitglied und Mutter zweier Kinder, einigte sich nach zähen Verhandlungen in einer Einigungsstelle mit ihrem Arbeitgeber, die elektronische Erfassung der Arbeitszeit für Redakteur*innen einzuführen. Mit Erfolg und ohne den Untergang des Verlages herbeizuführen.

Arbeitnehmervertretungen in Bremen und Braunschweig folgten ihrem Beispiel. Mit erheblichem Widerstand durch die Arbeitgeber, erkämpft durch sämtliche gerichtlichen Instanzen, aber schließlich in Betriebsverein-barungen mit den zähneknirschenden Arbeitgebern zu einem Ergebnis zum Wohle der Mitarbeiter*innen gebracht, vor allem was ihre Gesundheit betrifft.

Seit mehr als fünf Jahren bewährt sich die Arbeitszeiterfassung in Bremen und Braunschweig in der Praxis auf der Grundlage des Arbeitszeitgesetzes und der jeweiligen Arbeitszeit – ob bei tarifgebundenen oder tariflos angestellten Arbeitnehmer*innen. Die Akzeptanz der Belegschaft liegt bei nahezu 100 Prozent, zumal Planungssicherheit steigt, man dabei mit der Vertrauensarbeitszeit von „Stechuhrjournalismus“ so weit entfernt ist wie von „Arbeit 1.0“.

Ganz im Gegenteil. Arbeitszeiterfassung und flexibles Arbeiten sind kein Widerspruch. Laut der Umfrage einer Krankenkasse hat jede*r Zweite in Deutschland das Gefühl, am Rande des Burn-outs zu balancieren. Redakteur*innen bilden da keine Ausnahme. Es gilt Stress einzudämmen und ausreichend Ruhezeiten zu gewährleisten.

Mit einer Pflicht zur Arbeitszeiterfassung werden für Journalist*innen akzeptable Berufsvoraussetzungen in der Arbeitswelt 4.0 erst geschaffen. Die strukturierte und zwingende Planung von wertvoller Arbeitszeit wird in Zeiten der „digitalen Transformation“ immer wichtiger für unsere Branche. – Eine Branche, die in großen Teilen über viele Jahre aufgrund blendender Gewinnmargen technische Neuerungen vielfach ignoriert hat; ihre Redak-tionsteams, wenn überhaupt, in oberflächlichen Schulungsprogrammen nur dürftig auf die Neuzeit vorbereitet hat.

Die verpflichtende Arbeitszeiterfassung steht auch nicht im Widerspruch zum „mobilen Arbeiten“ oder zum „Homeoffice“, es müssen ja nur die Arbeitsstunden aufgeschrieben werden. Mit den heutigen technischen Systemen kann die reine Arbeitszeit erfasst werden, das hat mit Stechuhr nichts zu tun, aber mit Gesundheitsschutz. Die Argumentation der Verlegerverbände für Zeitungen und Zeitschriften, dass der „kreative Freiraum“ für Journalist*innen verloren geht, ist so alt wie falsch. Schlicht: Humbug!

Betriebsräte müssen mit Unterstützung der Gewerkschaften den sich abzeichnenden „Liebesentzug“ durch ihre Arbeitgeber, wie es Arbeitsrechtsprofessor Dr. Wolfgang Däubler treffend formulierte, einfach in Kauf nehmen. Die moralischen und rechtlichen Voraussetzungen sind besser denn je. Die mutige Betriebsratsvorsitzende aus Ostwestfalen ist übrigens mittlerweile Redaktionsleiterin – ohne eine verpflichtende Arbeitserfassung so gut wie unmöglich.

 

 

nach oben

weiterlesen

Neue Publik-Chefin

Maria Kniesburges war seit 2007 Chefredakteurin der ver.di publik und der ver.di news. 14 Jahre lang prägte sie die ver.di-Medienlandschaft. Jetzt ist sie in den Ruhestand gegangen. Ihre Nachfolgerin Petra Welzel ist seit dem 1. September im Amt. Die Kunsthistorikerin und Journalistin hat mehr als 30 Jahre journalistische Erfahrung. Seit ver.di-Gründung ist sie Chefin vom Dienst der ver.di publik, mittlerweile auch für verdi.de und verdi.tv. Sie hat entscheidend dazu beigetragen, dass sich die ver.di-Medien weiterentwickelt haben und den Herausforderungen der Gegenwart mit ihren zahlreichen Kommunikationskanälen gerecht werden. Denn die Ansprüche an Kommunikation haben sich seit der…
mehr »

Abschied von Fritz Wolf

Wir trauern um unseren Autoren Fritz Wolf. Er starb am 29. August im Alter von 74 Jahren nach schwerer Krankheit. Sein Thema war der Dokumentarfilm. Kritisch benannte Wolf immer wieder die mangelnde Wertschätzung dieses Filmgenres, die sich unter anderem in zu wenig und zu späten Sendezeiten im Fernsehen sowie in nicht ausreichender Förderung manifestierte. Mit so manchem Filmtipp in M verschaffte er einer Doku mehr Aufmerksamkeit, regte an, sie zu schauen. Fritz Wolf war auch Autor für epd medien, verfasste verschiedene Studien und war viele Jahre aktiv in Gremien des Grimme-Preises. Wir werden ihn vermissen.    
mehr »

Fairnesspreis für‘s Brücken bauen

Regisseur Henning Backhaus wurde am 3. September für seinen Kurzfilm „Das beste Orchester der Welt“ mit dem Deutschen Fairnesspreis Film und Fernsehen geehrt. „Brücken bauen“ war 2021 das Motto des von der ver.di FilmUnion und dem Schauspielverband BFFS seit 2019 gemeinsam ausgelobten Preises. Er wurde neben acht Kategorien und weiteren Spezialpreisen im Rahmen der Verleihung des Deutschen Schauspielpreises im Berliner Club Spindler&Klatt vergeben. Partner war in diesem Jahr das „Projekt Zukunft“, eine Initiative der Berliner Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe. Im ausgezeichneten Film geht es um einen Kontrabassisten – eine Socke, Ingbert Socke! Bei…
mehr »

Podcast-Markt greifbar

Den richtigen Ton treffen“, so ist die Studie über den Podcast-Boom in Deutschland überschrieben, die Lutz Frühbrodt und Ronja Auerbacher für die Otto-Brenner-Stiftung (OBS) erstellt haben. Es ist die bislang sicher beste Arbeit, die versucht, das Phänomen Podcast zu ergründen, zu beschreiben und auszuwerten. Auch wenn das am Ende nicht vollständig gelingen kann, weil die Bandbreite der Podcasts viel zu divers ist, ist es ein gelungener Versuch der Annäherung, den Podcast-Markt greifbar zu machen.
mehr »