Keine Pluralität

Die politische Krise in Venezuela in den internationalen Medien

In Lateinamerika streiten Medienhäuser über den richtigen Umgang mit dem innenpolitischen Konflikt in Venezuela. Die großen Verlage organisierten eine Kampagne gegen die venezolanische Regierung. Journalisten aus dem Land werfen ihren Kollegen versuchte „Destabilisierung” vor. Wissenschaftler bestätigen, dass über Venezuela „systematisch negativ” berichtet wird.

Die Berichterstattung aus Konfliktregionen stellt Journalisten und Redaktionen vor außerordentliche Herausforderungen. Vor Ort treffen die Korrespondenten auf eine extrem polarisierte Bevölkerung. Unterschiedliche Gesprächspartner vertreten zumeist vollständig gegensätzliche Sichtweisen auf ein und dasselbe Ereignis. Ein Einzelmedium, mit bestenfalls einem Korrespondenten und einer abonnierten Agentur, kann eine plurale Berichterstattung kaum leisten.
Ein vielseitiges Angebot an Informationen stellt sich in demokratischen Gesellschaften normalerweise über die Außenpluralität her. Die Vielfalt der Anbieter sollte es dem Publikum am Ende ermöglichen, unterschiedliche Aspekte des Konflikts kennenzulernen.
Die größten Verlagsgruppen in Lateinamerika trafen im Februar eine Vereinbarung, diese Außenpluralität bewusst aufzuheben. Hintergrund ist die innenpolitische Krise in Venezuela. Seit Februar kam es zu großen Protestwellen, organisiert von der bürgerlichen Opposition des Landes.

Kampagne von 80 Zeitungen

Die drei größten Organisationen lateinamerikanischer Verlage – Andiarios, Grupo de Diarios de América (GDA) und Periódicos Asociados Latinoamericanos (PAL) – publizierten über einen Zeitraum von drei Monaten eine gemeinsame Sonderseite zu Venezuela. Unter dem Motto „Wir sind alle Venezuela” (Todos Somos Venezuela) veröffentlichten die mehr als 80 beteiligten Zeitungen täglich dieselben Inhalte. An der Kampagne beteiligte sich auch die spanische Tageszeitung El País. Zur Begründung verweisen die Medienhäuser auf die angeblich bedrohte Meinungsfreiheit in Venezuela. „Die lateinamerikanische Presse kann nicht passiv bleiben angesichts der Belästigungen aller Art, denen sich venezolanische Zeitungen weiterhin ausgesetzt sehen”, heißt es in einer Presseerklärung zum Start der Kampagne.
Eleázar Díaz Rangel, Chefredakteur der größten Tageszeitung Venezuelas, bewertet dieses Vorgehen als ein „nie dagewesenes Ereignis in der amerikanischen Geschichte”. Eine solche Form, sich redaktionell offen zu koordinieren, um „zur Schwächung und Destabilisierung einer Regierung beizutragen”, habe es noch nie gegeben. Den Verantwortlichen von Últimas Noticias verärgert besonders, dass seine Kollegen ihre Kampagne mit der angeblich fehlenden Meinungsfreiheit in Venezuela begründen. „In Venezuela erscheinen über 100 Tageszeitungen und 80 bis 90 davon stehen in offener Opposition zur Regierung”, erläutert Díaz Rangel die Presselandschaft des Landes.

Deutlich negative Tendenz

Auch jenseits der aktuellen Kampagne scheint die internationale Berichterstattung über die Innenpolitik in Venezuela eine äußerst geringe Pluralität aufzuweisen. Das spanische Fachmagazin Revista Latina de Comunicación Social veröffentlichte im Juni eine Untersuchung von Medienwissenschaftlern aus Chile und Venezuela. Sie hatten über den Zeitraum von einem Jahr insgesamt 28 Tageszeitungen von großen Verlagsgruppen aus Lateinamerika, den USA und Europa ausgewertet.
Das erste überraschende Ergebnis ist, dass das Land Venezuela in der etablierten Presse praktisch ausschließlich im Zusammenhang mit Regierungspolitik thematisiert wird. Nur bei fünf Prozent der Artikel fehlte ein direkter Bezug zur Regierung des Landes. Übergreifend über alle Medien stellten die Wissenschaftler dabei eine deutlich negative Tendenz fest. Während fast die Hälfte der Beiträge, 45 Prozent, die dargestellten Themen explizit negativ wertete, enthielt nur ein Prozent der Artikel auch positive Wertungen.
Das stärkste Missverhältnis fanden die Forscher bei den untersuchten Presseerzeugnissen aus den USA. In den Zeitungen The Times und Wall Street Journal dominierte dieser Negativ-Bias am ausgeprägtesten. In zwei Drittel bzw. drei Viertel der Beiträge ließ sich eine ausdrückliche Negativ-Tendenz feststellen. Positive Wertungen wurden von den Journalisten praktisch überhaupt nicht vorgenommen.
„Die Politik der venezolanischen Regierung wird außerhalb Venezuelas und im Land selber vollkommen unterschiedlich bewertet”, lautet ihr Fazit, wobei sie auf die guten Wahlergebnisse der dortigen Regierungspartei PSUV und auf zahlreiche Umfragen zur politischen Stimmung in Venezuela verweisen. Die Gründe für diesen „systematischen Negativ-Bias” sehen sie darin, dass sich die politischen Vorstellungen der venezolanischen Regierung und die der internationalen Medienunternehmen fundamental unterscheiden.

Disclaimer:

Malte Daniljuk ist Redakteur für das Ressort Hintergrund & Analyse bei dem Nachrichtenportal Amerika21. Im Februar richtete er einen offenen Brief an die Chefredakteure der ARD, in dem er die seiner Ansicht nach sachlich falsche und einseitige Berichterstattung der ARD-Nachrichten über Venezuela kritisierte.

Quellen:

http://www.revistalatinacs.org/069/paper/1016_UB/19fes.html

https://amerika21.de/dokument/98157/brief-ard-aktuell

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Mental stark in Krisenzeiten

Wie können Journalist*innen den Zustand der Welt noch abbilden, fragte im November die Friedrich-Ebert-Stiftung. Wie kommen sie selbst mit der Dauerkrisensendung klar? Eine Antwort darauf versuchte der Kommunikationswissenschaftler Stephan Weichert zu geben: einen resilienten Journalismus. Ziemlich nüchtern berichtete Andrea Beer über ihre Arbeit als ARD-Hörfunkkorrespondentin in der Ukraine. Angehenden und jungen Journalist*innen zeigte sie per Videostream Fotos von ihren Einsätzen – etwa bei den Toten in der Nähe der zurückeroberten Stadt Isjum im Nordosten.
mehr »

Feminismus im Comic: Ganz ohne Superman

Comics waren lange eine Sache von Männern und Jungs. In ihren Abenteuern retteten maskuline Helden wie Superman die Welt, Zeichner dominierten die Branche. Doch das ändert sich: Viele der aufsehenerregenden Comics der vergangenen Jahre stammen von Frauen. Die Zeichnerinnen erzählen aus ihrem Leben, hinterfragen stereotype Geschlechterrollen und machen feministische Begriffe und Theorien populär. Doch ganz neu ist das nicht: Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass feministische Ideen schon sehr früh Teil der Comickultur waren.
mehr »

Journalismus: Wenn Arbeit krank macht

Die Journalistin Mar Cabra ist Mitbegründerin von „Self Investigation“. Die Stiftung mit Sitz in den Niederlanden gibt es seit November 2021. Ihr Ziel ist, die Situation der mentalen Gesundheit von Journalist*innen zu verbessern. Dabei schöpft die gebürtige Spanierin aus ihren Erfahrungen mit einem Burnout. Die Pulitzer-Preisträgerin arbeitete 15 Jahre lang als Journalistin in spanischen und internationalen Medien, unter anderem bei der BBC oder der spanischen Zeitung "El Mundo".
mehr »

Im Schatten des Ukraine-Krieges

Über den konkreten Verlauf des russischen Angriffskriegs in der Ukraine wird das deutsche Publikum seit Beginn der Invasion in allen Medien umfassend informiert. Das diesjährige Treffen des Korrespondenten-Netzwerks „Weltreporter“ am 11. November in Hamburg kreiste dagegen um das Thema „Nebenkriegsschauplätze: Wie Russlands Krieg die Welt verändert“. Erstmals erprobt wurde dabei das Format eines „Reporterslams“. Fazit: Viele Weltregionen sind in der Berichterstattung nach wie vor unterbelichtet.
mehr »