Kino in der Moderne: Als befände man sich mittendrin

Modernes Leben, Politik: Friedrich Ebert mit Henny Porten und Emil Jannings am Set von Anna Boleyn (Ernst Lubitsch, 1920) Quelle: Deutsche Kinemathek – Fotoarchiv

100 Jahre Weimarer Republik! Ein Jubiläum, das Anlass gibt, eine Gesellschaft kennenzulernen, die alles dafür tat, um ihre unmittelbare Vergangenheit schnell hinter sich zu lassen. Den Widersprüchen dieser glanzvoll beginnenden Epoche geht die Ausstellung „Kino in der Moderne. Film in der Weimarer Republik“ in der Bundeskunsthalle in Bonn nach.

Es herrschte Aufbruchstimmung. Das urbane, bürgerliche Leben wurde durch Tanz, Sport, Mobilität und Mode wieder lebenswert. Walter Gropius gegründete das Bauhaus 1919 in Weimar, die Frauen durften am 19. Januar zum ersten Mal wählen und sich als Kandidatinnen aufstellen lassen. Die junge deutsche Filmindustrie positionierte sich international – ein goldenes Zeitalter, also? Ja und nein, denn die sozialen Verhältnisse in der sich ebenso rasant verändernden Arbeitswelt waren oft von Armut und Elend geprägt, und: der Nationalsozialismus schickte deutliche Vorzeichen voraus, die auch im Film zu sehen waren!

In den Sog des Aufbruchs wird der Besucher gleich in der ersten Halle förmlich hineingezogen. Über die Blickhöhe hinaus sieht man von allen Seiten Filmprojektionen einer pulsierenden Großstadt, die Wochenschau berichtet vom sonntäglichen Badevergnügen am See, von fröhlichen Hausfrauen in Kittelschürze ebenso wie von Rad fahrenden Frauen mit Kurzhaarschnitt. Filmplakate versprechen einen unterhaltsam-vergnüglichen Sonntagnachmittag („Heute sündig und süß. Großes amerikanisches Sittendrama in 12 Akten“), im Hintergrund ist Filmmusik zu hören, unverkennbar: es sind die Nibelungen von Fritz Lang. Tatsächlich ist es ein schwindelerregender erster Eintritt in eine Welt, die der Besucher sich anschließend in den verschiedenen Stationen erobern wird.

Stahlgerüste, die man sonst nur auf dem Bau vermutet, bilden das standhafte Skelett für die vielseitigen Exponate. In deren Dichte suggerieren sie Weite und nehmen der Ausstellung den Charakter eines geschlossenen, musealen Raums. An ihnen hängen Bildschirme, Fotos, Screenshots von Filmszenen, Plakate, Zeichnungen oder Gemälde, genauso wie Skier mit angeschraubter Kamera (nützlich für den Dreh von Heimat- oder Bergfilmen) oder lehnt eine Sprossenwand aus den 1920er Jahren, an der nicht nur trainiert, sondern auch zu Disziplin und Körperkult erzogen wurde, gefährliche Vorboten dessen, was später den Nationalsozialismus prägen sollte. Zwischen ihnen Vitrinen mit Originaldrehbüchern wie die erste Seite zu „Geheimnisse einer Seele“ (G.W. Pabst, 1926), Partituren wie „Die Hetzjagd nach Arbeit“, von Hanns Eisler (ca. 1931) oder das „Jahrbuch für sexuelle Zwischenstufen unter bestimmter Berücksichtigung der Homosexualität“, von Magnus Hirschfeld (1919), selbst ein originaler Teddybär sitzt in einem Glaskasten und starrt, etwas verloren, seine Betrachter von heute an.

Modernes Leben, Kostümbild: Damen in den Ewigen Gärten, Metropolis (Fritz Lang, 1927) Quelle: Deutsche Kinemathek – Fotoarchiv, Foto: Horst von Harbou

In drei großen Themenblöcken („Modernes Leben“, „Werkstatt Film“ und „Im Kino Neues Sehen“) und drei Kinosälen präsentiert sich der Weimarer Film, das Kino der Moderne, in seinen Wechselwirkungen mit Literatur, Architektur und Kunst als Spiegel der Gesellschaft. Gelungene Beispiele gibt es viele, wie etwa den Stummfilm „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“ (1929, Phil Jutzi), für den u.a. Käthe Kollwitz das Protektorat übernahm, oder den Tonfilm „Kuhle Wampe oder wem gehört die Welt“ (1932, Slatan Dudow), der unter der Mitarbeit von Berthold Brecht und Hanns Eisler entstand.

Der Film in der Weimarer Republik mobilisierte Massen in die Kinosäle. Über 5000 Lichtspielhäuser mit 353 Millionen Menschen jährlich soll es bis 1928 gegeben haben. Ein Blick auf den Grundriss der Capitol-Lichtspiele am Zoo (1924-1926) legt Zeugnis ab für diese, aus heutiger Sicht, unglaublichen Zahlen.

Neues Sehen, Frauen: Lotte Reiniger bei den Arbeiten an einem Scherenschnittfilm Quelle: Deutsche Kinemathek – Fotoarchiv

Dem Besucher wird auch ein spannender Blick hinter die Kulissen gewährt, insbesondere auf die Frau hinter der Kamera. Die 1920er galten als „das Jahrzehnt der Frauen und wegweisend für die Emanzipation“. Aktiv beteiligten sie sich am Filmschaffen, sei es hinter der Kamera, als Drehbuchautorin oder Produzentin. Für die Kuratorin Kristina Jaspers stellt das „ein Gegenwartsthema“ dar, wie es die diesjährige Berlinale im Übrigen ebenfalls gezeigt hat.

Man wollte ein „kaleidoskopisches Bild kreieren, die für diese Zeit“ stand, so Rein Wolfs, Intendant der Bundeskunsthalle, die „so strahlend“ begann, aber so ein „klägliches Ende“ fand, wie Rüdiger Suchsland in seinem Dokumentarfilm „Von Caligari zu Hitler. Das deutsche Kino im Zeitalter der Massen“ treffend feststellt.

Die Ausstellung wird von der Bundeskunsthalle und der Deutschen Kinemathek präsentiert und ist noch bis 24. März zu sehen. Man sollte hingehen und sich viel Zeit mitnehmen.

 

 

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