Klimakrise verändert die Rolle des Journalismus

Baum: eine Hälfte ist grün, eine Hälfte ist vertrocknet

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Viele Journalist*innen suchen angesichts der Klimakrise nach einem neuen Rollenverständnis zwischen neutraler Berichterstattung und politischem Aktivismus. Auf der Jahrestagung des Netzwerks Medienethik zum Thema „Nachhaltigkeit in der Medienkommunikation“ gaben drei Medienforscher*innen Anregungen für ein zeitgemäßes journalistisches Selbstverständnis. Einig waren sich alle, dass journalistisch-handwerkliche Standards auch bei einer stärkeren Werteorientierung hin zu einem nachhaltigen Handeln wichtig sind.

Wie junge Journalist*innen des ARD-ZDF-Content Netzwerks „funk“ Klimakrise und Nachhaltigkeit thematisieren, präsentierte Janis Brinkmann, Publizistikprofessor an der Hochschule Mittweida. In seiner Studie „Journalistische Grenzgänger“ hatte er alle fünf Presenter-Formate von Y-Kollektiv bis STR _F zwischen 2016 und 2022 analysiert. Sie richten sich an Menschen zwischen 14 und 29 Jahren. Fazit: Die „funk“-Reportagen,, sind eine „neuartige Form“ des Haltungsjournalismus.

Einen Haltungsjournalismus, der nicht beim Beschreiben verharrt, verkörperten etwa auch Georg Restle oder Anja Reschke in ihren Politmagazinen, so Brinkmann. Auch in den Presenter-Reportagen von „funk“ gehöre die Vermittlung einer Haltung der Reporter*innen zum Formatkern: „Wir erzählen Geschichten, wie wir sie erleben“, bekennt etwa das Y-Kollektiv.

In 9,5 Prozent der Gesamtberichterstattung, die Brinkmann in seiner quantitativen Inhaltsanalyse untersuchte, wird Nachhaltigkeit im weitesten Sinne thematisiert. Sie bildet damit neben Themen wie Rassismus, Sexualität und Arbeitswelt einen Schwerpunkt der fünf Reportage-Formate. Die Nachhaltigkeitsthemen, die der Medienforscher in einem Teilsample auswertete, würden überwiegend neutral (56 Prozent) bis negativ (27 Prozent) bewertet. Jeweils in mehr als neun von zehn Beiträgen dominiere die eigene Meinung der Reporter*innen zum Thema. In mehr als zwei Dritteln der Videos, etwa zu „Leben ohne Müll“ oder „Nachhaltige Mode“, seien einzelne Protagonist*innen und die Reporter*innen selbst Hauptquellen der Informationen, Studien oder Fachleute würden kaum genannt. „Jedes Thema wird an einem Gesicht hochgezogen und mit Handykamera gedreht“, kommentierte Brinkmann die subjektive Perspektive der Beiträge.

Medienethik durch Distanz

Problematisch sei die fehlende Distanz zu Aktivist*innen. Reporter seien beispielsweise dabei, als Tierschützer*innen in einen Stall eingebrochen, um Legehennen zu fotografieren (Anm. der Redaktion: Bei dem Clip handelt es sich nicht um ein funk-Format). In einem anderen Beitrag übers Rheinische Braunkohlerevier kommen nur Klimaaktivist*innen zu Wort, nicht aber Mitarbeitende des RWE-Konzerns. Das Gemeinmachen mit Aktivist*innen bezeichnet Reporter Dennis Leifels hingegen als „ethisch begründete Pflicht“. Denn angesichts der Klimakrise dürfe man nicht nur zuschauen. Manuel Möglich betont, dass es in der Redaktion aber auch Bewusstsein für die Kritik gebe: „Wir kennen die Vorwürfe, mit denen die öffentlich-rechtlichen Formate permanent konfrontiert werden.“ Er habe immer „eine Haltung, keine Meinung“. Da er Vegetarier sei, würde er nicht über Massentierhaltung berichten, denn das wäre dann aktivistisch.

Das dominiernde Rollenverständnis als „Vermittler und Watchdog“ sei journalistisch, aber es gebe „Tendenzen zum Aufklärer, Anwalt und Problemlöser“, resümierte Brinkmann. Durch Subjektivität und ein moralisierendes Framing setzten die „Funk“-Macher*innen sich einem Aktivismusverdacht aus, den journalistische und medienethische Fehler schürten. Etwa im STRG_F-Beitrag „Ich scheiß aufs Klima“ mit einem superreichen Protagonisten, der als gar nicht reich entlarvt wurde.

„Transferkompetenz“ über Ressortgrenzen hinweg

Die Nürnberger Journalistikprofessorin Beatrice Dernbach äußerte sich skeptisch zu dieser subjektiven Berichterstattung. Sie ist aber genauso wie Brinkmann überzeugt, wenn sich eine Gesellschaft verändert, erfordere das eine „Neujustierung des Journalismus“. Damit verbunden sei eine Erweiterung journalistischer Kompetenzen. Insbesondere Klimawandel und Nachhaltigkeit erforderten eine „Transferkompetenz“, da die Welt komplexer wird. Die großen globalen Themen, zu denen auch Migration, Gesundheit oder Handel zählten, könnten nicht mehr eindeutig einem Ressort zugewiesen werden. Wegen ihrer Komplexität müsse Wissen – etwa aus der Forschung – über die Ressortgrenzen hinweg erschlossen und entsprechend vermittelt werden, so Dernbach.

Bei der Wissensvermittlung gehe es darum, neutrale Distanz und Haltung zu bewahren und sich beim Schreiben zu positionieren. Sie zitierte einen Journalisten, der meinte, es müsse selbstverständlicher werden, sich für Nachhaltigkeit und gegen den Klimawandel einzusetzen. Dem „Stern“ allerdings habe die Zusammenarbeit mit Fridays for Future den Vorwurf des Advokatenjournalismus eingebracht. Berichten Journalist*innen pro nachhaltiger Entwicklung und Klimaschutz werde ihnen bisweilen unterstellt, sie seien „ideologisch im Sinne linker und grüner Politik“ und verstießen damit gegen journalistische Grundsätze wie Neutralität. Dernbach betonte, Nachhaltigkeit sei als handlungsleitend zu verstehen – als neue Dimension und ethisches Leitbild.

Emotionen im Qualitätsjournalismus

Die Düsseldorfer Journalistikprofessorin Marlis Prinzing betrachtete Nachhaltigkeit auch als Maxime für gesellschaftliches und zwischenmenschliches Handeln. Es sei ein wichtiger Faktor journalistischer Arbeitsqualität, der Resilienz und damit Krisenkompetenz von Menschen steigern könne. Eine Schlüsselrolle komme dabei der Empathie zu – für den professionellen Umgang mit den Betroffenen vor Ort und als Teil der Berichterstattung. Prinzing zeigte das am Beispiel von Interviews mit Betroffenen der Ahrtal-Flutkatastrophe 2021 und Journalist*innen, die darüber berichteten.

„Emotionen auch im Informationsjournalismus zu zeigen, ist wichtig“, so Prinzing, denn auf Fakten reduzierte Berichterstattung werde als „kalt und überheblich wahrgenommen“. Dennoch sei es eine Gratwandung, etwa über persönliche Erlebnisse und Gefühle der betroffenen Menschen zu berichten. Einerseits sei es wichtig, damit auch für Hilfe zu werben, anderseits müssten bei der Darstellung von Verzweiflung Grenzen des Zeigbaren ausgelotet werden. Journalist*innen sollten über „einen justierten ethischen Kompass“ verfügen und diesen transparent machen. Prinzings Fazit: Empathie sei ein Qualitätsfaktor, der stärker als bisher im Informationsjournalismus wirksam werden sollte. Sie könne beim Berichten über Nachhaltigkeit und Klimawandel sowie damit verbundene Krisen helfen.

Auch Janis Brinkmann brach eine Lanze für einen emotionalen, authentischen und konstruktiven subjektiven Journalismus, wie ihn Y-Kollektiv und  STRG_F praktizieren. Er könne neben „einer Information auch Orientierung und Unterhaltung liefern“.

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