Leipzig ohne Grundstudium

Auch renommierte Studiengänge kommen an Bologna nicht vorbei

Sie sind die bekanntesten Studiengänge für Journalismus in Deutschland, die drei Diplomstudiengänge in Dortmund, Leipzig und Eichstätt sowie die Kombination aus Studium und Unterricht an der Deutschen Journalistenschule DJS und der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Das hat eine Umfrage unter deutschen Chefredakteuren ergeben, die Michael Harnischmacher von der Uni Eichstätt im vergangenen Sommer für seine Doktorarbeit über die Journalistenausbildung an Hochschulen gemacht hat. Doch das Ergebnis gehört in die Vergangenheit: Keine der vier Ausbildungen gibt es heute noch in der abgefragten Form. Der Bologna-Prozess hat zugeschlagen.

Die genannten Studiengänge hatten bisher eine Regelstudienzeit von acht bis neun Semestern, dazu Praktikums- beziehungsweise Volontariatsphasen. Stellte sich also die Frage, wie die Lehrinhalte in das Zeitschema sechs Semester Bachelor und vier Master gepresst werden können.
Am leichtesten wiederzuerkennen ist der Studiengang in Dortmund: Hier braucht der Bachelor in Journalistik auch künftig die dafür ungewöhnlich lange Zeit von acht Semestern. Das integrierte Volontariat ist erhalten geblieben. Außerdem wird ein Bachelor Wissenschaftsjournalismus angeboten und für das Wintersemester ein Master in Wissenschaftsjournalismus geplant, der auch Naturwissenschaftlern offen stehen soll.
Auf der Homepage des Studiengangs der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt hieß es 2006 noch „Eichstätt 2007: Studieren nach bewährtem Muster“. Doch wer nicht bis zum Beginn des Sommersemesters das geforderte Praktikum in einer Redaktion abgeleistet hatte, dem winkte kein Diplom mehr. Auf Druck des bayerischen Wissenschaftsministeriums mussten die Eichstätter umstellen. „Und machen nun erst mal Pause“, wie Dozentin Renate Hackel-de Latour erläutert. Erst im Wintersemester 2008 / 09 wird es neue Journalistik-Studierende in Eichstätt geben. Statt der einjährigen Diplomphase sind dann nur zehn Wochen für die Abschlussprüfungen vorgesehen. Die geisteswissenschaftlichen Fächer werden eine geringere Rolle spielen. „Die Praxissäule bleibt“, unterstreicht die Dozentin. Ein paar Semester später soll auch ein Master-Studiengang angeboten werden.

Nur noch Masterstudium

Am stärksten betroffen von den Veränderungen sind die Studiengänge in München und Leipzig. Hier gibt es keine grundständige Ausbildung mehr. Wer in München die Kombination Kommunikationswissenschaften an der Uni und Lehrausbildung an der DJS machen möchte, kann sich schon seit einigen Semestern erst mit einem Bachelor-Abschluss einschreiben. Geblieben war zunächst ein Aufbaustudiengang, der zu dem schönen Titel „Diplom Praktischer Journalismus (postgrad.)“ führte. Trotzdem gab es im Sommer schon 600 Bewerbungen für die zwei Klassen mit je 15 Schülern. Doch auch der jetzige Name des Studienganges ist schon wieder Schall und Rauch: Er wird zum kommenden Wintersemester zu einem Master-Studiengang aufgewertet.
In Leipzig, dessen Diplomstudiengang bei der Umfrage die besten Noten erhielt, wird es keine Abiturientinnen und Abiturienten auf dem direkten Weg zum Journalismus mehr geben. Ab diesem Wintersemester gibt es zwei Master-Studiengänge. Mit der Verkürzung der Ausbildungszeit fällt das Studium des zweiten Fachs weg. Professor Michael Haller erklärt deshalb, dass für den Master Journalistik ein Bachelor-Fach aus dem früheren Kanon des Zweitfachs gewählt werden solle, eher nicht die Kommunikationswissenschaft. Für den neuen zweiten Master „Hörfunk“ macht Studiengangsleiter Professor Rüdiger Steinmetz diese Einschränkung nicht, Bachelor in Kommunikationswissenschaft sind durchaus willkommen. Allerdings erklärt Steinmetz, dass auf Grund der Erfahrung mit den ersten Absolventen durchaus noch eine „Nachsynchronisierung“ kommen könnte. Auf die Idee zu diesem Master „Hörfunk“ kamen die Leipziger durch ihr gut etabliertes Uniradio „Mephisto“. Dieses Potenzial sollte nicht brachliegen und nur mit den Studierenden eines Masterstudiengangs wäre das Programm in der bisherigen Qualität kaum zu schaffen gewesen, so Steinmetz.
Bei beiden neuen Mastern ist die übliche Bewerberschwemme dieses Jahr ausgefallen. „Unter 20“, antwortete Steinmetz auf die Frage nach der Zahl der Bewerber. Genommen wurden neun aus den Kommunikationswissenschaften. Für den Master Journalistik kamen 60 Kandidaten zur Eignungsprüfung, 36 haben sie geschafft. „Ich gehe davon aus, dass die Bewerberzahl mit der Verbreitung der Bachelor-Studiengänge Jahr für Jahr zunehmen und vermutlich in rund fünf Jahren etwa dieselbe Höhe erreichen wird wie früher beim Diplomstudiengang, nämlich rund 250 bis 300 in den Eignungsprüfungen“, schätzt Haller. Dann allerdings nur noch für 45 statt bisher 65 Studienplätze.
Links:
www.uni-leipzig.de/journalistik
www.djs-online.de
www.ku-eichstaett.de/Fakultaeten/SLF/jour
www.journalistik-dortmund.de/

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

ZDF textet nur noch in Ausnahmefällen

Seit Dezember 2025 gilt der Reformstaatsvertrag zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Damit haben die Bundesländer die Vorgaben für die Sender verschärft, ihre Online-Angebote nicht presseähnlich zu gestalten. Eine Textberichterstattung erfordert seitdem, mit wenigen Ausnahmen, einen aktuellen Sendungsbezug. Das ZDF reagierte auf den erhöhten Bewegtbild-Bedarf mit strukturellen Änderungen.
mehr »

Drei Fragen: Altersversorgung von Filmschaffenden

Für alle Beschäftigten vor und hinter der Kamera soll ab Beginn des Jahres 2027 einheitlich die tarifvertragliche betriebliche Altersversorgung gelten. Dafür hat die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di) zusammen mit der Produktionsallianz und der Schauspielgewerkschaft BFFS die Allgemeinverbindlichkeit beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) beantragt.
mehr »

Weniger Frauen in Führungspositionen

Der Frauenmachtanteil in den deutschen Leitmedien ist laut Pro Quote Medien erneut gesunken. Das zeigt eine neue Leitmedienzählung. Der gewichtete Frauenmachtquotient liegt aktuell bei  37,3 Prozent – ein weiterer Rückgang um 0,2 Prozentpunkte gegenüber Januar 2026.
mehr »

Nachschlagewerk gegen Einschüchterungsklagen

Die No SLAPP Anlaufstelle hat ihr aktuelles Handbuch veröffentlicht: Hier lesen Sie jede Woche ein neues Kapitel daraus. Das Handbuch bündelt das Wissen aus zwei Jahren Beratungspraxis sowie die Expertise des rechtlichen Beirats und weiterer Kooperationspartner*innen. Es ist ein zentrales Referenzwerk für alle, die sich gegen strategische Klagen informieren, zur Wehr setzen und darüber berichten möchten.
mehr »