Live aus den wachsenden Wäldern dieser Welt

Engagierte Friedensberichterstattung mit dem „Peace Counts“ Projekt

Kriegs- und gewaltvolle Konfliktberichterstattung dominieren die deutschen Medien beim Spiegeln der Situation in vielen Ländern der Erde. Diese Bilder und Worte sind schnell zu haben, beeindrucken, schockieren, bringen Quote und Auflagen. Das Projekt „Peace Counts“ versucht mit seiner Friedensberichterstattung, ein mediales Gegengewicht zu schaffen und gemeinsam mit Partnern den Blick für friedliche Konfliktlösungen zu schärfen.

„Ein Baum, der umstürzt, macht mehr Krach als ein ganzer Wald, der wächst.“ Dieses Tibetanische Sprichwort haben sich die „Friedensmacher“ um Initiator Michael Gleich auf ihre Fahnen geschrieben. Und während Reporterteams den umstürzenden Baum umlagern, berichtet „Peace Counts live aus den wachsenden Wäldern dieser Welt“. Es gilt, den Alltag im Umgang mit Konflikten und existenziellen Problemen zu schildern, Menschen zu zeigen, die sich mit ganzer Kraft einsetzen, helfen, lernen und Erfolge verzeichnen im Kampf gegen Terror, Gewalt und Elend. Es gäbe viele einfache Menschen, jenseits von Gandhi, die hochmotiviert viel erreichen, die eine Methode finden, mit dem eigenen Konflikt umzugehen.

„Wichtig ist uns, mit diesen Beispielen zu eigenem Engagement zu ermutigen und vor allem bei jungen Leuten den Horrorbildern, die vor allem Resignation erzeugen, etwas entgegenzusetzen“, so Michael Gleich. Dabei werde natürlich nichts beschönigt. Dennoch werden anhand von „Best Practice“ friedliche Konfliktlösungen dokumentiert. Nicht zuletzt verstehen sich die Friedensberichterstatter deshalb als eine „weltweite Lernexpedition“ und damit als Sammler von Wissen und Erfahrungen unterschiedlichster Kulturen und Herangehensweisen an eine Konfliktbewältigung. Auf diese Weise entsteht eine „Art Bibliothek des Wissens“, ist Michael Gleich überzeugt.

Das Team um den Publizisten besteht aus elf weiteren professionellen Journalisten von den Agenturen Zeitenspiegel, bilderberg und laif, die mit dem Genre Reportage und dessen vielfältigen Stilmitteln, die Geschichten zu Papier bringen und auf Film bannen. Es sei nicht schwer gewesen, Mitstreiter zu finden, so Gleich. Journalisten und Fotografen hätten Interesse daran, aus dem „Tagebau des Journalismus“, wo Informationen und Bilder freigelegt vorlägen, heraus zu steigen und in das „Bergwerk des Journalismus“ einzufahren. Das heißt: Sie würden tief ins Innere vordringen, müssten graben, recherchieren, um interessante Geschehnisse zu finden, Menschen aufzuschließen und Bilder einzufangen. „Das ist anspruchsvoll und macht Spaß.“

Langer Atem und langer Blick

Die kommerziellen Medien seien auf Ereignisse und augenblickliche Zustände fixiert. „Frieden ist jedoch kein Zustand, sondern ein Prozess, der manchmal sehr lange dauert, sich schleichend und unspektakulär vollzieht und vom Beobachter einen langen Atem und einen langen Blick erfordert.“ So heißt es in den Projektzielen von „Peace Counts“, das „den publizistischen Ehrgeiz“ habe, „Frieden als die eigentliche Sensation darzustellen“. Von besonderem Gewicht sei dabei die „Friedensfotografie“, mit der „Peace Counts“ einen „ästhetischen und publizistischen Beitrag zur Kultur des Friedens“ leisten will.

Vornehmste Aufgabe sei es, „die Menschen mit ihren Gefühlen und Träumen, ihrer Herkunft, ihrer Geschichte, ihrem sozialen Umfeld plastisch und lebendig werden zu lassen“. Dabei sei Nähe, aber nicht Voyeurismus, eine wichtige Leitlinie: „der nahe Blick“. Das zweite sei der „analytische Blick“, worunter das Erforschen der Rahmenbedingungen vor Ort verstanden wird. Geduld und das Dranbleiben an den Menschen und ihrer Geschichte erfordere den „langen Blick“. Wobei der „fürsorgliche Blick“ darauf gerichtet sei, Friedensprozesse nicht zu stören oder zu gefährden.

Sicher lässt sich das in übertragenem Sinn auch für die Kollegen des Wortes anwenden – ein Anspruch, der Können und Zeit voraussetzt. Zeit, die große Agenturen, Zeitungs- und Zeitschriftenredaktionen nicht mehr aufbringen beziehungsweise nicht mehr bezahlen wollen oder können. Deshalb war von Anfang an klar, ein solches ehrgeiziges Projekt lässt sich neben dem Engagement der Akteure nur mit Partnern und auch finanzieller Unterstützung bewerkstelligen. Über Erfahrungen mit dem Knüpfen von Netzwerken verfügte Gleich bereits durch das sehr erfolgreiche Projekt „Live Counts“ – für ihn der Vorgänger von „Peace Counts“. Dabei ging es um die biologische Vielfalt, den Reichtum der Pflanzen- und Tierwelt auf der Erde. Die Zählung und Dokumentation wurde unter anderem von der UNO unterstützt. Auch bei dem Projekt „Peace Counts“ stieß der Publizist auf offene Ohren sowohl in der Wissenschaft, der es nicht leicht fällt, die Ergebnisse der Friedensforschung in geeigneter Form in die breite Öffentlichkeit zu tragen, als auch bei anderen Organisationen. So hat die UNESCO „Peace Counts“ bereits als einen offiziellen deutschen Beitrag zur laufenden Internationalen Dekade der „Culture of Peace“ anerkannt und Förderung zugesagt. Das Institut für Friedenspädagogik Tübingen e.V., die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) GmbH und das Bonner International Center for Conversation (BICC) sind weitere Partner.

Irdische Lösungen

Doch auch in den Medien gibt es eine erste Akzeptanz der Initiative: Reportagen sind in der „Süddeutschen Zeitung“ und im „Focus“ erschienen, Hörfunkfeature wurden bei WDR und NDR ausgestrahlt. Unter dem Titel: „Friedenssucher zwischen den Fronten“ beschreibt Michael Gleich in einer seiner Reportagen: „Jerusalem, die gespaltene Stadt: Israelische und Palästinensische Muslime stehen sich als Todfeinde gegenüber. Zwischen ihnen harrt ein Häuflein deutscher Benediktiner aus, auf der Suche nach Gott – und praktischen Konfliktlösungen.“ … “ ‚Beten ist unser Weg, spiritistisch Kraft zu gewinnen‘, sagt der Abt. Dabei belassen sie es aber nicht. Geistlich derart gestärkt, engagieren sich die Benediktiner auch ganz irdisch für Lösungen in dem blutigen Konflikt, den ihre Nachbarn zur Rechten und zur Linken miteinander austragen. Sie laden im Sommer behinderte Kinder ein, auf einem Klostergelände am See Genezareth ihre Ferien zu verbringen; dort baden sie in salzhaltigen Thermalquellen- Pools, und zwar – dieser Tage eine kleine Sensation – Israelis und Palästinenser einträchtig gemischt …“

Rechtzeitig ausgestiegen

„Der kalte Frieden“ in Nordirland wird von Gleich anhand der Geschichte zweier Streetworker widergespiegelt: „Eine traurige Armee von Arbeits- und Wohnungslosen, verarmt und traumatisiert – viele ehemalige Terroristen haben den Übergang in den Frieden nicht geschafft. Joe Doherty und Peter Mc Guire sind rechtzeitig ausgestiegen und engagieren sich heute in der Jugendarbeit. Denn viele Jugendliche auf beiden Seiten sind gefährdet, in die Szene der Paramilitärs abzudriften. Oft aus Hoffnungslosigkeit oder Langeweile.“ … „Joseph Doherty (der als Junge bereits für die IRA spionierte. Red.) spürt bleischwer die Füße, den Rücken, den Kopf. Ein langer Tag, mal wieder. Am Vormittag Sozialberatung im Büro. Nachmittags Flugblätter verteilen im Viertel, ein Tribunal gegen die britische Armee, bitte zahlreich kommen. Und abends in den Youthclub. Die Überstunden bekommt er nicht bezahlt. ‚Wisst ihr wovon ich träumte, als ich so alt war, wie ihr?‘ Jetzt sind die Kids aber mal gespannt. ‚Klempner wollte ich werden. Flanschen und schrauben und schweißen, das hat mir Spaß gemacht.‘ Die Teenis nicken …“

Zwei Beispiele. Außer nach Israel / Palästina und nach Nordirland führte die Reise der „Peace Counts“-Berichterstatter bisher nach Südafrika und Sri Lanka, im August waren sie in Mazedonien. Nächste Ziele sind unter anderem Brasilien, Kolumbien, Afghanistan, Zypern und Burundi / Ruanda.

Je Land bringen die Journalisten zwei Modellbeschreibungen mit und Gleich ist optimistisch, dass sie auch Abnehmer dafür finden. Um eine größtmögliche Verbreitung zu erreichen, sollen die Inhalte über viele mediale Kanäle verbreitet werden. Deshalb wird es ein Buch „Peace Counts. Die Erfolge der Friedensmacher“ in verschiedenen Sprachen geben. Gemeinsam mit dem Tübinger Institut wird Unterrichtsmaterial zum Thema „Gewaltlose Konfliktlösung“ für Mittel- und Oberstufen in Form von Textbroschüren, Folien und einer CD-ROM erarbeitet. Mit der GTZ Berlin findet alle zwei Monate ein Peace Counts Forum statt. Start der Veranstaltungsreihe über Mazedonien ist der 8. Oktober in Berlin. Am 16. Dezember wird Kolumbien in Wort und Bild dargestellt. Geplant ist eine Fotoausstellung, die das Projekt in vielen kulturellen Einrichtungen der Welt präsentieren wird. Ein Supplement – in Farbe und mit einem Umfang von 100 Seiten – soll großen Tages- und Wochenzeitungen einmalig als Beilage angeboten werden. Inzwischen ist auch die Internet-Plattform www.peace-counts.org eingerichtet, auf der ausgewählte Geschichten präsentiert werden. Links führen außerdem zu den relevanten Institutionen und Initiativen. Gleichzeitig wird die Website ein Diskussionsforum bieten, in dem die User eigene Friedensvorbilder und -Initiativen darstellen können. Dieser Input soll zu einer „interaktiven Weltkarte“ verdichtet werden.

nach oben

weiterlesen

Weibliche Medienmacht steigt zu langsam

Nach der aktuellen "Leitmedienzählung" erreicht die „taz“ einen Frauenmachtanteil von 56,3 Prozent und liegt damit bundesweit ganz vorn. Das hat der Verein Pro Quote ermittelt, der sich für Gleichstellung im Mediensektor einsetzt. Damit stieg der Anteil von Frauen in den Chefsesseln der Redaktionen nur leicht. Zu den untersuchten Medien zählen „Bild“, „Spiegel“, „Focus“, „stern“, „taz“, „Zeit“, „Süddeutsche Zeitung“, „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und „Welt“.
mehr »

China in der westlichen Öffentlichkeit

„Gemeinsam gegen China!“ Das vermeldeten einige deutsche Pressekommentare zum neu belebten transatlantischen Verhältnis unter US-Präsident Joe Biden. In der Gewissheit, dass die USA „Alliierte im Ringen um die globale Vorherrschaft“ braucht, ermunterten auch deutsche Jornalist*innen die Politik dazu, sich der neuen Großmachtkonkurrenz zu stellen. Gemeinsam wollen die G-7-Staaten den wachsenden Einfluss Pekings in der Welt bremsen.
mehr »

Vertrauen ist gut – Kontrolle doch besser?

Soloselbstständige und Freiberufler*innen, die in der Pandemie Corona-Hilfen der Länder und des Bundes in Anspruch genommen haben, bekommen vermehrt Post von Landesbanken oder Behörden, Nachweise zu liefern bzw. unberechtigt Erhaltenes zurückzuzahlen. Vielfach sorgt das für Verunsicherung und Frust. Das ver.di-Referat Selbstständige und der ver.di-Kulturbereich tragen per Mitgliederinformation zur Versachlichung bei. Unmut bleibt.
mehr »

Startups: Trendsetter im Journalismus

Durch Klimakrise und Coronapandemie steigt bei Mediennutzer*innen die Nachfrage nach einem Journalismus, den Non-Profit-Startups bieten: Konstruktive Informationen, dialogisch und einordnend aufbereitet, an den Interessen eines vielfältigen Publikums orientiert. Doch noch fehlt vielen Medienneugründungen eine nachhaltige Finanzierung. Einblicke in einen Journalismus, wie er sein könnte – wenn medienpolitische Rahmenbedingungen sich ändern.
mehr »