Medienangebote für Flüchtlinge

Zum Beispiel n-tv

„Marhaba – Ankommen in Deutschland”, laut Selbstbeschreibung „das erste Programm in Deutschland, das sich auf Arabisch speziell an Flüchtlinge und Zuwanderer aus dem Nahen Osten richtet”. Einmal wöchentlich erklärt der smarte Moderator Constantin Schreiber auf Arabisch, wie Deutschland tickt. In der Folge „Essen und Trinken” erfahren Flüchtlinge, die n-tv nutzen, dass es hierzulande für Muslime tabuisierte Lebensmittel wie Schweinefleisch gibt. Aber auch, dass aus Deutschland einige der Spitzenköche dieser Welt kommen. In einer anderen Folge lässt der Moderator Flüchtlinge vor dem Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales Fragen stellen, die er anschließend dem CDU-Politiker Wolfgang Bosbach zur Beantwortung vorlegt. Dabei bekommt man eher Hinweise auf die Befindlichkeiten Bosbachs („Keine Furcht vor Islamisierung”, eher Furcht vor einer „Entchristianisierung”) als Antworten auf die Fragen der Flüchtlinge („Warum half die NATO, meine libysche Heimat zu zerstören?”). Nicht alle mehr oder weniger gut gemeinten Medienangebote kommen so flach daher.

Deutsche Welle

Ein spezielles Angebot für Flüchtlinge hat die Deutsche Welle – sinnvollerweise online. Es liefert Erklärfilme zum politischen System Deutschlands sowie Info- und Servicebeiträge in arabischer Sprache. Auch die „Tagesschau” bietet im Internet seit Mitte November Nachrichten in arabischer Übersetzung (auf eingeblendeten Schrifttafeln) an, als „Service für Zuwanderer in Deutschland”. Ausführlichere Informationen erhalten Interessierte vom „Guide for Refugees”, dem englischsprachigen Video-Ratgeber des Bayerischen Rundfunks. Ähnliche Angebote bringt auch Funkhaus Europa in Kooperation mit WDR, RBB und Radio Bremen in seinem „Refugee Radio”.

Printmedien

Spärlicher gesät sind entsprechende Projekte bei den Printmedien. Bild und BZ brachten bereits Anfang September in Berlin eine arabischsprachige vierseitige Beilage, mit Karte zu den wichtigsten Anlaufstellen samt Sprachführer. Eine einmalige Aktion. Interessanter erscheint da schon die wöchentliche Kolumne „Willkommen in Deutschenland” im Hamburger Abendblatt (M 5/2015). Darin schreiben Betroffene aus Syrien, Afghanistan, Eritrea und dem Irak selbst über ihre Probleme.

Fragwürdiges Integrationsfernsehen

Sie finde es grundsätzlich „toll, wenn Medien versuchen, die Geflüchteten mit Informationen zu bedienen”, sagt Konstantina Vassiliou-Enz von den Neuen deutschen Medienmachern (Interview S. 10). Schwierig werde es dann, „wenn solche Informationsportale eine paternalistische Sicht spiegeln”. Wenn etwa den Adressaten erklärt werden soll, „dass es Mülleimer gibt und dass man in Deutschland pünktlich ist”. So etwas sage eher was aus „über den Blick der Leute, die diese Portale machen”.
Ein Angebot dieses Kalibers stand auch kurz zur Debatte. CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer machte sich in einen Offenen Brief an die Intendanten von ARD und ZDF für ein „Deutsches Integrationsfernsehen” stark. Gemäß ihrem Grundversorgungsauftrag hätten die Anstalten die Pflicht zur „Vermittlung unserer deutschen Werte und unserer deutschen Leitkultur”. Das hat den Geflüchteten wahrscheinlich gerade noch gefehlt. ver.di wies die hanebüchene Forderung umgehend zurück. „Ein eigenes Programm, das eine wie auch immer definierte deutsche Leitkultur vermitteln soll, ist als mediales Ghetto zum Scheitern verurteilt, sagte Manfred Kloiber, Bundesvorsitzender der Fachgruppe Medien in ver.di.

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Pressefeindliche Angriffe in Leipzig

Die Deutsche Journalistinnen- und Journalisten-Union (dju) in ver.di Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen beobachtete am Samstag in Leipzig Connewitz eine Demonstration. Neben zahlreichen Behinderungen der Berichterstattung kam es auch zu einem körperlichen Angriff auf ein Kamerateam des Mitteldeutschen Rundfunks (MDR). Die dju äußert große Besorgnis über die Lage der Pressefreiheit und fordert ein konsequenteres Eingreifen der Polizei auf Grundlage des sächsischen Versammlungsgesetzes.
mehr »

Indymedia-Ermittlungen komplett rechtswidrig

Das Landgericht Karlsruhe hat die Hausdurchsuchungen gegen die „Freiburger Fünf“ abermals für rechtswidrig befunden. Es habe keinen „hinreichenden Verdacht“ für die Vorwürfe gegeben. Die eingeleiteten Maßnahmen der Karlsruher Staatsanwaltschaft gegen fünf Personen zum Komplex »Indymedia linksunten« aus Freiburg seien die  »nicht verhältnismäßig« gewesen.
mehr »

Misstrauen abbauen und selbst machen

Seit November vergangenen Jahres läuft ein neuer Journalismus-Pilot in Zwenkau bei Leipzig. In zehn weiteren sächsischen Landkreisen will das Projekt „Bürger machen Journalismus“ Menschen aus ländlichen Regionen dafür gewinnen, sich journalistisch mit Themen aus ihrem Umfeld zu beschäftigen. Das Projekt der Universität Leipzig will Medienmisstrauen begegnen, indem es Bürger*innen ermöglicht, selbst in die Rolle eines Journalisten zu schlüpfen.
mehr »

Krawallschleudern in die Schranken weisen 

In der Kontroverse um Äußerungen des schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Daniel Günther fordert ver.di, presseethische Standards zu verteidigen und Digitalplattformen in die Medienregulierung einzubeziehen.  
mehr »