Mediensalon: Der Sündenfall Relotius?

Mediensalon im taz-Haus in Berlin: Der Fall Relotius und die Folgen für die Glaubwürdigkeit des Journalismus
Foto: Henrik Andree/meko factory

Der Fälschungsskandal um Claas Relotius hat erschüttert. Nicht nur den Spiegel, sondern eine ganze Branche. Seine Schatten verdunkeln das Ansehen des Journalismus und gefährden dessen Bedeutung für unsere Demokratie. Darin war sich das Podium des Berliner Mediensalons von meko factory, dju in ver.di und DJV Berlin einig. Doch wo liegen die Ursachen? Was ist zu tun? Und was wird bleiben – vom (Sünden-)Fall Relotius?

340 Anmeldungen, so viele wie noch nie. Der Saal in der „taz-Kantine“ im neuen Verlagshaus überfüllt, viele Gäste sitzen auf dem Boden oder bleiben stehen. Im Publikum viele bekannte Gesichter, Medienjournalistin Ulrike Simon oder Journalistin und Auslandskorrespondentin Gemma Pörzgen etwa. Aber auch viele Leser*innen, Hörer*innen und Zuschauer*innen waren gekommen, „weil ihnen offenbar nicht egal ist, welche Art von Journalismus hier in diesem Land gemacht wird“, vermutet der stellvertretende Vorsitzende der dju in ver.di, Peter Freitag, in seiner Begrüßungsrede.

Die Entzauberung eines Genres

Ja, welche Art von Journalismus ist das eigentlich? Ein Journalismus, für den sich seit Jahren „dieselben 100 Leute immer wieder gegenseitig die Oscars verleihen“, formuliert der freie Journalist Hajo Schumacher zugespitzt. Ein Journalismus „des Schönschreibens nur um des Schönschreibens willen“, nennt es die Chefredakteurin der Frankfurter Rundschau Bascha Mika. Klar ist: Es geht um die Königsdisziplin Reportage, und hier besonders die Auslandsreportage. Denn „je weiter sie weg ist, umso einfach ist es, die Wahrheit schöner zu machen“, sagt Schumacher. Nicht dass am Bedürfnis des Schönschreiben etwas auszusetzen sei, findet Mika, doch fragt sie, wo in den schön geschriebenen Geschichten die Relevanz geblieben sei. Die sei laut Schumacher irgendwann in den 90ern verloren gegangen, als die Reportage immer weniger Sozialreportage geworden sei und der Pop-Journalismus immer mehr sein Unwesen getrieben habe.

Gelddruck, Zeitdruck, Fälschungsdruck

Tina Groll, Brigitte Fehrle, Katharina Dodel, Holger Stark (v.l.n.r.) im Mediensalon Foto: Henrik Andree/meko factory

Doch sind Verfälschungen, Auslassungen, Unsauberkeiten nicht auch ein über die Reportage hinausgehendes, strukturelles Problem des Journalismus? Symptom von Geld- und Zeitdruck? Sie habe als Volontärin in einer Lokalredaktion mal erlebt, erzählt Moderatorin Tina Groll, dass ein Freier über alle Veranstaltungen an einem Wochenende schreiben sollte, obgleich es unmöglich war, sie alle persönlich zu besuchen – und von der Redakteurin deshalb angehalten wurde, die Details einfach hinzuzudichten. Gerade im Lokalen ist für aufwändiges Fact Checking eben einfach keine Zeit, weiß Katharina Dodel, Redakteurin bei „drehscheibe“: „Ich habe eine Stunde und dann muss die Geschichte stehen.“ Zu Zeitdruck aufgrund von Arbeitsverdichtung komme aber auch noch der wirtschaftliche Druck. Der sei wegen der finanziellen Situation der Medien immens, ist sich Schumacher sicher. Da würden Recherche und Faktenprüfung dann schnell in den Hintergrund treten. Was zähle, seien die schnellen Klicks.

„Qualitätsjournalismus braucht auch Qualitätsleser*innen“

Schumacher regt deshalb an, verstärkt über eine öffentliche Finanzierung auch der privaten Medien nachzudenken. Denn eines sei klar: „Qualitätsjournalismus braucht auch Qualitätsleser*innen.“ Oder wie es Neues-Deutschland-Redakteurin Alina Leimbach ausdrückt: „Alle wollen alles kostenlos, aber beschweren sich dann, wenn es nur Schrott ist.“ Sie forderte: „Wir brauchen mehr Klasse statt Masse.“

Karsten Kammholz, Hajo Schumacher, Bascha Mika, Alina Leimbach auf dem Podium im Mediensalon (v.l.n.r.)
Foto: Henrik Andree/meko factory

Aber was tun, um den immensen Vertrauensverlust zu lindern und wieder an Glaubwürdigkeit zu gewinnen? Oder wird der Fall Relotius etwa zum Sündenfall Relotius? Die langjährige Chefredakteurin der Berliner Zeitung Birgit Fehrle, aktuell gemeinsam mit Spiegel-Nachrichtenchef Stefan Weigel sowie Interimsblattmacher Clemens Höges mit der internen Aufklärung des Falls Relotius betraut, hält alle Maßnahmen für sinnvoll, die die Fehlerkultur verbessern können. Sie weist aber zugleich auf das Dilemma hin, dass es die Glaubwürdigkeit untergraben könne, ständig zu viele Fehler zuzugeben. Hilfreich seien auch Beschwerdestellen in den Häusern, der Einsatz von Ombudsleuten, die Pflege der Leserbriefe. Karsten Kammholz, Chefreporter und Mitglied der Chefredaktion in der Funke-Zentralredaktion in Berlin, wünscht sich mehr Transparenz über Fehler nicht nur nach außen, sondern auch nach innen: „Wenn ein Chefredakteur Fehler gemacht hat, dann sollte er das auch vor versammelter Mannschaft zugeben.“ Von Holger Stark, Ressortleiter bei Zeit Investigativ und Mitglied der Zeit-Chefredaktion, kommt außerdem der Vorschlag, sich „schon beim Schreiben ehrlich und transparent sowie Quellen explizit zu machen“, den Leser*innen mit dem Text sozusagen ein „eingehäkeltes Rechercheprotokoll“ mitzuliefern.

Ob die Affäre um Relotius eine echte Zäsur darstellt und zu nachhaltigen Veränderungen führen wird, mag die Runde aber lieber nicht bejahen. Laut Fehrle wüssten wir das erst in einigen Jahren. Als Lerneffekt erhofft sie sich eine Befreiung des Journalismus von den Emotionen, während auch Leimbach künftig auf Reportagen hofft, die „kein Selbstzweck mehr sind“, sondern Tiefgang haben. Stark dagegen fühlt sich relativ positiv gestimmt, was die Zukunft betrifft, denn immerhin hätten die Selbstreinigungskräfte des Journalismus funktioniert: Es war ein Kollege, der Journalist Juan Moreno, der den Skandal letztendlich aufgedeckt und damit den Fall Relotius ins Rollen gebracht hat.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

nach oben

weiterlesen

Es darf wieder berichtet werden

„Ein Sieg für die Pressefreiheit.“ Susanne Stiefel, Chefredakteurin der Stuttgarter Wochenzeitung Kontext ist erleichtert. Das Oberlandesgericht Karlsruhe hat entschieden, dass die Zeitung den Namen des Mitarbeiters der beiden baden-württembergischen AfD-Landtagsabgeordneten Christina Baum und Heiner Merz im Zusammenhang mit rassistischen, menschenverachtenden und demokratiefeindlichen Äußerungen auf Facebook nennen darf.
mehr »

Kritische Berichte bei VW unerwünscht

Was der vom Lande Niedersachsen mitbestimmte VW-Konzern (20 Prozent Anteile) zurzeit probiert, ist schlichtweg der Versuch, die Pressefreiheit einzuschränken. Wenn dieser Tage im Messezentrallager Isenbüttel neue Elektro-Fahrzeuge und Ladekonzepte vorgestellt werden, soll augenscheinlich jegliche kritische Berichterstattung schon im Keim erstickt werden. Was veröffentlicht wird, bestimmt allein Volkswagen!
mehr »

plan b: Geschichten vom Gelingen

Mit plan b ging im Herbst 2017 beim ZDF erstmals im deutschen Fernsehen ein Format auf Sendung, das sich explizit auf die Prinzipien des „konstruktiven Journalismus" bezieht. Mit plan b-Redaktionsleiter Christian Dezer sprachen wir über das erste Jahr des Magazins, den Bauplan eines konstruktiven TV-Beitrags, Zuschauerreaktionen und die Zukunft des konstruktiven Journalismus beim ZDF.
mehr »

Die Leidenschaft der „Generation Krise“

„Wir müssen uns absurd hoch qualifizieren“, so Vanessa Vu von Zeit Online, mit Jahrgang 1991 jüngste Theodor-Wolff-Preisträgerin. Sie übernahm die Rolle des erfolgreichen Youngsters auf dem 32. ver.di-Journalistentag in Berlin, der unter dem Titel „Zurück in die Zukunft. Push the Button“ die journalistische Aus- und Weiterbildung unter die Lupe nahm. Es ging um den Spagat zwischen Leidenschaft und Existenzsicherung, Handwerk und Haltung und um Wege, wie der Nachwuchs dem Journalismus neue Impulse geben kann.
mehr »