Mehr Mut von deutschen Verleihern gewünscht

ver.di-Preisträgerfilm von Alexander Nanau feiert internationale Erfolge

Die 58. Ausgabe des Internationalen Leipziger Festivals DOK steht in den Startlöchern: Vom 26. Oktober bis 1. November 2015 treffen sich beim ältesten Dokfilmfestival der Welt wieder Filmemacher, Filmfans und wichtige Player der Branche. Die in Leipzig alljährlich zu vergebenden Goldenen und Silbernen Tauben sowie zahlreiche weitere Preise sind nicht nur Würdigung und Qualitätssiegel für die oft entbehrungsreiche Arbeit von Dokumentarfilmer/innen. Sie ebnen herausragenden Filmen im besten Fall den Weg auf die internationale Bühne und damit in die Kinosäle, zum großen Publikum.

Auch ver.di verleiht im Rahmen des Internationalen Wettbewerbs des DOK-Fetsivals seit vielen Jahren ihren mit 2.500 Euro dotierten Preis. Einen besonderen Riecher für außergewöhnliche, mutige Dokumentarfilme beweist die ehrenamtliche Jury immer wieder, so auch im letzten Jahr: Alexander Nanaus aufrüttelnde Dokumentation über das Leben von Roma-Kindern in einem Armenviertel von Bukarest „Toto And His Sisters” (Toto und seine Schwestern) war für die ver.di-Jury der herausragende und aus ihrer Sicht preiswürdigste Film des DOK-Jahrgangs 2014 – auch wenn die Internationale Jury einen anderen Wettbewerber mit der Goldenen Taube krönte.
„Alles richtig gemacht!” lautet ein knappes Jahr später der augenzwinkernde Kommentar des Filmemachers Alexander Nanau. Denn sein Film hat nach der Premiere beim Filmfestival in San Sebastian und dem ver.di-Preis in Leipzig seinen Weg gemacht: Er lief in den Wettbewerben namhafter internationaler Festivals weltweit von Rotterdam über Warschau, Tribeca, Zürich, Moskau, Melbourne bis Toronto und hat mittlerweile über 20 Preise eingeheimst. Kurz vor Redaktionsschluss kassierte Nanau auch noch „Heart of Sarajevo”, den Preis für den besten Dokumentarfilm beim Sarajevo Film Festival und wurde von der Europäischen Film Akademie als Anwärter für den Europäischen Filmpreis 2015 nominiert.

In Frankreich geliebt und gefeiert.

Doch die größten Erfolge feiert der gleichermaßen harte wie gefühlvolle Streifen in Frankreich. „Auf Grund wichtiger Preise in Frankreich haben wir jetzt einen französischen Verleih gefunden und kommen im November mit 40 Kopien in die Kinos”, kann der Filmemacher berichten. Auch stünden die Chancen gut, dass „Toto And His Sisters” im französischen Fernsehen laufen und damit einem breiten Publikum zugänglich gemacht würde. „Das Publikum in Frankreich unterscheidet sich deutlich vom deutschen. Es ist viel kino- und dokaffiner”, sagt Nanau. Mehr noch: Der in seinem Film gezeigte „Kinderclub” in Bukarest, in dem sein zehnjähriger Protagonist Toto und seine Schwestern aufgefangen werden, lernen und spielen können, stieß im Pariser Rathaus auf großes Interesse: „Die Verantwortlichen dort denken darüber nach, das Modell des Clubs nach Frankreich zu holen”, berichtet der deutsch-rumänische Regisseur stolz.

Deutsche Verleiher defensiv.

In Deutschland dagegen fällt das Echo vergleichsweise leise aus. Das liegt wohl auch an den Verleihern, die hierzulande sehr defensiv agieren: Obwohl Nanaus Film auch den renommierten SOS-Kinderdörfer-Preis auf dem Münchner Festival gewonnen hat, konnte sich bis jetzt kein Verleiher aufraffen, den Film in Deutschland in die Kinos zu bringen: „Sie glauben, dass das deutsche Publikum nur fröhliche Dokus sehen will und nicht fähig ist, sich mit härteren Stoffen auseinander zu setzen.” Die Reaktionen in Leipzig und auf all den anderen Festivals waren jedoch andere. Deshalb wünscht sich Nanau „mehr Mut von den deutschen Verleihern!”
In viele andere Länder wurde „Toto And His Sisters” bereits verkauft, u.a. Schweden, Finnland, Italien, Schweiz oder Dänemark. In Deutschland war bislang nur RTL interessiert. Der Deutschrumäne lässt sich davon aber nicht beirren. Kontakt zu seinen jungen Protagonisten aus „Toto And His Sisters” hält er bis heute. Das widerlegt die Kritik, die bei der letzten DOK Leipzig aus der Internationalen Jury durchdrang: Nanau hätte die Kamera ausschalten und den Kindern helfen sollen. Dass er dies bis heute tut, dokumentiert der Regisseur auf der Facebook-Seite des Films. „Wir begleiten Toto und seine Schwestern jetzt seit fünf Jahren. Das hat ihnen mehr geholfen, als wenn ich die Kamera damals ausgemacht hätte.” Toto ist mittlerweile 15, seine Schwestern Andrea und Ana 19 und 21 Jahre alt. Über seine Arbeit als Regisseur sagt er: „Die Arbeit läuft über eine menschliche Beziehung. Und wie in jeder Beziehung, ist der beste Partner der, der dich dazu bringt, du selbst zu sein. Und das ist meine Rolle: Eine Verbindung herzustellen, in der das Vertrauen so groß ist, dass die Menschen einfach sie selbst sind.” Genau das ist ihm mit „Toto And His Sisters” großartig gelungen.
Mittlerweile steckt der 36jährige Filmemacher schon in einem neuen Projekt. An welchem Stoff er aktuell arbeitet, will er noch nicht verraten. „Aber vielleicht sieht man sich Ende Oktober beim DOK-Festival in Leipzig”, sagt Nanau. Er ist als Mentor beim Documentary Campus des MDR dabei und auch als Consultant für andere Produktionen tätig. „So schließt sich der Kreis. DOK Leipzig ist eben auch Weltparkett”, meint der Regisseur, wieder verschmitzt. „Ich wünsche der ver.di-Jury auch dieses Jahr ein gutes Gespür und so viel Entscheidungsmut wie 2014.”

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Filmschaffende kriegen künftig mehr

In der achten Tarifverhandlungsrunde für die rund 25.000 Filmschaffenden haben sich die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft (ver.di), die Schauspielgewerkschaft BFFS und die Produktionsallianz auf Eckpunkte einer vorläufigen Tarifeinigung verständigt. Doch nicht alle Verhandlungsthemen konnten geklärt werden. Die Frage nach der Regelung von Künstlicher Intelligenz (KI) im Film wurde verschoben.
mehr »

Wie ethisch kann KI berichten?

Ein ethischer Kompass ist angesichts zunehmender Desinformation immer wichtiger – für Journalist*innen, aber auch Mediennutzende. Positivbeispiele einer wertebewussten Berichterstattung wurden jüngst zum 20. Mal mit dem Medienethik Award, kurz META, ausgezeichnet. Eine Jury aus Studierenden der Stuttgarter Hochschule der Medien HdM vergab den Preis diesmal für zwei Beiträge zum Thema „Roboter“: Ein Radiostück zu Maschinen und Empathie und einen Fernsehfilm zu KI im Krieg.
mehr »

VR-Formate im Dokumentarfilm

Mit klassischen Dokumentationen ein junges Publikum zu erreichen, das ist nicht einfach. Mit welchen Ideen es aber dennoch gelingen kann, das stand auf der Sunny Side of the Doc in La Rochelle im Fokus. Beim internationalen Treffen der Dokumentarfilmbranche ging es diesmal auch um neue Erzählformen des Genres wie Virtual Reality (VR).
mehr »

Erneute Streiks bei NDR, WDR, BR, SWR 

Voraussichtlich bis Freitag werden Streiks in mehreren ARD-Sendern zu Programmänderungen, Ausfällen und einem deutlich veränderten Erscheinungsbild von Radio- und TV-Sendungen auch im Ersten Programm führen. Der Grund für den erneuten Streik bei den großen ARD-Rundfunkanstalten ist ein bereits im siebten Monat nach Ende des vorhergehenden Tarifabschlusses immer noch andauernder Tarifkonflikt.
mehr »