#MeToo – Arbeitsplatz ist geschützter Raum!

Buntes Treiben im Zeltlager des Campfire Festival 2018
Foto: Ivo Mayr / correctiv

Ein System aus Macht, Nähe und fehlender Gleichberechtigung begünstige sexuelle Belästigung, sagte die Gewerkschafterin und Journalistin Miriam Scharlibbe auf dem Düsseldorfer Campfire Festival. Die „Me Too“-Debatte habe gewirkt „wie ein Korken, der aus der Flasche gezogen wurde“. Betroffene sprechen jetzt darüber, was sie vor zehn, fünfzehn Jahren erlebt haben. Eine Frau habe kaum Chancen, sich dagegen zu wehren, wenn sie in der Öffentlichkeit z. B. mit Blicken „ausgezogen“ werde – am Arbeitsplatz aber wohl.

Miriam_Scharlibbe, Redakteurin bei der Neuen Westfälischen, stellvertretendes Betriebsratsmitglied und Mitglied im dju-Bundesvorstand
Foto: Murat Tueremis

Scharlibbe, Politikredakteurin bei der Neuen Westfälischen in Bielefeld und Jugendvertreterin im Bundesvorstand der dju in ver.di, berichtete, in neun von zehn Fällen handle es sich bei den Betroffenen um Frauen. Ihre Gewerkschaft könne die Zahl der Hilfesuchenden aber nicht genau beziffern, denn im Fall sexueller Belästigung hielten sie oft nicht „den Dienstweg“ ein,  d. h. statt an den zuständigen Betriebsrat würden sie sich an eine Vertrauensperson wenden. Bei ver.di finden sie Gehör und rechtliche Unterstützung, denn dort wisse man, wie das System in der Medienbranche läuft, so Scharlibbe in einer Gesprächsrunde mit Schauspielerin und Gender-Aktivistin Julia Beerhold, die Correctiv-Reporterin Marta Orosz während des Campfire Festivals moderierte.

Macht in Frage zu stellen sei das eine, Scham das andere, so Beerhold, die einmal von einem Arzt begrabbelt wurde. „Denn wenn du darüber sprichst, wollen die Leute das nicht hören. Diese Scham destabilisiert total“, so Beerhold und erkläre auch, warum Frauen sich so spät zu Wort meldeten. Wenn die Existenz daran hängt, überlege man sich zudem sehr genau, ob man protestiert, „denn das dient nicht unbedingt der Weiterbeschäftigung“. Besonders prekär ist die Situation in allen Branchen, „die auf Akquise beruhen und wo Menschen austauschbar sind“, erläuterte Beerhold, die bereits seit 25 Jahren als Schauspielerin arbeitet und Bundesvorsitzende der 2017 gegründeten Partei „Demokratie in Bewegung“ ist.

Auf Orosz‘ Frage, wie sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz definiert werde, antwortete Scharlibbe, am Arbeitsplatz als geschütztem Raum beginne die Grenze dort, wo „sich eine Person unwohl fühlt“ – unabhängig von den Absichten des oder der anderen, der bzw. die etwa einen sexistischen Witz erzähle oder pornografische Bilder aufhänge und das „nicht so meint“. „Auch wenn mein Chef hinter mich tritt, um aufs Layout am Bildschirm zu schauen und dabei seine Hand auf meine Schulter legt, kann das sexuelle Belästigung sein.“ Obwohl die rechtliche Definition klar sei, gebe es neben Männern, „die auch ohne dumme Sprüche hervorragend arbeiten“ solche, die sensible Frauen als “ verklemmte Zicken“ diskriminieren, so Scharlibbe.

„Es geht um Kommunikation auf Augenhöhe mit Respekt und Empathie“, konstatierte Julia Beerhold. Sexismus und Rassismus seien keine Frage des Geschlechts oder der Herkunft, sondern des Bewusstseins und der Strukturen. Überall dort, wo es ein Machtgefälle gebe, werde sexuelle Belästigung begünstigt. Im Kulturbetrieb seien Frauen in der Minderheit und sie verdienten ein Drittel weniger als ihre männlichen Kollegen. Miriam Scharlibbe ergänzte, auch Redaktionen seien männlich strukturiert. Zudem gebe es im Journalismus eine Nähe, durch die insbesondere jüngere Frauen in Bedrängnis gerieten. Man duze sich in den Redaktionen, die mangelnde Distanz begünstige, dass sie sich z. B. bei dummen Sprüchen nicht wehrten. In der Lokalberichterstattung rücke der Politiker oder Fußballtrainer erst beim Bier an der Theke mit wichtigen Infos heraus. Dieses System müsse man aufbrechen.

Solch ein Strukturwandel, der nach Beerhold nur durch Quotierung gelinge, ist für alle von Vorteil, war sich die Gesprächsrunde einig. Ein junger Online-Kollege mache mit seinem Kind gerade eine Kita-Eingewöhnung und schreibe darüber, berichtete Scharlibbe. Früher sei das kaum möglich gewesen. Da habe der Chef beim Pinkeln auf dem Klo dann gewarnt: „Sie wollen Elternzeit nehmen? Überlegen Sie sich das gut, wenn Sie hier länger arbeiten wollen.“

Eine Zuhörerin aus dem Publikum fand es „besonders gruselig“, wenn Kolleginnen sagen: „Hab‘ dich doch nicht so.“ Scharlibbe meinte, möglicherweise seien solche Äußerungen einfach ein Schutzmechanismus und empfahl, die Empfindungen der anderen zu akzeptieren und zuzuhören. Auch Frauen könnten Konkurrentinnen sein und hätten Angst, ihren Job zu verlieren. Da sei es besonders wichtig, dass Kolleg_innen – egal ob männlich oder weiblich – Solidarität üben mit denen, die ausgegrenzt und belästigt werden. Kritik an solchem Verhalten stärke die Opfer, nicht nur wenn sie öffentlich geäußert wird, sondern auch hinterher im persönlichen Gespräch. Beispielsweise habe ein leitender Redakteur seinen Chef unter vier Augen kritisiert, nachdem er eine junge Kollegin in großer Runde bloßgestellt hatte. Orosz: „Wir dürfen einander nicht im Stich lassen, Machtmissbrauch nicht zulassen!“ Beerhold: „Ich muss mir schon überlegen, wovon ich mehr habe – von dem einen Job oder von einer entspannteren Gesellschaft.“ Und Scharlibbe ermuntert: „Wenn man sich engagiert, hat das nicht unbedingt Karrierenachteile. Kein Chef will nur Leute ohne Rückgrat.“

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