Nah am Geschehen

Tonangler Caspar Sachsse wird zwar für die Dauer der einzelnen Filmproduktionen angestellt, muss sich aber wie Selbstständige für jeden Auftrag neu bewerben
Foto: Murat Tueremis

Caspar Sachsse ist der verlängerte Arm des Tonmeisters beim Filmdreh

Er mag seinen Job sehr. Das merkt man am Enthusiasmus, mit dem Caspar Sachsse über ihn spricht: „Es gibt immer Abwechslung, ich reise viel, halte mich dabei selten länger an einem Fleck auf und ich sehe unübliche Orte. Ich war schon mal in einer Ketchup-Fabrik, wer kann das schon von sich sagen?“ Das merkt man aber auch am Eifer, mit dem er über das Drumherum spricht: „Ich erwarte mehr Verständnis von Politik und Behörden, dass unser Status endlich als solcher akzeptiert wird und die Rahmenbedingungen sich ändern!“

Sachsse ist einer von rund 30.000 Filmschaffenden in Deutschland, die auf Produktionsdauer beschäftigt sind. Das heißt, er wird für die Dauer von einzelnen Drehprojekten wie einem Film oder einer Serie direkt bei der jeweiligen Produktionsfirma angestellt. Am Ende der Drehzeit muss er sich wieder arbeitslos melden. Jedes Mal. Selbst, wenn es nur ein eintägiger Werbedreh war. Wenn er mehr als 30 Tage beschäftigt war oder der Beschäftigungszeitraum nachträglich verändert wird, muss er dafür sogar persönlich auf dem Arbeitsamt erscheinen. „Ein Kollege wurde einmal ungläubig von der Sachbearbeiterin im Jobcenter gefragt, ob es denn richtig sei, dass er schon 53 Mal arbeitslos geworden ist“, lacht Sachsse. Lustig findet er das aber eigentlich nicht.

Der 31jährige Wahlberliner ist seit 2010 beim Film beschäftigt, hauptsächlich als Tonangler, manchmal auch als Tonmeister, denn diesen Beruf hat er studiert. Zum Film gekommen ist er über die Musik. „Ich war von Kindesbeinen an Musiker. Als ich dann in der Abiturzeit überlegte, was ich machen könnte, habe ich mich aufgrund meiner technischen Affinität für die Tonmeisterei entschieden.“ Die Affinität zumKreativen hingegen ward ihm sozusagen in die Wiege gelegt: Sowohl der Großvater als auch der Vater waren Fotografen.

Als Tonangler ist Sachsse der verlängerte Arm des Tonmeisters bzw. der Tonmeisterin. Er verkabelt die Schauspieler_innen und steht dann während der Aufnahmen ganz vorne am Set, näher am Geschehen als die Kamera. In den Händen hält er ein Mikrofon, das an einer fünf Meter langen Karbonstange befestigt ist. „Ich muss so nah wie möglich rankommen, ohne dass ich störe oder gar im Bild zu sehen bin.“ Das ist ziemlich anstrengend. Dafür ist es aber auch eine der Abteilungen mit den besten Arbeitszeiten. „Wir sind die letzten, die kommen und die ersten, die gehen.“ Ansonsten sind die Arbeitswochen des gebürtigen Bonners allerdings eher atypisch, denn „typisch“ und „Dreh“, „das sind eigentlich zwei Wörter, die nicht zusammenpassen“. Eine normale Drehwoche in der Streaming-Produktion etwa könne durchaus am Montagmorgen um sechs Uhr beginnen und am Samstagmorgen um vier oder fünf Uhr enden. „Dann hat man kein volles Wochenende und am Montag geht es gleich wieder weiter.“ Er habe aber auch schon durchschnittliche Arbeitstage von achteinhalb Stunden gehabt. Das komme auf die Produktion und das Genre an. „Für Werbung werden maximal 30 Sekunden Inhalt am Tag gedreht, für einen Kinofilm um die zwei Minuten, bei einem Fernsehfilm müssen schon fünf bis sechs Minuten drin sein und bei Serien­produktionen sieben bis acht und mehr.“

Angefangen beim Film hat Sachsse als Praktikant, ein typischer Einstieg für die Branche. Heute bekommt er seine Aufträge als Tonangler von den Tonmeistern, die ihn anrufen. Auch das ist typisch für die Branche: Ohne ein Netzwerk und Kontakte läuft nichts. Stellen werden nur gelegentlich ausgeschrieben und das ausschließlich auf der Branchen-Plattform „Crew United“. „Dazu gibt es noch E-Mail-Chat-Gruppen unter den verschiedenen Gewerken, wo auch Jobs verteilt werden, das ist aber von Abteilung zu Abteilung unterschiedlich“. Im Vergleich zu anderen Filmberufen profitiert Sachsse jedoch von dem Umstand, dass es in ganz Deutschland gerade mal an die 150 aktive Tonangler_innen gibt. Das heißt, „ich muss mehr absagen, als ich zusagen kann“. „In einem richtig guten Jahr“ kommt er so auf etwa 120 Drehtage.

Das war jedoch nicht immer so: „Bis vor gut drei Jahren konnte man davon ausgehen, zwischen November und März ohne Arbeit zu sein. Jetzt ist es so, dass wir auch im Winter viel mehr drehen.“ Das liegt laut Sachsse vor allem am massiven Anstieg der Bundesfilmförderung. Tatsächlich wurde der Deutsche Filmförderfonds (DFFF) in den letzten Jahren kontinuierlich aufgestockt, von 50 Millionen Euro im Jahr 2015 auf nun 125 Millionen Euro für das laufende Jahr. Aber auch die Streaming-Plattformen tragen zu einem höheren Produktionsaufkommen bei. Für die erste deutsche Netflix-Eigenproduktion „Dark“ und für die ARD/Sky-Koproduktion „Babylon Berlin“ etwa hat auch Sachsse selbst gearbeitet. Mit einer gewissen Beunruhigung blickt er jedoch auf den Bericht der Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs des öffentlich-recht­lichen Rundfunks (KEF) für die Beitragsperiode ab 2021. „Interessant wird es nach der nächsten KEF-Runde, denn der Großteil der Filmschaffenden in Deutschland arbeitet nach wie vor für öffentlich-rechtliche Produktionen, und wenn sich da etwas verändern würde in der Produktionslandschaft, dann muss man sehen was passiert.“ Heißt: Wenn KEF und Politik ARD und ZDF die Mittel kürzen, können die weniger produzieren (lassen) und es gibt demnach weniger Arbeit für Filmschaffende wie Sachsse.

Im Moment ist der studierte Tonmeister mit seiner ­beruflichen Situation als Beschäftigter auf Produk­tionsdauer allerdings mehr als zufrieden und würde ungern mit einer Festanstellung in einer Produktionsfirma tauschen – auch wenn es die in der Branche ­ohnehin so gut wie gar nicht gibt. „Ich frage mich: Wenn es die Festanstellung gäbe, würde ich das wirklich wollen? Dann müsste ich jede Produktion, die mir meine Produktionsfirma zuschustert, auch machen. Ich müsste mich festlegen auf einen Bereich, auf ein Genre, auf eine feste Art zu drehen und das immer mit dem gleichen Team.“

Was sich jedoch durchaus ändern müsse, sagt Sachsse, seien die Rahmenbedingungen. „Ich habe im Jahr zwischen acht und zwölf verschiedene Arbeitgeber und für jede neue Beschäftigung, auch wenn sie nur ein, zwei Tage dauert, muss ich mich trotzdem um all das kümmern, was normale Arbeitnehmer_ innen bei einem Jobwechsel tun müssen. Da wünsche ich mir zumindest ein bisschen mehr Verständnis von Arbeits- und Finanzämtern.“ Stattdessen fühlt sich Sachsse besonders vom Arbeitsamt schikaniert. Die meisten Sachbearbeiter_innen dort würden sich mit dieser Beschäftigungsform nicht auskennen, seien auf Arbeitnehmer wie ihn nicht ein­gestellt. „Die wollen einen dann zu Bewerbungstrainings oder ähnlichem schicken.“ Und auch die Finanz­ämter könnten oftmals nicht damit umgehen, wenn man in seiner Steuererklärung Abrechnungen von zehn verschiedenen Arbeitgebern angibt.

Mehr Akzeptanz seines Beschäftigtenstatus fordert Sachsse auch von der Politik, „schließlich sind es ja nicht nur Filmschaffende, die für die Dauer von einzelnen Projekten angestellt sind“. Großen Nachbesserungsbedarf sieht er vor allem bei der Rente und beim Arbeitslosengeld. „Wenn wir die Pensionskasse Rundfunk nicht hätten, sähe es schlecht aus mit unserer Altersversorgung.“ Arbeiten freie Filmschaffende für öffentlich-rechtliche Produktionen, egal ob vollfinanziert oder nur von ARD und ZDF gefördert, zahlt der Auftraggeber einen 100%igen Zuschuss zur Altersvorsorge an die Pensionskasse. Was das Arbeitslosengeld betrifft, sollten Filmschaffende in eine freiwillige Arbeitslosenversicherung einzahlen. „Da hatte ich zum Glück bei meinem Berufseinstieg gute Mentoren, die mir geraten haben, in die Rentenkasse einzuzahlen und auch die Arbeitslosenversicherung zu zahlen, um dann auch mal über eine Durststrecke zu kommen.“

Gut leben von seinem Job als Tonangler kann Caspar Sachsse dennoch. „Mittlerweile bin ich an diesem Punkt, doch das war nicht immer so. Und mir ist auch bewusst, dass das nicht immer so bleiben muss.“ Für den Ernstfall oder um auftragsschwache Perioden zu überbrücken, hat er aus seiner Musikerzeit deshalb ein zweites Standbein in der Rückhand: Das Mischen von Live-Bands. Das empfiehlt er auch seinen Kolleg_innen, die gerade erst in den Beruf einsteigen. „Viele von uns sind ohnehin Quereinsteiger_innen. Da kann man mit dem, was man vorher gemacht hat, noch ein weiteres Eisen im Feuer behalten.“

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