Neugierig auf Menschen und neue Technologien

Wie geht Radio? Das lernen Journalistik-Student_innen an der TU Dortmund in der Lehrredaktion Hörfunk, Teil von „kurt“ – http://kurt.digital
Foto: Judith Wiesrecker

Journalist_innen von morgen sollten nicht nur neugierig auf Themen und Menschen sein, sondern auch auf neue Technologien. „Der Journalist lernt nie aus“, so Tina Bettels-Schwabbauer vom EU-Forschungsprojekt Newsreel, das notwendiges Rüstzeug für die Qualifizierung der nächsten Generation entwickeln will. Ein erster Bericht analysiert Defizite in der aktuellen Journalismus-Ausbildung der EU-Länder Rumänien, Ungarn, Portugal und Deutschland.

Wissenschaftler_innen aus der Journalismus- und Medienforschung in allen vier Ländern arbeiten im Forschungsprojekt „Newsreel – New Skills for the Next Generation of Journalists“ zusammen, das bis 2020 vom EU-Bildungsprogramm Erasmus+ gefördert wird. Tina Bettels-Schwabbauer und Nadia Leihs vom Erich-Brost-Institut für internationalen Journalismus (EBI) in Dortmund hatten die Federführung für die erste Projektphase, in der es um eine Bestandsaufnahme der Journalist_innenausbildung ging.

Aus der Forschungsliteratur identifizierten sie vier Kompetenzbereiche, die unter die Lupe genommen werden sollten, weil sie wichtig sind für Medienfreiheit und -pluralismus in Europa: Datenjournalismus, Zusammenarbeit zwischen Journalist_innen und zwischen Medienunternehmen, die z.B. Rechercheprojekte erleichtert (Kollaborativer Journalismus), neue Geschäftsmodelle zur Finanzierung von Qualitätsjournalismus und neue ethische Herausforderungen, etwa bei der Überprüfung von (Des-)informationen. “Faktencheck wird noch wichtiger in der digitalen Welt“, so Bettels-Schwabbauer.

Tina Bettels-Schwabbauer präsentiert den Bericht „Newsreel – New Skills for the Next Generation of Journalists“
Foto: Johanna Mack

Das internationale Forschungsteam wertete Lehrpläne privater und staatlicher Hochschulen aus und führte zwischen Februar und Mai 2018 Interviews mit 25 Dozent_innen und 21 Journalist_innen. Danach werden in allen vier Ländern datenjournalistische Kurse angeboten – am meisten in Deutschland und Rumänien, Schlusslichter sind Portugal und Ungarn. „Ich hätte nicht damit gerechnet, dass es in Rumänien so viele Lehrangebote für Datenjournalismus gibt“, so Bettels-Schwabbauer, „zumal er in der Medienpraxis des Mainstream kaum verbreitet ist.“ Datenbasierte Geschichten stammen hier meist von journalistischen Non-Profit-Projekten, gelehrt wird Datenjournalismus aber in vier der sechs untersuchten Hochschulen. In Deutschland bieten sogar alle sechs analysierten Studiengänge entsprechende Kurse an, so dass zwei der interviewten Journalistik-Professoren schon die Reißleine ziehen wollen. Es sollten nicht zu viele Datenjournalist_innen ausgebildet werden, da der Arbeitsmarkt nicht für alle Jobs in dieser Spezialisierung bereithalte.

Kollaborativen Journalismus gibt es dagegen in keinem der vier Länder als Fach im Lehrplan. Häufig wird in Lehrveranstaltungen aber Teamarbeit als Methode zur Vorbereitung auf Kooperationen eingesetzt. Denn in großen Rechercheprojekten wie denen zu den Panama- oder Paradise-Papers hätten „Einzelkämpfer nichts verloren“, so Investigativjournalist Bastian Obermayer. In Portugal können Journalismus-Studierende das Arbeiten im Team praktisch einüben. An der Nova Universität in Lissabon produzieren sie im Projekt „Repórteres em Construção“ zusammen mit Kommiliton_innen anderer portugiesischer Hochschulen Beiträge für eine Website und eine Radiosendung. In Portugal, aber auch in Deutschland und Rumänien werden in Seminaren und Vorlesungen auch Formen des kollaborativen Journalismus vorgestellt. Nur in Ungarn gibt es dazu keine Studienangebote.

Neue Geschäftsmodelle in Deutschland thematisiert

Während alle analysierten Studiengänge in den vier Ländern Medienökonomie thematisieren, stehen vor allem in deutschen Hochschulen neue Geschäftsmodelle im Fokus wie Paid Content oder Crowdfunding. Ausnahme ist die Uni Hamburg. Studiengangsleiter Michael Brüggemann: „Wir glauben, dass der Unterschied zwischen Redaktionen und Verlagen eine sinnvolle Sache ist und insofern auch der Verkäufer von journalistischen Inhalten nicht unbedingt der Journalist selber sein sollte.“ In Portugal bieten zwei Hochschulen in Lissabon Kurse an, die Wissen über journalistische Geschäftsmodelle vermitteln, in Rumänien gibt es an der Universität Bukarest einen Kurs. In Ungarn sind neue Geschäftsmodelle für Redaktionen kein Thema, lediglich an der Metropolitan University in Budapest wird ein Kurs angeboten, in dem es um freie journalistische Arbeit geht.

In allen Studiengängen wird Medienethik unterrichtet, wobei auch neue Herausforderungen etwa durch Fake News thematisiert werden. So gab es in Mainz eine Lehrveranstaltung zu Fake News und rechtspopulistischen Bewegungen. In Deutschland, Portugal und Rumänien gibt es überall Kurse zur journalistischen Berufsethik, nicht aber in Ungarn. Die dort befragten Journalist_innen meinten, in ihrem Land komme die journalistische Ethik sowohl in der Ausbildung als auch im Berufsalltag zu kurz, denn so Gergely Dudás, ehemaliger Chefredakteur von Index.hu und Gründer von Politis.hu, Journalist_innen würden es „als Zeitverschwendung ansehen, sich mit Beschwerden über unethische Praktiken auseinanderzusetzen“. Auch in Rumänien und Portugal zählt Ethik im Berufsalltag nicht viel. Der rumänische Journalismus-Professor Gabriel Hasmațuchi: „Unsere Absolventen haben uns erzählt, dass ihre Kollegen ihnen geraten haben, all den Mist, den sie in ihrer Ausbildung gelernt haben zu vergessen, auch die Ethik.“

Die meisten Defizite in Ungarn

Die Ausbildung in Ungarn weise in allen vier Kompetenzbereichen Defizite auf, stellen die Forscher_innen fest und erklären das mit der Einbindung in medien- und kommunikationswissenschaftliche Studiengänge. Praxisorientierte Journalistik könne da Abhilfe schaffen. Auf die Frage, wie die neuen Kompetenzen Journalist_innen in Ungarn angesichts des politischen Drucks auf die Medien dort unterstützen können, antwortet Bettels-Schwabbauer: „Aufs Internet ausweichen, denn Orban kontrolliert alle öffentlichen Rundfunksender und Zeitungen.“ Durch kollaborativen Journalismus könnten Medienschaffende ihre Ressourcen bündeln und mittels datenjournalistischer Kompetenzen eine „watch dog“- Funktion übernehmen und die Regierung zur Rechenschaft ziehen.

Nach dieser Bestandsaufnahme werden nun Lehrpläne und Lehrmaterialien für Datenjournalismus, kollaborativen Journalismus, neue Geschäftsmodelle und ethische Herausforderungen entwickelt und an den beteiligten Instituten in Deutschland, Portugal, Rumänien und Ungarn als Pilottrainings getestet, bevor sie als Open-Access-Materialien online bereitgestellt werden.

 

 

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