Neugierig und leidenschaftlich

Nachwuchspreis des Journalistinnenbundes 2012 ging an Anna Osius

„Bei diesem Stück hatte ich zum ersten Mal das Gefühl, dass meine Arbeit Sinn hat.“ Das Feature über den Essener Obdachlosen Wolfgang und seinen Sohn ist der erste längere WDR-Beitrag der 28jährigen Journalistin Anna Osius. Sie ist nämlich eigentlich eine schnelle Aktuelle. „Aber“, sagt sie, „Was wir nachrichtlich senden, ist so viel, und es ist so viel Flüchtiges.“ Für ihren 30minütigen Radiobeitrag „Vater, Sohn und das erfrorene Glück“ wurde Anna Osius mit dem Nachwuchspreis des Journalistinnenbundes 2012 ausgezeichnet.

Anna Osius Foto: privat
Anna Osius
Foto: privat

Anna Osius möchte tun, was Spuren hinterlässt. Als Schülerin gründete sie in ihrem Heimatort Bad Driburg ein Jugendparlament. Das Moor- und Mineralheilbad, das einzige Privatheilbad Deutschlands, sorgte sich mehr um die anreisenden Senioren. Anna Osius wollte etwas für die Jugend schaffen.
„Werd’ doch Politikerin!“ wurde ihr damals gesagt. Es war nicht das Richtige für die junge Anna. „Ich stelle lieber die Fragen statt Antworten zu geben“, sagt sie heute. Angefangen hat sie damit schon vor dem (Einser-)Abitur. Sie arbeitete bei regionalen Zeitungen mit, machte Praktika beim Fernsehen und im Hörfunk.
Sie studierte Journalistik und Politik in Dortmund und in New York. Seitdem sie als Austausch-Schülerin Frankreich kennengelernt hatte, wollte sie hinaus in die Welt. „Ich will alles mitnehmen, überall dabei sein!“ So fand sie auch den hohen Umschlag an Informationen in den Redaktionen der aktuellen Politik genau richtig für sich. „Da bin ich immer am Puls der Zeit.“ Nach dem Volontariat im WDR arbeitete sie in der Redaktion „wdr5 Zeitgeschehen“ in Köln.
Dann musste sie wieder hinaus in die Welt, mit einem Stipendium in der Tasche, nach Washington. Sie studierte jetzt Außenpolitik und arbeitete gleichzeitig im ARD-Studio Washington mit. „Die Aktualität hat mir ermöglicht, dass ich während Obamas Wahlkampf zu ihm in die erste Reihe kam. Ich konnte lernen, was Macht bedeutet… Nein, ich konnte Menschen kennenlernen, die Macht haben.“ Das ist das, was sie außerdem prägt: ihr Interesse an Menschen, an unterschiedlichen Lebensentwürfen, an differenten Charakteren und Biographien.
Ihre Neugier auf Geschichten verbindet sich mit gesellschaftspolitischem Engagement. So hat sie sich in der Redaktion des Morgenechos auf wdr5 mit Verve dafür eingesetzt, dass gesellschaftspolitische, „menschliche“ Themen in die Serie aufgenommen wurden. Jetzt gibt es da Wochen, in denen jeden Tag fünf Minuten vom Alltag bestimmter Menschen erzählt wird.
Zu diesen gehörte auch der, der im Feature Wolfgang heißt. Anna Osius wollte Obdachlose porträtieren. Sie fand obdachlose Frauen, obdachlose Akademiker und diesen Handwerker Wolfgang, der so gern noch einmal seinen Sohn wiedersehen möchte. Anna Osius hat Sebastian gesucht. Sie hat ihn gefunden. „Aber dass die beiden sich getroffen hätten, das habe ich nicht geschafft.“ Auch dafür fühlte sie sich verantwortlich. Sie ist es so lang schon gewohnt, Verantwortung zu übernehmen. Mit 18 Jahren wurde sie Vormund ihrer schwerstbehinderten Schwester, die ein Jahr jünger ist als sie. „Ihr Leben hat mein Leben geprägt. Ich wurde meist für älter gehalten als ich bin. Das ist bis heute so.“
Heute weicht Anna Osius Themen, die sie fordern, nicht aus. Als sie zu den Obdachlosen recherchierte und mit Wolfgang ins Gespräch kommen wollte, setzte sie sich zu ihm auf den Boden. Einen Tag lang hat sie „Platte gemacht“. „Auf einmal veränderte sich die Perspektive. Plötzlich spürte auch ich die Verachtung der Leute.“
Sie war heftigen Gefühlen ausgesetzt. Und hat es doch geschafft, immer wieder die Distanz zu finden. Sie hat Wolfgangs Geschichte erzählt, ohne sie zu beurteilen. Das ist ihre Stärke – und ihre Leidenschaft. „Ich arbeite im Aktuellen, weil ich gern Auslandskorrespondentin wäre und in einem fremden Land die Menschen porträtieren würde.“


 

Preisträgerin 2012:

Anna Osius: „Vater, Sohn und das erfrorene Glück“ , Hörfunk-Feature 30’, WDR 5, 10.12.2011, Feature-Reihe „Privat-Radio. Die anderen Preisträgerinnen:
http://www.journalistinnen. de/verein/preise.html

 


 

Andere Worte – neue Töne!

Der Journalistinnenbund (JB) vergibt jährlich einen Nachwuchspreis auf seiner Jahrestagung alternierend für Print-, Hörfunk- und Fernseh-Beiträge. Ab 2013 soll die Kategorie „Online“ hinzukommen. Der JB will damit einer Perspektive zum Durchbruch verhelfen, die sensibel und genau die differenten Lebenswirklichkeiten von Männern und Frauen widergibt. Ausgezeichnet werden Beiträge, die Unterschiede entdecken – aber nicht als Unterscheidungen festschreiben. Kolleginnen, die zur Zeit der Erstveröffentlichung ihrer Beiträge nicht älter als 35 Jahre waren, können sich bewerben. Journalistinnen aus Österreich und der Schweiz sind ausdrücklich eingeladen. Das Preisgeld beträgt 1000 Euro. Gestiftet wird es von Marlies Hesse, der ehemaligen Geschäftsführerin des Journalistinnenbundes. In ihrer Zeit als Leiterin der Aus- und Fortbildung des Deutschlandfunks war ihr aufgefallen, dass jungen Männern nach Abschluss des Volontariats Anstellungen geboten wurden, jungen Frauen dagegen selten. „Helfen kann vielleicht eine im Lebenslauf erwähnte Auszeichnung“, dachte Marlies Hesse. 2002 wurde der Preis zum ersten Mal vergeben. Inzwischen zählt er zu den wichtigsten Auszeichnungen für junge Journalistinnen im deutschsprachigen Raum.

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

EU segnet SLAPP-Gesetz ab

Das Europäische Parlament stimmte in Straßburg mit großer Mehrheit für die sogenannte Slapp-Richtlinie. 546 Parlamentarier*innen stimmten für das Gesetz, 47 dagegen und 31 enthielten sich. Die Regelung soll Einzelpersonen und Organisationen, die sich mit Angelegenheiten von öffentlichem Interesse wie Grundrechten, Korruptionsvorwürfen und dem Kampf gegen Desinformation befassen, vor missbräuchlichen Klagen schützen. Jetzt muss die EU-Richtlinie am 19. März durch den Europäischen Rat bestätigt werden. Danach haben die 27 EU-Mitgliedstaaten zwei Jahre Zeit, die Vorschriften in nationales Recht umzusetzen.
mehr »

Presserat rügt immer häufiger

Der Deutsche Presserat erteilte 2023 so viele Rügen wie noch nie in einem Jahr zuvor. 73-mal verhängte er seine schärfste Sanktion für besonders schwere Verstöße gegen den Pressekodex. Im Jahr zuvor hatte er lediglich 47 Rügen ausgesprochen. Vor allem mehr Rügen wegen mangelnder Recherche wurden vom freiwilligen Kontrollorgan der Presse ausgesprochen. Besorgniserregend findet das die dju in ver.di.
mehr »

dju verurteilt Angriff auf Rundfunkfreiheit

Als „massiven Angriff“ auf die Pressefreiheit und gegen den gesetzlichen Auftrag des öffentlich-rechtlichen Rundfunks hat die dju einen AfD-Antrag vom 22. Februar verurteilt, die Berichterstattung im Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) über das Treffen von rechten, identitären und AfD-Vertretern in Potsdam durch die Landesregierung zu unterbinden. Die Landesvorsitzende der dju in ver.di Berlin-Brandenburg, Renate Gensch, nannte den öffentlich-rechtliche Rundfunk „Garant der Demokratie“.
mehr »

Verbindliche Regeln zur KI erforderlich

Klare Regeln für den Einsatz Künstlicher Intelligenz (KI) fordern Schauspieler*innen, Schriftsteller*innen oder Journalisten*innen immer drängender. In der Reihe "DGB-Dialog Künstliche Intelligenz" ging es am 22. Februar um "Alles Fake?! KI in Medien und Kultur“. Mittlerweile werde die generative KI so mächtig, dass sie Teile menschlicher Arbeit tatsächlich ersetzen könne, hieß es in der Diskussion. 
mehr »