Ohne Distanz gegenüber dem selbstgeschaffenen Mythos

Die Prinzessin Diana ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen und alle machen sich Sorgen. Die einen um die Königskinder („Tapferer William – Die ganze Welt steht Dir bei“, „Abendzeitung“), die anderen um den Zustand der Presse, der Moral, der Welt schlechthin. Die CDU fordert (natürlich) schärfere Gesetze, die „Stuttgarter Zeitung“ befindet: „Ein Problem der ganzen Gesellschaft“, der „Tagesspiegel“ fragt „Braucht die Gesellschaft wieder Tabus?“, Alice Schwarzer konstatiert in der „Zeit“ ein „Wettrennen der Machos“ und Cora Stephan kommt im „Spiegel“ nach zwei Seiten Nachdenken zu dem Schluß: „Es ist auf lange Sicht wohl doch geschickter, wenn Frauen sich eine eigene Position erarbeiten, anstatt sie zu erheiraten.“ Ach so.

Medienvielfalt 37. KW 1997

Und da die kollektive Erschütterung über den Unfalltod der 36jährigen auch vor den Journalistinnen und Journalisten nicht halt machte, titelten sie unisono: Von der „Süddeutschen Zeitung“ „Die Welt steht still für die Herz-Dame“ bis zur „Bild-Zeitung“: „Die Welt hat ihr Lächeln verloren“. Die überbordende Diana-Berichterstattung hielt 14 Tage an, nicht nur in der Boulevard-Presse, und das Erstaunliche ist: Die Übereinkunft, daß die „Prinzessin der Herzen“ ein wunderbarer, außergewöhnlicher Mensch gewesen sei, hielt. Nicht einmal „Dirty“ Harald Schmidt (SAT 1), der sonst für alle geschmacklosen, schäbigen (und manchmal auch sehr guten) Witzeleien zuständig ist, wagte es, den nationalen Konsens der Diana-Verehrung zu durchbrechen. Die Tonlage wurde bereits am Tag 1 ohne Diana vorgegeben.

Prototypisch der Kommentar von Chefredakteur Uwe Zimmer in der „Münchner Abendzeitung“: „Wen die Nachricht vom plötzlichen Tod der schönen Prinzessin Di ungerührt gelassen hat, der muß ein Herz aus Stein haben.“ Nun gut, es scheint tatsächlich wenige Herzen aus Stein gegeben zu haben und so stand der Kanonisation der ehemaligen Kindergärtnerin nichts mehr im Wege. Elton John, in der Westminster Abbey, singend: „Du warst Anmut, immer dort, wo Leben auseinanderrissen. Du hast laut zu unserem Land gesprochen und leise zu den Schmerzbeladenen. Jetzt gehörst Du dem Himmel, die Sterne buchstabieren Deinen Namen …“

Natürlich waren die Tage nach dem Tod von Diana auch die Tage der Pharisäer. Paul C. Martin, stellvertretender „Bild“-Chefredakteur kommentierte: „Mitglieder eines Königshauses haben weniger Privatleben als normale Sterbliche (schwere deutsche Sprache: schließlich ist Diana furchtbar normal gestorben/d. Verf.) Sie führen ein öffentliches Leben und genießen eine um so höhere Achtung, je vorbildlicher dieses Leben ist. Eine Kamera kann da nicht zensieren. Aber es gibt Grenzen! Sie sind eindeutig überschritten, wenn aus der Berichterstattung ein Belagerungszustand wird.“ Die Konsequenz der „Bild“-Zeitung: Auf Seite 1 veröffentlicht das Blatt ein Foto des Unfallwagens, das offensichtlich unmittelbar nach dem Unglück von einem Paparazzo aufgenommen wurde. Und auf Seite 3 über sechs Spalten eines jener Bilder, denen die Sensationsfotografen über Wochen nachgejagt waren: Die Prinzessin und ihr Liebhaber in Badebekleidung auf dem Deck einer Jacht.

Im Angesicht des Todes (und dann auch noch Mutter Teresa!) folgten viel zu viele Redakteurinnen und Redakteure in den bundesdeutschen Medien dem Reflex, jede angelieferte „Neuigkeit“ verwerten zu wollen. Auch Blätter, die Medienschelte und Medienrummel wohltuend sachlich kommentierten, wie z.B. die Münchner „Abendzeitung“, gerieten in ihren Vierfarb-Sonder-Diana-Beilagen in einen nekrophilen Taumel: „Im Sarg trägt sie ein Abendkleid“, titelten die AZ-MacherInnen. Und im Fließtext heißt es: „Der Sarg, bedeckt mit der königlichen Standarte, war geschlossen. Nicht wegen Entstellungen – ihrem Gesicht war bis zuletzt nichts anzumerken …“

Das Auffallendste an der Berichterstattung über den Todesfall aber ist die völlige Distanzlosigkeit gegenüber dem selbst herbeigeschriebenen Mythos Diana. Jahrelang hatten alle Blätter und die meisten Fernsehanstalten die Neuigkeiten aus dem bewegten Jet-Set-Leben der Prinzessin mitgeteilt. Im „Vermischten“ auch der seriösen Tageszeitungen spielte Diana sozusagen das Sommerloch 1997. Und jene Bilder der Sensationsfotografen, die in der Yellow-Press genügend Geld abgeworfen hatten, wurden in der Fünft-Verwertung dann auch in den großen Blättern abgedruckt. Natürlich: Es scheint ein allgemeines Interesse an Klatsch und Tratsch über die „Großen dieser Welt“ zu geben. Dieses Bedürfnis zu befriedigen ist an sich nicht so schlimm. Im Kopf der Mediennutzerinnen und -nutzer schwurbelt es halt irgendwann durcheinander: In der „Lindenstraße“ hat jemand einen neuen Liebhaber, die Diana auch, Michael Jackson ist erkältet, Elvis Presley seit 20 Jahren tot, und hat die Demi Moore nicht … Das ist nicht eben realitätsfördernd, hat auch mit aufklärerisch-fortschrittlichem Journalismus nichts zu tun – aber ein wenig trivial und unter dem eigenen Niveau möchte man sich schon mal unterhalten lassen.

Erstaunlich aber ist, wenn anläßlich des Todes von Diana Analysen von ernstzunehmenden Journalistinnen über Leben und Wirken der Prinzessin erscheinen, die als Quelle nur jene Berichte, Vermutungen, Gerüchte haben, die über die britische Hofberichterstattung zu uns gelangt sind.

Elke Schmitter schreibt in der „Zeit“ einen Artikel mit der Überschrift „Tod in Paris: Diana hatte den Mut, sich ihre Freiheit zu nehmen/Vom Erfolg eines Scheiterns/Und siehe die Pflicht war keine Freude: Wie eine moderne junge Frau zu sich fand“. Ihre (Psycho)Analyse Dianas ist natürlich die Analyse des Medienbildes. Die Frage, ob Diana eine „moderne, junge Frau“ war, deren Scheitern ähnlich ist dem Scheitern anderer „moderner, junger Frauen“, ist vergleichsweise uninteressant. Denn – im Ernst – was war denn Besonderes an Lady Di? Natürlich ihre Eskapaden und ihr unerwarteter Tod. Ersteres mag Anlaß sein für mancherlei besorgte Gespräche bei Königs zu Hause. Letzteres kann man getrost der einschlägigen Presse überlassen („die zwei“: „Die ganze Welt weint um Diana“).

Auch Cora Stephan schreibt (im „Spiegel“) über Diana wie über eine intime Freundin: „Mit untrüglichem Instinkt für alles Selbstzerstörerische erwählte sie sich ausnahmslos Männer, die sich auf Gefühlssimulation verstanden …“ Woher sie das alles hat? Natürlich aus den Medien. Dabei weiß sie es ja eigentlich besser. Im gleichen Artikel schreibt Cora Stephan: „Sie sind ziemlich widerlich, die Verfolger mit dem Teleobjektiv, die jede private Regung, jedes private Vergnügen und auch alles ablichten möchten, was nicht übereinstimmt mit dem Bild, welches das Objekt ihrer unersättlichen Neugier gerne von sich entwerfen möchte. Und doch folgten sie lediglich einer Logik, deren Meisterin Diana war. Für die öffentliche Rolle ist es von Bedeutung, daß man auch eine private Seite hat“. Wenn aber die private Seite von Prominenten aus einer Mischung von Selbststilisierung und teilweise erfundenemSensationsreporter-Klatsch besteht: Warum sich damit beschäftigen? Warum diese unsägliche Mischung adeln, indem man sich ernsthaft Gedanken macht, wie es der „Prinzessin der Herzen“ nun ums eigene Herz stand? So wird die Yellow-Press schließlich zum Stichwortgeber für die seriöse Presse. Und diejenigen, die es eigentlich besser wissen müßten – also Journalistinnen und Journalisten, die die Bedingungen ihres Gewerbes kennen sollten – fallen auf sich selbst herein. Sie verwechseln die Medienwirklichkeit mit der Realität. Die auflagenorientierten Kolleginnen und Kollegen handelten eher zynisch, indem sie die Leserinnen und Leser mit immer neuen, immer schöneren und süßlicheren Abziehbildern einer Scheinwelt bedienten. Und die Kolleginnen und Kollegen der sogenannten seriösen Presse? Sie schrieben nachdenklich und sorgfältig abwägend im Prinzip das Gleiche.

Die Chance, noch im auflagenschwachen Sommer Extra-Profit machen zu können, ließen sich die wenigsten Verleger entgehen. Sonderausgaben, Beilagen, Poster, Video-Mitschnitte, Bücher – kurz alles was schnell (und relativ billig) zu produzieren war, wurde auf den Markt geworfen – der Diana-Mitnahmeeffekt. Warum, so dachten Verleger und ChefredakteurInnen wohl, die Leserinnen und Leser durch übermäßige Differenzierung in ihrer Trauer stören? Warum durch miesepetriges Nachfragen, was denn das Besondere am Leben und das Erschütternde am Tod der Prinzessin gewesen sein mag, womöglich den einen oder die andere Diana-Verehrer/in vor den Kopf stoßen? Die Medien konnten sehr gut leben von der Vermarktung des Unfalltodes der Prinzessin und noch besser von ihrer anschließenden Heiligsprechung durch Bild, RTL und SAT1. Ein Leben zwischen Traumhochzeit und Traumbeerdigung ein Leben, in dem Freude und Trauer, Glück und Unglück, Liebe und Haß so nahe beieinander liegen, wie im vermeintlichen richtigen Leben: das Geschäft läßt sich keiner durch kleinliche Qualitätsbedenken versauen. Erstaunlich einig waren sich die Blätter in einer Art kollektiver Leser-Beschimpfung. Die „Zeit“ in einer Bildunterschrift: „Dieselben Menschen, die sich über Paparazzi empören, verschlingen genüßlich bebilderte Klatschstories.“ Werner Funk, Chefredakteur des in der Bildbeschaffung auch nicht immer sehr zurückhaltenden „Stern“ konstruiert gar ein geradezu natürliches Bedürfnis nach Schmuddelfotos: „Solange die Popularität einzelner Leitbilder oder Lichtfiguren für die Menschen eine ebenso harte Währung ist wie für die Gefeierten selber – vor allem aber für ein unersättliches Millionenpublikum -, solange werden die Vermarktungszwänge nicht ausgehebelt werden, solange werden die Paparazzi ihre Fotos machen und Stars sich als Stars feiern lassen, auch oder gerade in dem vermeintlich so aufgeklärten Informationszeitalter.“ Und der „Stern“ – Vermarktungszwänge – will da nicht fehlen.
Natürlich gab es auch Kommentare, die sich ohne von Trauer und Ergriffenheit verwirrt zu sein, mit den Medien sowie Leben und Tod von Diana auseinandersetzten. So schrieb Arno Luik in der „Abendzeitung“: „In den Nachrufen auf Prinzessin Diana wird nun die Moral-Melodie gespielt. Die große Verwerflichkeit des kleinen Paparazzo wird heftig gegeißelt. Den Kleindealer schnappt man, die Bosse läßt man laufen.“ Etwas genauer ist die kürzeste Presseerklärung zum Komplex Diana überhaupt. Sie stammt vom DOKumentarfotografInnen Verband (Hamburg) und lautet (ungekürzt): „Solange es Medien gibt, die bereit sind, für Fotos aus der Privatsphäre von Prominenten gigantische Honorare zu zahlen, wird es skrupellose Reporter geben, die keine journalistische Ethik haben.“ Klar ist: Wo Verleger für den unscharfen Schnappschuß eines sich küssenden Paares 750000 Mark bezahlen (wie der „Sunday Mirror“), wo Chefredakteure mit äußerstem Zynismus Blätter verantworten, die den Lesern eine bunte, spannende, manchmal auch etwas verworfene Welt der Schönen und Reichen vorgaukeln, wo Besitzer von Zeitungen und TV-Stationen Millionen mit Schmuddelkram verdienen können – da sind die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht gegeben, diese Art des Gelderwerbes zu erschweren, oder besser: den ganzen Geschäftszweig überflüssig zu machen.

„Private Eye“, die britische satirische Wochenzeitschrift bringt die Bigotterie der Medien (nicht nur in Großbritannien) auf den Punkt: „In der vergangenen Woche (ganz zu schweigen von den letzten zehn Jahren) haben wir, zusammen mit anderen Zeitungen, den Eindruck erweckt, die Prinzessin von Wales sei in gewisser Weise ein neurotischer, unverantwortlicher und manipulativer troublemaker. Nun haben wir eingesehen, daß die ,Prinzessin der Herzen‘ in Wahrheit die heiligste Frau war, die je gelebt hat, und daß sie Millionen von Menschen Hoffnung und Beistand gab. Wir möchten unseren Lesern unsere ehrliche und tiefste Heuchelei aussprechen und hoffen und beten, daß sie desungeachtet auch weiterhin unsere Zeitung kaufen werden.“

 

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