Porträt: In Memoriam Jürgen Henschel

Mit der Kamera Jahrzehnte am Ort des politischen Geschehens

„Jürgen Henschel – der Fotograf der Wahrheit“ 2006 im Kreuzberg Museum in Berlin Foto: Manfred Rey
„Jürgen Henschel – der Fotograf der Wahrheit“ 2006 im Kreuzberg Museum in Berlin
Foto: Manfred Rey

Er war „Der Mann mit der Leiter“. Jürgen Henschel, fotografierender Chronist einer politischen Epoche, lebt nicht mehr. Für Die Wahrheit, Zeitung der SEW – dem West-Berliner Ableger der SED – war er über zwei Jahrzehnte mit der Kamera unterwegs.

Unauslöschlich mit seinem Namen verbunden ist vor allem ein Bild: Das Foto des sterbenden Benno Ohnesorg. Als am 2. Juni 1967 vor der Deutschen Oper in West-Berlin vor allem Studenten gegen den zum Galaempfang angereisten persischen Diktator Schah Reza Pahlevi demonstrieren, zückt Kriminalobermeister Karl-Heinz Kurras seine Waffe und schießt. Von einer Kugel im Hinterkopf getroffen, verblutet der Student Benno Ohnesorg. Jürgen Henschel ist am Ort des Geschehens und drückt auf den Auslöser.
Das Foto geht um die Welt. Es wird zum Fokus für die beginnende Studenten-Bewegung, der Außerparlamentarischen Opposition (APO). „Von der dramatischen Situation auf dem Charlottenburger Parkdeck gibt es viele Fotos. Aber nur eines ist von dieser Dramatik, nur eines hat diese mobilisierte Symbolkraft wie Henschels Bild“, schrieb die Berliner Zeitung anlässlich des 40. Jahrestages des historischen Bilddokuments. Jürgen Henschel, der ruhige und bescheidene Beobachter, war kein zufälliger Augenzeuge. Seine Bilder sind Parteinahme.
1923 wurde Jürgen Henschel als ältester von drei Brüdern in Berlin geboren. Mit 18 Jahren zum Kriegsdienst eingezogen, ist er an den Balkan-Fronten im Einsatz. Er gerät in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Als er am 27. Dezember 1949 nach Berlin zurückkehrt, ist er ein entschiedener Kriegsgegner. Diese politische Grundhaltung bestimmt fortan sein Leben.
Jahre muss er sich mit Gelegenheitsarbeiten durchs Leben schlagen, ist immer wieder arbeitslos und findet schließlich eine Anstellung als Schlosser bei der DDR-eigenen Reichsbahn. Politisch engagiert, entdeckt er das Fotografieren als Möglichkeit, sich zu artikulieren. Im Umgang mit der Kamera ist er ein Autodidakt. Er schickt seine Bilder, manchmal mit eigenen Texten, an Die Wahrheit.
Als das Blatt Anfang 1967 sein Erscheinen von drei auf vier Mal pro Woche umstellt, schafft man dort auch die Stelle eines festangestellten Fotografen. Für Jürgen Henschel ist es Arbeitsmöglichkeit und Berufung zugleich. Politische Umbrüche werfen in dieser Zeit ihre Schatten voraus. Abertausend mal drückt er auf die Auslöser seiner Exacta und Rollei. Hält große wie scheinbar unbedeutende Ereignisse der Protestbewegung fest. Jürgen ist vor Ort.
Seine Bilder vom Ostermarsch 1967 in Kreuzberg oder von der Demonstration der APO am 1. Mai 1968 in Neukölln sind Zeugnisse von der sich entwickelnden Gegenkultur in West-Berlin. Jürgen Henschel gibt den sozialen Auseinandersetzungen in West-Berlin ein Gesicht. Ob es gewerkschaftliche Aktionen, wie beim Drucker-Streik 1973 und 1976, oder die Proteste von Schülern, Eltern und Kollegen des linken Lehrers Hans Apel waren, die gegen dessen Berufsverbot auf die Straße gingen; Henschel zeigt mit seinen Bildern Menschen, die für ihre Sache kämpfen. Bei den zahlreichen Demonstrationen jener Jahre ist Jürgen (fast) immer dabei – mit seiner Haushaltsleiter. Sie wird zu seinem Markenzeichen. Er will sehen und festhalten was passiert.

Ausgezeichnet

Das Henschel-Foto ging um die Welt: Der niedergeschossene Benno Ohnesorg mit Friederike Hausmann (damals F. Dollinger) Foto: Jürgen Henschel
Das Henschel-Foto ging um die Welt: Der niedergeschossene Benno Ohnesorg mit Friederike Hausmann (damals F. Dollinger)
Foto: Jürgen Henschel

Sein Foto vom sterbenden Benno Ohnesorg, für das er 1968 eine Silbermedaille der 2. Weltausstellung der Photographie (ein Projekt des Stern-Magazins zusammen mit 261 Kunstmuseen in 36 Ländern) erhielt, ist oft thematisiert worden. In den folgenden zwei Jahrzehnten, die er für Die Wahrheit unterwegs war, hat er mehr als einmal wichtige und dramatische Augenblicke auf Zelluloid festgehalten: Die Proteste gegen den Vietnam-Krieg, die Hausbesetzer-Szene, den Kampf gegen Mieterhöhung, die Friedensbewegung der 80er Jahre und immer wieder den Einsatz der Gewerkschafter für ein besseres Leben.
Am 23. Januar 1980 erscheint in der Wahrheit Henschels Fotoserie über die Trauerfeiern für den linken türkischen Lehrer und Gewerkschafter Celalettin Kesim. Er war am 5. Januar 1980 am Kottbusser Tor von Mitgliedern der auch in West-Berlin aktiven türkischen Faschisten „Graue Wölfe“ ermordet worden. In einer Laudatio für den Fotografen greift der bekannte Fotohistoriker Diethart Kerbs dieses Beispiel auf: „Mit ergreifenden Bildern von der trauernden Familie und der mit ihr solidarischen Menschen setzt Henschel ein Zeichen gegen Rassismus und rechtsradikale Gewalt.“ Im Sommer 1988 stellt Jürgen Henschel seine Leiter zur Seite; er geht mit dem Erreichen des Rentenalters in den Ruhestand. Solange er konnte, hat er aber immer noch fotografiert. Die Wahrheit gibt es nur noch ein Jahr
Teile seines Lebenswerkes hat Henschel der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. 1991 überließ er dem Kreuzberg Museum drei Ordner mit rund 20.000 Negativen. 2006 hat man ihn dort mit einer Ausstellung und einem Bildband „Jürgen Henschel – der Fotograf der Wahrheit“ gewürdigt. Am 15. Juni 2012 ist er gestorben, einen Tag vor seinem 89. Geburtstag.

 

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