Positive Bilanz

Kooperationsbüro Multimedia und Arbeitswelt

Seit mehr als einem Jahr arbeiten sie zusammen, eine HBV-Kollegin und fünf Kollegen der IG Medien und Postgewerkschaft. Das Kooperationsbüro Multimedia + Arbeitswelt ist ein Verbund im Mikro-Format. Manchmal kritisch beäugt, weil es für Verbund-Neinsager präjudiziell wirkt. Manchmal belächelt, ja, ja, Multimedia, aber richtige Gewerkschaftsarbeit, das ist doch der Kampf um Flächentarifverträge. Oder auch von hohen Erwartungen überfrachtet: Multimedia-Kur gegen Mitgliederschwund. Ihr Logo ist eine CD-Rom vorm Augapfel im Fadenkreuz. Nun gut. Aber womit beschäftigen sich die sechs im Post-Asyl der Frankfurter Bürostadt denn nun?

Zum Beispiel mit Stefan. Er ist 26 Jahre alt und schon Assistent der Geschäftsführung. Beruflich ist er Quereinsteiger; was zählt sind aber nicht Zertifikate und Diplome sondern die Praxis. Als Multimedia-Worker ist er fit. Wenn ein neues Projekt startet, powert er voll rein. Schließlich macht ihm die Arbeit Spaß – und das 50, 60 Stunden die Woche. Noch ist die Firma klein, aber alle sind ein Team. Manchmal fragt sich Stefan, wie er das Tempo durchhalten soll. Aber jetzt muß sich der Laden auf dem Markt behaupten, sonst wird er von der Konkurrenz weggepustet. Festangestellt ist Stefan nicht, Beamten-Denke hat sein Chef gesagt. Mit Gewerkschaft hat Stefan nicht viel am Hut, zuviel Sitzung, Satzung, Geschäftsordnung.

Stefan ist fiktiv, aber typischer Vertreter der Multimedia-Branche. Eine Branche, die boomt. Vor sieben Jahren gab’s noch 200 Firmen, jetzt sind’s weit mehr als 1.000 – und doch verschwindet jedes Jahr ein Viertel davon wieder vom Markt.

In der Regel sind die Firmen klein und die Arbeitszeiten lang, die Mitarbeiter jung, hochmotiviert und schwer ins Produkt verliebt. Meist gibt es keine Tarifverträge, keine Betriebsvereinbarungen und keine Betriebsräte. Die Tür zur Gewerkschaft ist häufig dicht. „Wir hatten ja bislang auch nicht viel zu bieten“, sagt Kalle Kaschel-Arnold, freier Journalist und einer der sechs Köpfe des Kooperationsbüros.

Bis jetzt. Denn was so unvereinbar erscheint – hier die Gewerkschaften: rein in den Betrieb, Betriebsrat gründen, Betriebsvereinbarung abschließen, dort die Multimedia-Mitarbeiter, für die Gewerkschaft allenfalls Servicefunktion hat denn politische Heimat ist -, versucht das Kooperationsbüro Multimedia und Arbeitswelt kompatibel zu machen.

Neue Zielgruppen

Dazu gehört es, sich auf die neue Zielgruppe einzustellen. Wenn ein Call-Center-Betriebsrat nachts um 3 Uhr von der Sitzung aus anruft, weil er am Morgen eine einstweilige Verfügung braucht, nutzt ihm die freundliche Ansage mit den Bürozeiten des Bezirks nichts. Dafür die mobile Erreichbarkeit des Multimediabüros. Natürlich auch übers Netz. Und so mailt Andrea aus Berlin im vertraulichen Internet-Du ihre Frage nach Qualifikationskriterien für die Ausbildung in Online-Redaktionen. Noch herrscht hier Wildwuchs. Möglichst bald soll ein Kriterienkatalog erarbeitet werden, der hilft, die Spreu vom Weizen der Fort- und Weiterbildungsangebote zu trennen.

Das Kooperationsbüro ist die erste Adresse für die Kollegen und Kolleginnen, die als Online-Redakteure, Screendesigner, Webmaster oder Konzeptioner Fuß fassen wollen und eine arbeitnehmerorientierte Beratung brauchen. Was kann ich als Einstiegsgehalt verlangen? Wie sichere ich mich vertraglich ab? Wieviel Urlaub steht mir zu? Das sind die meist gestellten Fragen. „Die Leute werden oft hemmungslos ausgenutzt und mit horrend niedrigen Honoraren abgespeist“, sagt Klaus Pickshaus von der IG Medien. Ein Fragebogen im Netz soll helfen, einen Überblick über die Honorare im Online-Publishing zu erhalten. Ziel ist ein Honorarspiegel der Mittelstandsgemeinschaft Multimedia, in der das Multimediabüro und die IG Medien Mitglied sind.

Neue Anforderungen

Letztlich ist das Multimedia-Büro auch eine Reaktion auf neue Anforderungen: Wenn Branchengrenzen verschwinden, wenn neue Berufe entstehen und alte aussterben, wenn das Normalarbeitsverhältnis mit Festanstellung im 8-bis-17-Uhr-Rhythmus verdrängt wird, müssen Gewerkschaften mitmischen, um die Gestaltung der Arbeit in der Informationsgesellschaft nicht neoliberalen Vorstellungen zu überlassen oder in wechselseitigen Unterbietungswettbewerben den Kürzeren zu ziehen.

„Wir verstehen uns als Stabseinrichtung“, sagt Klaus Pickshaus. Dabei sollen dort Beratungsstrukturen angestoßen und aufgebaut werden, wo Arbeitnehmer oder Freiberufler sich selbst überlassen sind wie zum Beispiel in der Telearbeit. Beim Projekt OnForTe (Online Forum Telearbeit), das selbst mit Call Center arbeitet und als virtuelles Team funktioniert, geht es darum, sozialverträgliche Standards für Telearbeit zu verankern.

Die „Stabsstelle“ erschließt Neuland, will Info-Netze aufbauen, Branchen analysieren und die richtigen Experten an den richtigen Ort leiten, Gewerkschaften in den neuen Technologien Kompetenz sichern und gewerkschaftliche Positionen beim Gesundheitschutz und Datenschutz, bei neuen Berufsbildern und Qualifikation durchsetzen.

Neue Kompetenzen

Was haben die IG Medien-Mitglieder vom Multimediabüro? Ganz einfach. Statt das Rad in jeder Gewerkschaft neu zu erfinden, kann vom Wissen und den Kontakten der Kollegen profitiert werden. Die Postgewerkschaft steht für die gesamte Telekommunikationsbranche, für ihr Knowhow beim Datenschutz und der Telearbeit, schließlich ist sie die erste Gewerkschaft, die einen Telearbeits-Tarifvertrag durchsetzte (siehe Kasten). Die HBV, das ist die Verbindung zur Computerindustrie und Fachkompetenz beim Thema Call Center und Gesundheitschutz. Während die IG Medien die Felder Privatfunk, Freiberufler, Ergonomie, besetzt. „Das ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen“, schwärmt Lothar Schröder von der DPG.

Außerhalb der multimedialen Insel des Kooperationsbüros mag so mancher der sechs als Exot gelten. Selbst technikverliebt, virtuell, vernetzt. Freilich verändert Multimedia die Gewerkschaft, aber sie krempelt sie nicht völlig um. Die Bilanz dieses Verbundes im Mikro-Format fällt positiv aus. Keine Probleme? Die unterschiedlichen Organisationskulturen seien gewöhnungsbedürftig, heißt es diplomatisch.

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