Produktionshilfe per Outsourcing

Neuregelung der ARD-Produktionshilfen Hörfunk

Freie Hörfunk-Journalistinnen, die von ihrem „Heimatsender“ aus Beiträge für andere ARD-Sender produzieren, klagten in den vergangenen Monaten über eine drastische Einschränkung der sogenannten „Produktionshilfe“.

Termine für Schritt und Aufnahme waren unter anderem bei NDR, Radio Bremen und SFB Mangelware geworden. Radio Bremen etwa hatte einen Reservierungsstopp verfügt: Termine wurden nur noch für jeweils 14 Tage im voraus vergeben, aufwendigere Produktionen mit ToningenieurIn für andere Sender wurden ganz gestrichen (siehe „M“ 4/98). Nun haben die ARD-Sender die gegenseitige Produktionshilfe neu geregelt. Dabei wird zwar am Prinzip der Nichtverrechnung und Kostenfreiheit festgehalten. Aber: „Über die Gewährung von Produktionshilfe und deren Umfang entscheidet die um Produktionshilfe gebetene Rundfunkanstalt.“

Neu in den Richtlinien ist die Verknüpfung von Produktionshilfe und Outsourcing. Wenn nämlich eine Rundfunkanstalt erklärt, sie könne die erbetene kostenfreie Produktionshilfe nicht leisten, hat die anfordernde Anstalt die Möglichkeit, den Beitrag bei privaten Fremdfirmen erstellen zu lassen. Das klingt nicht schlecht, hat aber einen Haken: Eine freie Autorin etwa, die für den Südwestfunk einen Beitrag über die Frankfurter Buchmesse machen will und vom Hessischen Rundfunk beschieden wird, im Funkhaus Bertramstraße seien keine Kapazitäten frei, muß ihrer Redaktion schonend beibringen, daß neben ihrem Honorar die Kosten für ein privates Tonstudio in Frankfurt fällig werden. Es liegt dann beim Auftraggeber in Baden-Baden, zu entscheiden, ob er den verteuerten Beitrag noch will. Freie Autorinnen tragen also auch künftig das Risiko, daß wegen mangelnder Kapazitäten Aufträge platzen. Für die Belange ihrer freien Autoren interessiert sich die neue ARD-Regelung ohnehin nur am Rande; ausdrücklich erwähnt werden Freie in der Ziffer 3.5, wo er heißt: „Für die digitalisierte Produktion aktueller Beiträge kann jede Rundfunkanstalt – nach Möglichkeit des jeweiligen Hauses – den Zugang zu Audio-Workstations (AWS) für freie Mitarbeiter öffnen. An diesen AWS können Beiträge im Rahmen der Produktionshilfe von freien journalistischen Mitarbeitern weitgehend eigenständig produziert werden.“

Der Deutschlandfunk in Köln ist nun von der ARD beauftragt, eine bundeweite Liste geeigneter Tonstudios für Auftragsproduktionen zu erstellen und vierteljährlich zu aktualisieren. In dieses Verzeichnis werden auf Vorschlag der jeweiligen ARD-Anstalten freie Produktionsfirmen aufgenommen, die gewisse Qualitätsstandards zusichern müssen.

Liste freier Tonstudios mit ARD-Qualität geplant

Vielerorts sind Studios aus dem Boden geschossen, die schwerpunktmäßig mit Musikproduktionen, aber auch mit Hörfunkwerbung und Zuarbeit für Privatradios Geld verdienen und mit munteren Anzeigen („Outsourcing kann Spaß machen!“) ihre Dienste anbieten. Die Preise schwanken erheblich und liegen für Hörfunk-Aufnahmen zwischen 60 und 250 Mark pro Stunde, abhängig von der technischen Ausstattung und der örtlichen Wettbewerbssituation. Jürgen Kablitz, Sendeleiter beim Deutschlandfunk: „Es kommen nur Studios in die Liste, die ARD-Standard bieten. Tonqualität wie beim Grubentelefon kommt nicht in Frage.“ Qualifizierte Studios sollen mit Rahmenverträgen an die ARD-Häuser gebunden werden; bei dieser Konstruktion hat man sich von den Usancen bei der sogenannten ARD-Hotelliste inspirieren lassen, die reisenden ARD-MitarbeiterInnen empfohlen werden.

Völlig unklar ist derzeit, wer die Kosten trägt, wenn für die Produktion ein privates Studio angemietet wird. Nach dem Prinzip der „dezentralen Mittelbewirtschaftung“ (Kablitz) könne das Geld nicht aus dem zentralen Budget des Sendebetriebs kommen, sondern müsse aus den Redaktionstöpfen genommen werden. Auf die Programm-Macher kommen also Extra-Kosten zu. Nach der herrschenden Logik in vielen Redakteursköpfen werden dann in der Konferenz noch häufiger Fragen auftauchen wie: Brauchen wir wirklich den (teuren) Original-Beitrag? Tut’s nicht auch eine Übernahme? Oder eine Konferenzschaltung? Oder beschränken wir uns doch lieber auf unser Sendegebiet, so daß keine Produktionshilfen anfallen. Der Schwarze Peter liegt wieder bei den Autoren. Ein privates Studio aus eigener Tasche zu bezahlen, kommt nicht in Frage. Die Kosten fressen den größten Teil des Honorars. Ein Fünf-Minuten-Beitrag beim Saarländischen Rundfunk etwa bringt ganze 221,- Mark, der neugestylte NDR IV als Info-Radio macht durch massive Honorarkürzungen von sich reden. Beiträge unter fünf Minuten werden nur noch mit 248,- Mark bezahlt.

Selber machen?

Bliebe die Möglichkeit, Beiträge selber zu schneiden und zu produzieren. Für diese Mehrarbeit zahlen manche Rundfunkanstalten – wie etwa DLR/Deutschlandfunk – den Autoren einen pauschalen Zuschlag von zehn Prozent aufs Honorar. Mal unterstellt, Schnitt und Aufnahme eines anspruchsvollen Vier-Minuten-Beitrages mit Einblendungen dauert eine Stunde und wird mit 350 Mark honoriert – wieso soll die Eigenproduktion, Marke „direkt vom Erzeuger“, zum Billigtarif von 35 Mark zu haben sein, während ein Fremdstudio mit 65 bis 250 Mark hinlangt? Beim WDR wurde eine Regelung tarifiert, die eine Vergütung für selbstproduzierte Beiträge nach folgenden Sätzen gewährt: Zuschlag für die erste Minute 30,- Mark, jede weitere angefangene Minute 10,- Mark, zusammen also für einen Bis-Vier-Minuten-Beitrag 60 Mark.

Nachdem sich übrigens bei Radio Bremen freie AutorInnen wegen der Einschränkung der Berichterstattungsmöglichkeiten an den Rundfunkrat des kleinsten ARD-Senders gewandt hatten, hat sich der Engpaß bei den Produktionshilfen zur Zeit entspannt.

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