Rechercheure im Archiv

Verbandstagung: Die ungewisse Zukunft mediendokumentarischer Arbeit

Häppchen- und Schnäppchenjournalismus blühen, und Google droht zunehmend gründliche Recherche zu ersetzen. Keine guten Perspektiven für Mediendokumentare und -archivare. Gleichzeitig gewinnt gerade wegen der um sich greifenden Oberflächlichkeit Recherche an Bedeutung. Über die ungewisse Zukunft der Mediendokumentare diskutierten rund 350 Kolleginnen und Kollegen aus Presse und Sendern bei der diesjährigen Tagung der Fachgruppe 7 (FG 7) im Verband deutscher Archivarinnen und Archivare (VdA) in Hamburg.

Auf die Bedeutung einer guten Dokumentation und Recherche, auch und besonders im Zeitalter des Internet, verwies Professor Dr. Michael Haller von der Uni Leipzig in seinem Eröffnungsvortrag. Was passieren kann, wenn man die Fakten vor der Veröffentlichung nicht checkt, zeigte Haller an einem Beispiel aus dem Jahre 1911, dem ersten bekannten Fake der Mediengeschichte. Damals erschien in der „Neuen Freien Presse“ in Wien ein Artikel über ein Grubenunglück im Ostrauer Kohlerevier. Ein Grubenhund, so der Autor, sei bereits eine halbe Stunde vor Beginn des Bebens unruhig geworden und habe so vor dem Unglück gewarnt. Hätten die gutgläubigen Redakteure die Meldung überprüft, hätten sie festgestellt, dass ein Grubenhund kein Tier, sondern eine auf Schienen laufende von Hand gezogene Lore ist und sich der Autor auf ihre Kosten einen Scherz erlaubt hatte.

Bezug auf nur eine Quelle

Nach dem zweiten Weltkrieg, so Haller, habe der Journalismus in Deutschland seine Autoritätsgläubigkeit zunächst weitgehend abgelegt. Nach dem Vorbild US-amerikanischer Nachrichtenmagazine hätten die großen Medienhäuser mit dem Aufbau von Archiven und Dokumentationsabteilungen begonnen, was bis zum Ende der achtziger Jahre zu einer Blüte des Recherchejournalismus in Deutschland geführt habe. Haller, selbst ehemaliger Spiegel-Redakteur, erinnerte an die Übergabe seiner ersten Spiegel-Geschichte vor 30 Jahren: „Die Dokumentarin deutete mit spitzem Finger auf ihren Papierberg und sagte mit jenem streng-freundlichen Unterton, den ich von meiner Grundschullehrerin kannte: ‚Und hierzu haben wir keinen Beleg – und hierzu haben wir zwei Belege, nur, die widersprechen sich‘.“

„Fünfzehn Jahre später, nach der Jahrtausendwende, haben wir eine radikal veränderte Lage. Das Nachrichtenangebot der Medien ist zwar enorm angestiegen – doch das journalistische Personal, wie auch Archivare und Dokumentare, wurden radikal abgebaut“, so der Wissenschaftler. Eine Umfrage der Universität Leipzig in den Jahren 2000 bis 2002 bei 120 Chefs von Lokalredaktionen habe ergeben, dass in den vorausgegangenen zehn Jahren der Umfang des redaktionellen Teils ihrer Lokalausgaben um durchschnittlich 15 Prozent gestiegen und im gleichen Zeitraum die Redaktionen um zwölf Prozent geschrumpft seien. Auf die Frage, wie viel Zeit die Lokalredakteure für das Recherchieren zur Verfügung hätten, seien als Mittelwert 90 Minuten herausgekommen. Zehn Jahre zuvor seien es noch 120 Minuten gewesen. Dass dabei weniger Zeit für Recherche bliebe, könne man an der Zunahme von Texten sehen, die sich nur auf eine Quelle beziehen – oft die Pressemitteilung eines Unternehmens oder einer Behörde.

Internet als Ausrede für schlechte Recherche

Die fehlende Zeit für Recherche werde in vielen Medienhäusern mit dem Verweis auf das Internet schön geredet. In der Tat, so Haller, sei die Leistung der großen Retrieval-Programme im World Wide Web beachtlich. Das Problem liege in der kompetenten Nutzung: „Meist wird mit der Quick-and-dirty-Suchmaske schnell mal gegoogelt und dann werden vielleicht die ersten fünf Treffer angeklickt.“ Über welche Zugangsportale man aber zum Beispiel zu welchen Fachdatenbanken gelangt, davon hätten neun von zehn von der Uni Leipzig befragten Journalisten keine Ahnung gehabt. So nähmen trotz Internet die Falschinformationen zu, und wegen des Internets würden immer häufiger Geschichten oberflächlich zusammengehauen, deren Aussagen zum x-ten Mal per Recycling aus dem Web gefischt, abgeschrieben und – um ein paar Quotes angereichert – erneut ins Netz gestellt würden. „Nicht der Informationsgehalt, sondern die Redundanz, also der Schrott nimmt zu.“

Ein noch größeres Problem sei jedoch die von den Journalisten meist nicht erkannte Fremdsteuerung durch Informationsmanager in den PR-Agenturen und Content-Fabriken, warnte der Referent. Bei den PR-basierten Themen und Kampagnen, die von Journalisten wie Ereignisse aufgegriffen und umgesetzt würden, handele es sich um eine besonders widerstandsfähige Rasse des alten Grubenhundes. Mit Hilfe von automatisierter Texterschließung und linguistischen Analyseprogrammen, dem so genannten Text-Mining, könnten inzwischen komplette Themen in die Medien gebracht und gesteuert werden.

Ungewissheit für Archive

Seinen eher düsteren Ausblick unterstrich Michael Haller mit dem Hinweis auf den Konzentrationsprozess in den Medien: „Niemand weiß derzeit, was aus dem Archiv der Süddeutschen Zeitung wird und was aus dem Broker-Konzept der Dokumentare der Frankfurter Allgemeinen. Und wohin entwickelt sich die Dokumentation von Gruner + Jahr im Zeitalter vollautomatischer Verschlagwortung? Wie funktioniert eines Tages das – dannzumal! – nur mehr wegen des Branding noch Spiegel-Dokumentation bezeichnete Profit-Center, das neben den Produkten aus dem Hause Spiegel und dem Axel-Springer-Konzern auch noch viele andere Medienhäuser bedient?“

 

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