Rege Szene mit schwerem Stand

100 Jahre deutscher Animationsfilm zum Festival in Stuttgart

Was denn nun?! Wie so immer bei der Frage womit alles begann, sind sich die Quellen auch darüber nicht einig welcher Film nun der erste deutsche Animationsfilm ist. Einigkeit herrscht zumindest schon mal über den Urheber: Guido Seeber. Aber ist es „Die geheimnisvolle Streichholzdose“ oder „Prosit Neujahr 1910!“? Die Frage ist heimtückischer, als man glaubt, obwohl beide Filme im Abstand von zwei Monaten uraufgeführt wurden. Die Antwort entscheidet nämlich darüber, ob das Trickfilmfestival Stuttgart – neben jenem in Annecy, das bedeutendste Festival der Welt für Animation – den 100sten Geburtstag der deutschen Animation in diesem Jahr zu Recht feiert.

„Prosit Neujahr!“ wurde am Sylvesterabend 1909 uraufgeführt und ist eine ca. eineinhalb minütige viragierte (eingefärbte) Mischung aus Real- und Trickfilm, während das fünfminütige Streichholzballett, das sich in nahtlosen Übergängen zu Gesichtern, Tieren und Gegenständen formt, durchgängig vollanimiert ist, aber eben erst 1910 fertig wurde und zur Erstaufführung gelangte.
Als Geburtsjahr des animierten Films an sich gilt übrigens 1906 als der US-Amerikaner J. Stuart Blackton mit „Humorous Phases of Funny Faces“ seinen ersten vollständig animierten Film vorstellte. Zwei Jahre später veröffentlichte der Franzose Émile Cohl seine ersten Zeichentrickfilme, die er direkt auf Filmstreifen zeichnete. 1914 tauchte mit dem von Windsor McCay geschaffenen „Gertie the Dinosaur“ die erste populäre Zeichentrickfigur auf, mit der McCay während seines Bühnenprogramms interagierte. Der erste Zeichentrickfilm in Spielfilmlänge war „El Apóstol“ und entstand 1917 in Argentinien. 1926 wurden sämtliche Kopien des Films bei einem Brand vernichtet. In Deutschland dauerte es bis 1926 bis mit Lotte Reinigers Scherenschnittfilm „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“ der erste abendfüllende Animationsfilm heraus kam. Er sollte für lange Jahrzehnte auch der Einzige bleiben.
Es stellte sich schnell heraus, dass Animation die Domäne des Experimental- und Werbefilms sein sollte. Julius Pinschewer hatte bei einem Kinobesuch 1910 die Idee, die Faszination des Publikums mit dem Medium zu nutzen, um es auch für die Werbung zu verwenden. Einer seiner ersten Produktionen war der Stopp-Trick-Film „Der Napfkuchen“ (1910), in dem Backpulver von Dr. Oetker beworben wurde. Pinschewer, der sich Film zum Zwecke der Reklame sogar patentieren ließ, machte mit Hilfe seiner Idee Firmen wie Maggi, Kupferberg, Sarotti oder Stollwerk zu Markennamen. Der Produktwerbung folgten in der zweiten Hälfte des 1. Weltkriegs Zeichentrick-Werbung für Kriegsanleihen sowie Propagandafilme.

Erste Versuche mit Farbe

Der erste werbefreie Zeichentrickfilm wurde von Hans Fischerkoesen 1919 geschaffen. „Das Loch im Westen“ war gerade einmal 30 Meter bzw. rund eine Minute lang. Weitere Entwicklungen waren erste Versuche mit Farbe bei der Pepeco-Zahnpastawerbung „Der Zahnteufel“ (1921) und Schatten bei „Der Wettlauf zwischen Hasen und Schwinigel“. 1922 kam mit der Autoreifen-Werbung „Der Sieger“ der erste farbige Animationsfilm in die Kinos, für den Walter Ruttmann verantwortlich zeichnete. Berühmtheit erlangte Ruttmann allerdings weniger durch seine animierten Experimentalfilme denn als Regisseur von „Berlin: Die Sinfonie einer Großstadt“ (1927). In dieser Zeit interessierte sich auch die künstlerische Avantgarde für den Animationsfilm. Dennoch blieb eine Präsentation des abstrakten Films 1925 im Berliner UFA-Palast auch die Letzte. Letztendlich wurde ab 1937 mit dem Beschluss der Nazis „Entartete Kunst“ auszumerzen, der zweite Versuch der animierten Avantgarde endgültig erstickt.
1928 hielt der Ton zeitgleich in Deutschland und den USA Einzug in den Animationsfilm. Hierzulande mit „Die chinesische Nachtigall“; auf der anderen Seite des Atlantiks mit Walt Disneys „Steamboat Willi“. Durch das von Bela Gaspar entwickelte Drei-Farben-Verfahren zog 1933 endgültig Farbe in den Animationsfilm ein – und vorerst auch nur dort. Den Anfang machte „Kreise“ für den Film-Verleih Tolirag. Im Jahr darauf folgte „Muratti greift ein“ für eine Zigarettenfirma, der so gut ankam, dass das Publikum nur seinetwegen ins Kino ging.
In der Nazizeit wurde Animation wie gehabt für Werbe- und kurze Propagandafilme eingesetzt. Allerdings hatte Joseph Goebbels den Ehrgeiz eine deutsche Animationsindustrie aufzubauen, die sich mit Walt Disney messen lassen konnte. Der Führer liebte Mickey Mouse-Filme und Disneys „Schneewittchen“ (1937) sollte das Maß aller Dinge werden. Doch bis auf eine handvoll Kurzfilme war der Produktausstoß sehr dünn. Selbst dies gelang nur durch die Verbindung aller in den besetzten Gebieten verfügbaren Talente, denn die eigentlichen Kreativen waren längst außer Landes oder ermordet. Um die Produktion anzukurbeln, wurde auch Hans Fischerkoesen verpflichtet, der 1943/44 drei Kurzfilme produzierte. Die 1941 gegründete Deutsche Zeichenfilm GmbH schaffte nur zwei Filme, wovon allein „Armer Hansi“ (1943) als Vorfilm zu „Die Feuerzangenbowle“ zur Aufführung kam.
Das Kriegsende bedeutete für den deutschen Zeichentrickfilm den kompletten Neubeginn. Ein Aufbauen auf dem Erreichten war höchstens im technischen Sinne möglich. So hieß es für die Animation im Westen erneut: Werbung, während die DEFA den Animationsfilm ganz in den Dienst des sozialistischen Aufbaus stellte. Die 1955 nach Dresden ausgelagerte Animationsfilmproduktion stellte rund 750 Filme her. Mit jenen, die in Babelsberg entstanden, waren es 820. Die meisten waren Kurzfilme oder Arbeiten für das Fernsehen. Aber es entstanden auch einige wenige Langfilme wie die Puppenanimation „Die fliegende Windmühle“ (1961) oder der Zeichentrickfilm „Der arme Müllersbursch und das Kätzchen“ (1971). Und nicht zu vergessen, auch die berühmteste deutsche Animationsfigur überhaupt entstand in Dresden: „Unser Sandmännchen“, das am 22. November seinen 50. Geburtstag feiern wird.

Erfolge und Flopps

Im Westen trat gleich mit dem ersten Versuch eines Animations-Spielfilms große Ernüchterung ein. Das schwarz-weiß-Werk „Tobias Knopp, Abenteuer eines Junggesellen“ von Gerhard Fieber scheiterte an seinem altbackenen Stil, weshalb sich das Publikum lieber von Walt Disney verzaubern ließ. Hans Fischerkoesen baute nach zwei Jahren im Internierungslager Sachsenhausen eine Werbefilmfirma auf, die u.a. das Maskottchen „Onkel Otto“ des Werbefernsehens des Hessischen Rundfunks und das cholerische HB-Männchen („Wer will denn gleich in die Luft gehen – greife lieber zur HB!“) schuf.
Mit der Zeit berappelte sich aber die westdeutsche Animationsszene und 1961 konnte Wolfgang Urchs mit seinem satirischen Kurzfilm „Die Gartenzwerge“ Erfolge feiern, u.a. mit dem Bundesfilmpreis. Fünf Jahre später schaffte er es mit „Die Maschine“ nicht nur erneut einen Bundesfilmpreis zu erhalten, sondern auch als erster Deutscher am internationalen Animationsfestival in Annecy teilzunehmen. Die enormen Hindernisse, um einen abendfüllenden Spielfilm zu produzieren, konnte er dennoch nicht überwinden. Dies gelang erst Jan Lenica und Curt Linda mit der 1969 heraus gebrachten Erich Kästner-Verfilmung „Die Konferenz der Tiere“. Bis zur Wende folgten vier weitere Animationsspielfilme.
1990 schien dann endlich der Knoten geplatzt zu sein. Gerhard Hahn und Michael Schaack brachten, basierend auf den immens erfolgreichen Werner-Comics von Brösel, „Werner – Beinhart!“ in die Kinos. Noch wurden die in sich geschlossenen Animationssegmente von einer realen Rahmenhandlung zusammen gehalten, doch der Erfolg stand dem der Comics in nichts nach. Es folgte die Comicverfilmung „Der kleene Punker“ (1992), der sich ebenfalls an junge Erwachsene richtete; Curt Linda machte „Das kleine Gespenst“ (1992) für die Kleinen und „Werner“ wurde fortgesetzt. Doch die Enttäuschungen blieben nicht aus. Die anspruchsvolle Verfilmung des Katzenkrimis „Filidae“ (1994) floppte, der 3. Werner-Film (1999) ebenfalls, „Asterix in Amerika“ (1994) war eine filmische Katastrophe und blieb wie „Käpt’n Blaubär“ (1999) unter den Erwartungen, und obwohl „Kleines Arschloch“ (1997) mit drei Millionen Zuschauer anständig lief, kam es nie zur geplanten Fortsetzung. Die Hochzeit der deutschen Animation war vorbei. Mit den Filmen, die ab 2000 in die Kinos kamen, musste man zu oft die Erfahrung machen, dass Animationsfilme für ältere Kinder und Jugendliche nicht mehr funktionieren wollten. Auch die ersten Versuche computergenerierte Filme zu produzieren, fielen ernüchternd aus. Allein Filme für die ganz Kleinen wie „Der kleine Eisbär“ und „Lauras Stern“ aber auch günstig gemachte Kinoversionen populärer Fernsehserien oder Merchandising-Artikel wie die „Pettersson und Findus“-Filme, die „Hase Felix“-Filme, „Der Mondbär“ oder jüngst „Prinzessin Lillifee“ rechnen sich noch.
Animation hat in Deutschland einen schweren Stand. Dies gilt nicht nur für deutsche Produkte, die einen Markt außerhalb des Vorschulalters anvisieren; dies gilt genauso für europäische oder japanische Animation und zu einem Gutteil auch für US-Produktionen. Nur wenige dieser ausschließlich als Familienfilme angelegten und in 3D produzierten Filme haben einen durchschlagenden Erfolg. Dennoch gibt es in Deutschland eine rege Animationsszene, die sich vor allem aus Hochschularbeiten speist, die immer wieder innovative Kleinode hervorbringen, die jedoch die Branchenzirkel seltenst verlassen. Erwähnt seien hier beispielhaft die beiden nun auch schon angestaubten Oscar-Gewinner „Balance“ (1989) von Christoph und Wolfgang Lauenstein und „Quest“ (1996) von Tyron Montgomery sowie „Cocoon Child“ (2008) von Sonja Rohleder, der in der Sektion Generation der diesjährigen Berlinale lief.
Weitere deutsche Animationsfilme für die Kleinsten werden in die Kinos kommen. Alle basieren auf erfolgreichen Marken. „Mullewapp – Das große Kinoabenteuer der Freunde“ (ab 23. Juli, Foto Seite 26) von Tony Loeser und Jesper Møller etwa nach den Kinderbüchern von Helme Heine und auch die Fortsetzung von Thilo Graf Rothkirchs „Lauras Stern“ (ab 24. September) hatte ihren Anfang als Kinderbuch und Kurzfilmserie genommen. Allein die finnisch-deutsche Weihnachtsgeschichte „Niko – Ein Rentier hebt ab“ (ab 5. November) ist ein Originalstoff und wird es dadurch schwer haben. Originalideen müssen mit einem ungleich höheren Marketingaufwand auf den Markt gepresst werden, als eingeführte Marken. Das aber können deutsche Produzenten und Verleiher nicht leisten.
Dennoch gibt es eine geschäftige Produktionstätigkeit abseits von Fernsehserien. Zurzeit entsteht mit „Der Sandmann und der verlorene Traumsand“ ein Kinofilm über das Sandmännchen in derselben Stop-Motion-Trick-Produktionsweise wie die „Wallace & Gromit“-Filme von Aardman Animation. Neben den Briten ist Scopas Medien die einzige europäische Firma, die über genügend Erfahrung in dieser Technik verfügt, um einen publikumsaffinen Film herzustellen. „Jeder kennt die Figur, aber keiner weiß etwas über den Sandmann“, verrät Produzent Jan Bonath schon einmal etwas über die Richtung des Films, der rechtzeitig für einen Weihnachtsstart fertig wird. Ein weiterer Stop-Motion-Film, basierend auf der international verkauften und eigen entwickelten Serie „Dragon“ ist bereits in Vorbereitung. Spricht man über Stop Motion, darf für Deutschland Heinrich Sabl nicht vergessen werden, der mit „Der Hahn“ (1994) und „Père Ubu“ (1997) neue künstlerische Maßstäbe setzte und seit über zehn Jahren mehr oder weniger allein an dem Projekt „Memory Hotel“ arbeitet, das sich nun in Postproduktion befindet.

Die sieben Zwerge in 3D

Wie geht es weiter mit der deutschen Animation? 3D- oder CGI- genannte Filme werden weiterhin auch in Deutschland entwickelt. Auch die ersten Filme in stereoskopischen 3D sind bereits in Arbeit. Den Anfang machen die Neuverfilmung von Kästners „Die Konferenz der Tiere“ durch Constantin Film gefolgt von der animierten Version des Otto Waalkes-Vehikels „Die Sieben Zwerge“, das von Michael Coldeweys Firma Trixter hergestellt wird. Die Branche ist zuversichtlich, es gerade im Bereich des Stereo-3D mit den Amerikanern aufnehmen zu können – dabei ist sie sich durchaus bewusst, dass die technische Durchführung nicht der Knackpunkt ist, sondern das Geschichtenerzählen.

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