Seelenlose Redaktionsklempnerei

Westfälische Rundschau entlässt ihre Belegschaft

Der 15. Januar 2013 wird als schwarzer Tag in die deutsche Pressegeschichte eingehen. In einer eilig einberufenen Mitarbeiterversammlung traten die drei Geschäftsführer der Essener WAZ-Mediengruppe Manfred Braun, Thomas Ziegler und Christian Nienhaus im Druckzentrum in Hagen Bathey mit versteinerter Mine vor die Belegschaft der Westfälischen Rundschau. Die hatte angesichts zahlreicher kursierender Krisenszenarien und formulierter Sparziele ohnehin nichts Gutes erwartet, aber diese Nachricht schockte alle. Die Redaktion der Westfälischen Rundschau wird zum 1. Februar 2013 geschlossen, 120 festangestellten Redakteurinnen und Redakteuren wird fristgemäß gekündigt.

Guntram Schneider: „Wenn morgens um 6:30 Uhr nicht die WR auf dem Tisch liegt, fehlt etwas. Wir brauchen diese Zeitung als Gegenpol zum journalistischen Einheitsbrei.“ Foto: Klaus Pollkläsener
Guntram Schneider: „Wenn morgens um 6:30 Uhr nicht
die WR auf dem Tisch liegt, fehlt etwas.
Wir brauchen diese Zeitung als
Gegenpol zum journalistischen
Einheitsbrei.“
Foto: Klaus Pollkläsener

Wie blanker Hohn musste es in den Ohren der gerade von der Arbeit freigestellten Redaktion klingen, als das Führungstrio die Pläne vorstellte, wie die Rundschau erhalten werden soll, um, so die WAZ-Gruppe in einer Pressemitteilung, „die Medienvielfalt im Verbreitungsgebiet sicherzustellen“.
Denn die Westfälische Rundschau (WR) soll es weiter geben, als Zeitung ohne Redaktion. Die lokalen Inhalte sollen zukünftig bei der Konkurrenz eingekauft werden, zum Beispiel im Großraum Dortmund von den Ruhr Nachrichten aus dem Verlag Lensing Wolff, der vor einiger Zeit schon die Zustellung der WR übernommen hatte. In Arnsberg und Hagen übernimmt die Berichterstattung die ebenfalls zum WAZ-Konzern gehörende, eher konservative Westfalenpost. In Wetten und Schwelm wird dieser Titel nun eigene Lokalredaktionen aufbauen. Den Mantelteil liefert weiterhin der Content-Desk in Essen, an dem zukünftig auch der Schreibtisch von Malte Hinz steht, der Chefredakteur der WR bleiben wird.
Die dju NRW reagierte schnell auf die für alle überraschenden Ereignisse. Noch am Abend des 15.Januar organisierte der ver.di-Mediensekretär Christof Büttner zusammen mit dem DJV NRW eine erste Info-Veranstaltung für die Betroffenen im Haus Busch in Hagen. Nur zwei Tage später ging die Soli-Seite rundschau-retten.de online, auf der man sich mit der Belegschaft der Westfälischen Rundschau solidarisch erklären kann. Dort erscheinen auch Informationen, die in der WR vergeblich gesucht werden. Von Seiten der Chefredaktion wurde die Berichterstattung über den Niedergang des eigenen Blattes weitgehend unterdrückt. Mehr als 2.000 Menschen haben sich auf Facebook in der Gruppe „Westfälische Rundschau muss bleiben“ vernetzt, wo seitdem diskutiert und informiert wird genauso wie im Blog: medienmoral-nrw.de. Der DGB, dieJusos, Landräte und Bürgermeister solidarisieren sich mit der von heute auf morgen entlassenen Belegschaft (siehe auch dju-nrw.verdi.de).
Der ganze Unmut der Region manifestierte sich am 19. Januar auf einer Demonstration „Gegen die WAZ-Axt“, bei der trotz klirrender Kälte mehr als 1.000 Teilnehmer lautstark durch Dortmund zogen. Es hagelte Kritik. Die Entscheidung sei nur von Profitinteressen der WAZ-Eigentümer geleitet, so der Tenor in den Reden während der Kundgebung. Der massive Schritt werde als alternativlos dargestellt und damit begründet, dass sich die WAZ-Mediengruppe im nordrhein-westfälischen Kerngebiet „zukunftssicher“ aufstellen wolle. Die Westfälische Rundschau müsse „grundlegend saniert“ werden, da sie angeblich „Verluste in Millionenhöhe“ verzeichne. In den zahllosen publizistischen Beiträgen zu diesem Präzedenzfall in der deutschen Zeitungsgeschichte dominierten Begriffe wie „Mogelpackung“, „Etikettenschwindel“, die „Westfälische Rundschau – Zeitung ohne Redaktion“.

Abbestellungen erwartet.

Barbara Hendricks, Geschäftsführerin der SPD-Medienholding ddvg, die mit 13,1 Prozent an der Rundschau beteiligt ist, kritisiert die „nicht plausibel nachvollziehbare Entscheidung“ die den „Eindruck einer seelenlosen Redaktionsklempnerei“ erwecke. Zudem will sie juristische Schritte gegen die WAZ-Mediengruppe prüfen, da sie ihre Mitbestimmungsrechte als Minderheitengesellschafterin nicht gewahrt sieht.
Auch der stellvertretende ver.di-Vorsitzende Frank Werneke bezeichnete die Einstellung der Redaktion als „fragwürdig und nicht nachvollziehbar“. Der Inhalt der Konkurrenz müsse teuer bezahlt werden, während die WAZ-Mediengruppe eine Stimme verliere, die in der Region von Gewicht sei. „Durch die Übernahme von Inhalten aus anderen Häusern wird der journalistischen Vielfalt gerade im regionalen Bereich ein weiterer schwerer Schlag versetzt“, unterstrich Werneke und bemängelte die „publizistische Mutlosigkeit“ der WAZ-Mediengruppe als „fatal“. dju-Bundesvorsitzender Ulrich Janßen warf den WAZ-Gesellschaftern auf der Demo in Dortmund am 19. Januar ein „fehlendes soziales Gewissen“ gegenüber den festen und freien Beschäftigten vor. „Da fehlt die publizistische Verantwortung gegenüber den Leserinnen und Lesern. Da fehlt demokratisches Bewusstsein. Und da fehlt Gesetzestreue“, sagte Janßen. Das Unternehmen agiere „hinterrücks“ und verstoße gleich gegen mehrere Vorschriften des Betriebsverfassungsgesetzes. Nämlich unter anderem gegen die Pflicht zur rechtzeitigen Information des Betriebsrats über die Personalplanung und über sogenannte Betriebsänderungen, wozu auch geplante Entlassungen dieses Umfangs gehören. Und die seien offenbar heimlich von langer Hand geplant worden. Aber weder in den Sozialplanverhandlungen noch nach der Gesellschafterversammlung am 27. Dezember 2012, in der die Entlassungen beschlossen wurden, wochenlang sei nichts gesagt worden, so Janßen.

Publizistische Mutlosigkeit.

Ein Blatt ohne eigene Redaktion, stattdessen zusammengestellt aus den Inhalten verschiedener Konkurrenten, das sei bisher einzigartig in der Medienlandschaft, sagte Horst Röper, Medienwissenschaftler am Dortmunder Formatt-Institut. Er gehe davon aus, dass die Rundschau „erhebliche Abbestellungen kassieren“ werde. Nach Informationen des Betriebsrats haben auch schon die Anzeigenkunden reagiert und Anzeigenaufträge in Millionenhöhe storniert. Die Anzeigenkunden verstünden es nicht, so der Betriebsrat in einem offenen Brief, dass die Redaktionen geschlossen würden, das Anzeigengeschäft aber bestehen bleibe. Der siebenköpfige WR-Betriebsrat wurde von der Entscheidung komplett überrumpelt und nur eine Stunde vor der Mitarbeiterversammlung informiert. Deshalb spricht der Betriebsrat von einem „Kulturbruch“ im Unternehmen und wirft der WAZ-Gruppe gesetzeswidriges Verhalten vor: „Der Verlag hat dem Betriebsrat die Chance verwehrt, alternative Vorschläge zum Stellenabbau zu unterbreiten. Das steht uns gesetzlich zu!“.
Auch wenn die Geschäftsführung angekündigt hat, „frei werdende Stellen in Nordrhein-Westfalen bevorzugt mit Mitarbeitern der Westfälischen Rundschau besetzen zu wollen“, sei derzeit völlig unklar, für wie viele von ihnen eine Anschlussbeschäftigung im Verlag gefunden wird. Etwa 20 der insgesamt 120 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bleibt die Hoffnung, weiterhin in einem der Verlage der WAZ-Gruppe (z.B. Westfalenpost) zu arbeiten. Laut Verlag soll zunächst allen 120 gekündigt werden. Der Betriebsrat hat angekündigt, um jede mögliche Stelle zu kämpfen, „auch wenn die Situation fast aussichtslos ist“.
Die Festangestellten werden immerhin die Regelungen des Sozialplans in Anspruch nehmen können, den der Betriebsrat Ende 2012 noch mit der Geschäftsführung bis September 2014 verlängern konnte. Völlig nackt im Wind eines immer rauer werdenden Marktes stehen einmal mehr die etwa 150 Freien, die hauptsächlich für eine der 24 Lokalredaktionen der Westfälischen Rundschau gearbeitet haben.

    Frank Biermann

Links

http://dju-nrw.verdi.de/themen/2013-1/++co++7ac65142-2f8e-11e4-8e18-525400a933ef

http://rundschau-retten.de/

nach oben

Weitere aktuelle Beiträge

Mental stark in Krisenzeiten

Wie können Journalist*innen den Zustand der Welt noch abbilden, fragte im November die Friedrich-Ebert-Stiftung. Wie kommen sie selbst mit der Dauerkrisensendung klar? Eine Antwort darauf versuchte der Kommunikationswissenschaftler Stephan Weichert zu geben: einen resilienten Journalismus. Ziemlich nüchtern berichtete Andrea Beer über ihre Arbeit als ARD-Hörfunkkorrespondentin in der Ukraine. Angehenden und jungen Journalist*innen zeigte sie per Videostream Fotos von ihren Einsätzen – etwa bei den Toten in der Nähe der zurückeroberten Stadt Isjum im Nordosten.
mehr »

Feminismus im Comic: Ganz ohne Superman

Comics waren lange eine Sache von Männern und Jungs. In ihren Abenteuern retteten maskuline Helden wie Superman die Welt, Zeichner dominierten die Branche. Doch das ändert sich: Viele der aufsehenerregenden Comics der vergangenen Jahre stammen von Frauen. Die Zeichnerinnen erzählen aus ihrem Leben, hinterfragen stereotype Geschlechterrollen und machen feministische Begriffe und Theorien populär. Doch ganz neu ist das nicht: Ein Blick in die Geschichte zeigt, dass feministische Ideen schon sehr früh Teil der Comickultur waren.
mehr »

Massive Kritik an Einsparplänen bei der Ostsee-Zeitung

Bei der „Ostsee-Zeitung“ (OZ) gibt es umfangreiche Einsparpläne. Am Mittwochnachmittag wurden Betriebsrat und nur eine Stunde später die Beschäftigten der zum Madsack-Konzern und damit zur SPD-Medienholding ddvg gehörenden Zeitung darüber informiert. Die Pläne sehen die Einstellung des „Ostsee-Anzeiger“ zum Jahresende, die Schließung des Druckstandortes, des Anzeigensatzes und der Bildbearbeitung vor. Die Leser*innen erfuhren am Donnerstag, dass ihre OZ bereits im ersten Quartal 2023 ins Berliner Format umgestellt und beim „Nordkurier“ in Neubrandenburg gedruckt werden soll.
mehr »

Kündigungen beim Nürnberger Verlag

Beim Verlag Nürnberger Presse mit den „Nürnberger Nachrichten“ und der „Nürnberger Zeitung“ haben die zehn Mitarbeitenden des Redaktionsservice zum 30. November betriebsbedingten Kündigungen erhalten. Auch ein Solidaritätsschreiben der Redaktion habe daran nichts geändert, so Betriebsratschef Udo Erhart. Ein Teil der Arbeiten übernehme die Redaktion, ein anderer werde fremdvergeben.
mehr »