Sind Journalisten Speichellecker?

Dass „Stars“ ihre Interviews absegnen, ist heutzutage selbstverständlich. Sogar ganze Biografien wollen sie autorisieren. Journalisten lassen sich diese Form der Zensur gefallen. Weshalb?

Was Gerhard Schröder von Journalisten hält, umschreibt er gern mit einer Anekdote: Wenn er aus dem Dienstwagen steige, halte ihm meist ein engagierter junger Mensch ein Mikrofon unter die Nase und frage: „Herr Bundeskanzler, und?“ Alle lachen.

Der deutsche Journalismus ist auf den Hund gekommen. Ganz deutlich wird das bei der Kumpanei, die Journalisten mit Prominenten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport pflegen: „Unautorisiert“ sei die Grönemeyer-Biographie von Ulrich Hoffmann, schrieben Journalisten dem Sprecher der Plattenfirma Capitol Music Germany nach dem Mund. Auch meine Stoiber-Biografie haben Kollegen als unautorisiert bezeichnet. Was soll das?

In der Zunft gilt es heute offenbar als selbstverständlich, vom Interview bis zum fertigen Buchmanuskript alles „absegnen“ zu lassen. Sogar Zeitungsartikel werden vor dem Druck zum „Gegenlesen“ verschickt. Warum lassen Journalisten abnicken, was doch in den Aufnahmegeräten dokumentiert ist? Warum lassen sie sich nehmen, was gute Fragetechnik dem Gegenüber entlockt hat? Warum holen sie sich Absolution?

Um Fehler zu vermeiden, höre ich. Damit die Gesprächspartner auch später geneigt sind, ahne ich. Dies ist eine Unsitte, weiß ich. Der Wahrheitsfindung dient sie keinesfalls, die Kollegen in anderen Ländern lachen darüber: obrigkeitshörig bis heute, die Deutschen. Ich behaupte, dass in einem Buch, in einem Interview, das autorisiert ist, mehr gelogen wird als in einem nicht „abgesegneten“.

Betrug an den Lesern

Das ist Betrug an den Lesern. Sie wissen nicht, dass der „Kronprinz“ seinen Parteichef im Gespräch als unfähig bezeichnet und menschlich abqualifiziert, wenn nach dem Weichspülen zu lesen ist, er stehe hinter dem großen Vorsitzenden. Sie wissen nicht, wie Gesagtes umformuliert wird. Aber sie ahnen es. Und das hat Folgen auch für das Ansehen des Berufsstands, das ohnehin beschämend ist. Mehrfach haben mich Zuhörer bei Lesungen (vor der Lektüre) gefragt, in wessen Auftrag ich die Stoiber-Biografie oder meine Monografie über „Die Burdas“ geschrieben hätte. Staatskanzlei? Burda-Verlag? Die Leute scheinen zu glauben, eine Biografie sei ohnehin gekauft. Das ist das Bild, das unsere Zunft heute abgibt: Das Publikum verwechselt Journalisten mit Bücklingen und Speichelleckern. Hauptsache embedded. Dabei sein ist alles.

Und sie haben Recht, die Leser, Gustav Freitags Schmock lebt: „Ich habe geschrieben links und wieder rechts. Ich kann schreiben nach jeder Richtung.“ Die Schmocks von heute schreiben nicht einmal mehr selbst, sie lassen sich „ihre“ Texte von den Hilfstruppen der Mächtigen (um)schreiben und setzen schamlos ihren Namen drunter. Die Schmocks von heute haben Angst, nicht mehr mitspielen zu dürfen, und machen sich deshalb zum willfährigen Vollstrecker der Presse- und PR-Abteilungen. Das ist der freiwillige Verzicht auf eine der besten Eroberungen der Demokratie: die Freiheit des Worts.

Vorauseilender Gehorsam

Über Personen der Zeitgeschichte darf schreiben, wer möchte. Autoren müssen sich allerdings an der Wahrheit orientieren, sonst drohen juristische Folgen. Selbstverständlich gehört es sich, einen Portraitierten mit Vorwürfen Dritter zu konfrontieren und ihm Gelegenheit zur eigenen Darstellung zu geben. Was sich nicht gehört, ist, sich die Feder führen zu lassen.

Dieser vorauseilende Gehorsam muss beendet werden. Auch um den Preis, dass Promis wie die Kicker von Hertha BSC nicht mehr mit uns sprechen wollen. Mehr Selbstbewusstsein. Die Profis kommen wieder. Sie müssen die Verpflichtungen aus ihren Werbeverträgen erfüllen. Politiker müssen zu ihren Wählern sprechen, und das geht am effektivsten über die Medien. Und wenn Herr Grönemeyers Management sagt, ihr Musiker hätte die Hoffmann-Biografie 1. nicht autorisiert und 2. mit dem Autor nie gesprochen, dann kann ich ihm nur sagen: Hätte er mal. Vielleicht wäre dann manches zu vermeiden gewesen. Die Könige von heute sollten wissen, dass sie unliebsame Recherchen und Veröffentlichungen nicht verhindern können, indem sie ungebetenen und unbequemen Fragern kein Gespräch gewähren.

Journalisten müssen die Hoheit über die Mikrofone und Schreibmaschinen wieder erkämpfen. Dem Publikum würde das ersparen, nichts sagende Antworten auf dämliche Fragen hören oder lesen zu müssen. Nebenbei würde es sein Urteil über Journalisten mildern.

 

nach oben

weiterlesen

In Deutschland angekommen

Auch sie kamen in den Jahren 2014 oder 2015 in erheblicher Zahl nach Deutschland: Arabische Medienmacher*innen. Ich traf im Herbst 2015 vor allem syrische Journalist*innen und portraitierte sie für verschiedene Medien und ein eigenes Buch. Mit vielen von ihnen und ihren deutschen Unterstützer*innen blieb ich seitdem in Kontakt. Für „Menschen Machen Medien“ traf ich sie jetzt in Berlin und Frankfurt wieder und fragte, wie es  ihnen seitdem beruflich und persönlich in Deutschland ergangen ist.
mehr »

Corona-Debatte in einer Schieflage

Die Medien berichten häufig über die Proteste von Corona-Leugnern, Verschwörungstheoretikern und Rechtsradikalen gegen die Gesundheitsschutzregeln, aber nur wenig über die Haltung einer weit größeren Zahl von Menschen, die sich noch schärfere Corona-Maßnahmen wünschen. Ein Missverhältnis, das die Debatte verzerrt und Meinungen ausblendet.
mehr »

Wenn Bildredaktionen und Kompetenz fehlen

Abseits der bekannten Medien-Institutionen existiert eine Szene von NGOs, die unterschiedliche journalistische Aspekte bearbeiten. Eine davon ist n-ost mit einem Fokus auf Cross-Border-Journalismus und Osteuropa. Ihr vorrangiges Ziel war lange Zeit, deutsche Redaktionen mit Texten und Bildern aus Osteuropa zu versorgen. Inzwischen will man Auslandsjournalismus neu denken. Felix Koltermann sprach mit Stefan Günther, dem Bildredakteur der NGO, auch über bildredaktionelle Praxis von Medien allgemein.
mehr »

Kinogeschichte(n) aus Bielefeld

Wenn es um eine „Filmstadt“ geht, denkt man an Berlin, München, Hamburg, vielleicht noch Köln. Aber Bielefeld? Jene Stadt, die Berühmtheit erlangte, weil es sie angeblich gar nicht gibt? Eine Sonderausstellung im Historischen Museum der ostwestfälischen Metropole hält nun diesbezüglich unter dem Titel „Die große Illusion“ bis zum 25. April 2021 einige Überraschungen bereit.
mehr »