„So zeigt sich die Macht der Bilder“

Journalisten und Geiselnehmer – ein ungeklärtes Verhältnis

Wie seinerzeit in Gladbeck haben die Journalisten auch bei dem Geiseldrama auf den Philippinen ihre Grenzen überschritten und sich zum Werkzeug von skrupellosen Kidnappern gemacht.

Die Diskussion dreht sich im Kreis. Zwangsläufig landet die Debatte über die fragwürdige Rolle der Journalisten im philippinischen Geiseldrama an jenem Punkt, der als journalistischer GAU in die deutsche Mediengeschichte eingegangen ist: die Gladbecker Geiselnahme. Das morbide Gangsterstück wurde vor zwölf Jahren in gleißendes Scheinwerferlicht getaucht. Die abgebrühten Kidnapper mutierten zu TV-Regisseuren und Stichwortgebern, Journalisten zu Werkzeugen bei einem blutigen Verbrechen.

„Die Aufgabe der Journalisten zu informieren darf auch bei Geiselnahmen nicht eingeschränkt werden“, zog sich der Deutsche Presserat seinerzeit aus der Affäre und eierte in seiner Erklärung herum: Journalisten sollten über ein Kidnapping „unabhängig und authentisch berichten, aber sie dürfen sich dabei nicht zum Werkzeug von Verbrechern machen lassen“.

Aber geht das überhaupt? Wie in Gladbeck haben die Journalisten im Dschungel der südphilippinischen Insel Jolo, wo die militante Moslemgruppe Abu Sayyaf seit Wochen 21 Urlauber als Geiseln in ihre Gewalt gebracht hat, ihre Grenzen überschritten. „Dass immer wieder beträchtliche Summen für Gespräche mit den Geiseln fließen, ist offenes Geheimnis“, behauptet der dpa-Korrespondent Frank Brandmaier. Zumindest zu Beginn der Entführung seien bis zu 2000 US-Dollar (4000 Mark) pro Journalist und Interview gezahlt worden. Zwischenzeitlich sei der Preis auf etwa 400 US-Dollar gesunken. „Abu Sayyaf hat sehr schnell gelernt, dass da Geld rauszuholen ist“, beklagt eine philippinische Journalistin in Manila die Feilscherei ihrer ausländischen Kollegen mit den Entführern.

„Die Rebellen melken uns wie Kühe“

Nachdem die Kidnapper kurzzeitig elf ausländische Journalisten stundenlang festsetzten und für deren Freigabe ein Lösegeld in Höhe von 25000 Dollar erpressten, war für den „Spiegel“-Korrespondenten Andreas Lorenz Schluss mit lustig: „Niemand sollte mehr dorthin gehen. Die Rebellen melken uns wie Kühe.“

Die philippinische Regierung machte schließlich die Sensationsgier der Medien für die Länge des Geiseldramas auf der Insel Jolo verantwortlich. Die große internationale Aufmerksamkeit der letzten Wochen habe den Entführern „ein falsches Gefühl der Überlegenheit“ gegeben, klagte der philippinische Regierungssprecher Ricardo Puna. Journalisten ließen sich bereitwillig von den Kidnappern als Werkzeuge nutzen, um etwa Botschaften und Lösegeldforderungen auszutauschen. „Das ist nicht die Atmosphäre, die zu einem raschen Ende der Verhandlungen führen kann.“

Dagegen verteidigt Helmut Reitze, Leiter der Hauptredaktion Aktuelles beim ZDF, die ausführliche Berichterstattung damit, die bewegten Bilder aus dem Geiselgefängnis in Jolo hätten die Politik massiv unter Druck gesetzt, zu einer Verhandlungslösung mit den Kidnappern zu kommen. „Wegen der Aufnahmen tut sich politisch viel mehr, als wenn wir nichts gesendet hätten“, behauptet Reitze: „So zeigt sich die Macht der Bilder.“

Doch an der Authentizität der TV-Bilder aus dem Geiselgefängnis gibt es erhebliche Zweifel. Es mehren sich Hinweise, dass Szenen und Interviews inszeniert sind und die Kidnapper bei den Kameraaufnahmen Regie führen. Die französische Geisel Sonja Wendling bestätigte gegenüber einem Agentur-Journalisten, dass sie von den Rebellen aufgefordert worden sei, vor laufender Kamera in Tränen auszubrechen. Zuvor habe sie sich auf Anweisung ihrer Kidnapper kämmen und ein sauberes T-Shirt anziehen müssen.

„Die Journalisten haben ihre Grenzen überschritten“

„Die Journalisten haben ihre Grenzen überschritten“, moniert SZ-Leitartikler Stefan Kornelius, „sie berichten nicht über die Geiselnahme, sie sind zur dritten Partei in dem Drama geworden. Sie schaden damit den Geiseln und stehen den Verhandlungen im Weg, sie blasen sich auf und betreiben einen Voyeurismus, der die Opfer zusätzlich quält.“

Mit den Bildern von den Philippinen wurde schleichend der nach dem Gladbecker Geiseldrama hergestellte Konsens aufgekündigt, dass es Interviews mit Geiselgangs-tern nicht geben dürfe. Immerhin, so beschönigen Fernseh-Macher wie ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender, gingen die Aufnahmen nicht mehr live und ungefiltert über den Sender wie ehedem in Gladbeck. Dennoch überkommen selbst den Chefredakteur des kommerziellen Nachrichtensenders ntv, Helmut Brandstätter, bisweilen Skrupel, manche Bilder von den maladen Geiseln auszustrahlen, weil sie eindeutig die Intimsphäre verletzten: „Es hat Bilder gegeben, die wir ganz bewusst nicht gesendet haben – im Gegensatz zu den öffentlich-rechtlichen Anstalten.“

„Geisel-Horror-Picture-Show“

Hemmungslos hat die „Bild“-Zeitung das Geiseldrama ausgeschlachtet – so als sei auf Jolo eine Big-Brother-Show im Wohncontainer zu bestaunen. Der körperliche Verfall der Geisel Renate Wallert wurde ungeniert auf Seite eins in Nahaufnahme dokumentiert: „Ihr Blutdruck ist lebensgefährlich hoch. Ihr Herz rast“, textete Bild das tägliche Bulletin und baute in fetten Schlagzeilen Spannung auf: „Wie lange hält sie das noch durch?“ Was „Bild“ dort mache, sei eine „Geisel-Picture-Show“, urteilte die „Süddeutsche Zeitung“ (SZ).

Chefredakteur der „Bild“-Zeitung ist Udo Röbel. Der hatte vor zwölf Jahren in Leitartikeln als „Reporter des Satans“ Karriere gemacht, weil sich der damalige Chefredakteurs-Vize des „Express“ zu den Gladbecker Geiselgangstern ins Fluchtauto setzte, um ihnen den Weg aus der Kölner Innenstadt zur Autobahn zu weisen. Auch hier schließt sich der Kreis.

„Während des Gladbecker Geiseldamas haben Vertreter der Medien mehrfach den Status des Beobachtenden, Recherchierenden, Bewertenden und Kommentierenden zugunsten des aktiven Eingreifens aufgegeben“, monierte seinerzeit der Staatssekretär im Düsseldorfer Innenministerium Wolfgang Riotte.

Auf der philippinischen Insel ist das kaum anders. In maßloser Selbstüberschätzung verstehen sich die Medienmacher als Makler und Mittler in einem Geiseldrama, bei dem sie doch nichts anderes als eine „zynische Quotenjagd“ (SZ) betreiben. Bereitwillig liefern sie den Kidnappern eine Plattform und erhöhen so den Preis für die Freiheit der Geiseln. „Oft glaube ich“, sagte die Geisel Sonja Wendling, „die Journalisten werden von den Abu-Sayyaf-Leuten dazu verwendet, um das Lösegeld in die Höhe zu treiben.“

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