Spiegel-Gate(s)

Oliver Neß ist Politologe und Fernsehjournalist, war 16 Jahre Reporter beim Norddeutschen Rundfunk. Mit eigener Produktionsgesellschaft gestaltet er Wissenschafts- und Kulturkommunikation, ist Mitbegründer des Hamburger Literaturfestivals 'Lesen ohne Atomstrom - Die erneuerbaren Lesetage'.
Foto: Mike Schröder/argus

Grad mal seit einem guten halben Jahr fließt das Geld aus Seattle in die Hamburger Hafencity, von der Stiftung des milliardenschweren Atominvestors Bill Gates zum vom Auflagenschwund gebeutelten „Spiegel“: Als die Zeitschrift kurz vor dem Jahreswechsel den Slogan „Atomkraft? Ja bitte“ auf dem Titelblatt druckt (51/2019). Und dann noch exklusiv vermeldet, dass „Forscher das AKW neu erfinden“.

Auf sieben Seiten wird im Weiteren die Möglichkeit einer „Renaissance der Kernenergie“ mittels angeblich neuartiger „Kernreaktoren der Zukunft“ skizziert. Nachdem der Atomausstieg hierzulande als „deutscher Irrweg?“ hinterfragt und als „eingehandelte Erblast“ klassifiziert ist, wird es regelrecht prosaisch: „In einer Welt, die den Klimawandel als Apokalypse beschreibt, wandelt sich die Atomkraft vom Teufelswerk zum rettenden Geschenk der Natur.“ Zwar räumt der „Spiegel“-Autor frühere Probleme mit dem „Geschenk der Natur“ ein: sind die bisherigen Atommeiler doch teuer, hinterlassen Unmengen strahlenden Mülls, der eine oder andere ist gar explodiert. Doch das alles war gestern – denn es gebe im Labor nun Atomreaktoren, die all die Nachteile angeblich nicht haben. Und diese Meiler kämen nicht zuletzt aus dem Hause Gates.

Der neue „Spiegel“-Sponsor scheint im Zuge der Klimadiskussion für sein schon ein Jahrzehnt eher dümpelndes Nuklear-Start-Up „Terrapower“ Morgenluft zu wittern. Assistiert von dem altgedienten „Spiegel“-Autor. Der höchst selbst hatte vor neun Jahren – damals finanzierte Gates das hanseatische Medienhaus noch nicht – schon einmal über derlei „innovative Kleinreaktoren“, einen „neuen Reaktortypus“, berichtet, auch von Gates „Terrapower“. Seinerzeit mutmaßte der Journalist noch geradezu argwöhnisch: „Die Atomkraftbranche will sich mit zivilen Mini-Meilern in die Zukunft retten.“ Das war 2010. Heute legt sich derselbe Schreiber sogar in einem den neuen Artikel online ergänzenden, durchweg mit Animationsmaterial von Gates‘ Firma „Terrapower“ bebilderten Videostatement persönlich ins Zeug: „Ich glaube, es liegt eine Chance in der Kernenergie, die auch Deutschland nicht auf alle Zeit ungenutzt lassen sollte.“ Auch die Schlagzeile „Forscher erfinden das AKW neu“ ignoriert den Artikel aus dem Jahr 2010.

Neue Herausforderung für Spiegel-Autoren

Fachleute wie Astrophysiker Harald Lesch, der im ZDF die Sendung „Terra X“ präsentiert, sagen über die „neuen AKW“: „Das ist natürlich Teufelstechnik.“ Die überdies nicht neu sei, so auch Reaktorexperte Christoph Pistner vom Darmstädter Öko-Institut: „So eine Welle an Schlagzeilen kommt leider immer wieder. (…) Die meisten der Konzepte wurden bereits in den 40er, 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts diskutiert.“ Der „Spiegel“ lässt aktuell sogar jenen Physiker Pistner zu Wort kommen, aber grad nicht zu den vermeintlich „neu erfundenen“ Reaktoren – er hätte wohl die fetzige Schlagzeile zunichtegemacht. Ein offenbar seit Langem eingeübtes Verfahren der Hamburger Zeitschrift! Schon 1959 hat darauf der Publizist Hans-Magnus Enzensberger hingewiesen: „Sein (des „Spiegels“, d. Red.) Verfahren ist im Grunde unredlich (…). Zwischen der simplen Richtigkeit der Nachricht, die er verschmäht, und der höheren Wahrheit der echten Erzählung, die ihm verschlossen bleibt, muss er sich durchmogeln. Er muss die Fakten interpretieren, anordnen, modeln, arrangieren: aber eben dies darf er nicht zugeben.“ (erschienen bei Suhrkamp 1964 „Einzelheiten I – Bewußtseins-Industrie“) Das musste der „Spiegel“ zuletzt dann allerdings doch: Nach Dutzenden in den vergangenen Jahren nachweislich „modellierten“ oder auch handfest gefälschten Berichten blieb keine andere Wahl mehr. Sodass hernach eine Art Kodex für „Spiegel“-Schreiber ersonnen wurde, dessen Ziffer 1 – leicht befremdlich, weil eigentlich eine Selbstverständlichkeit – für die Zeitschrift im 73. Jahr ihres Bestehens nun festlegt: „Die Geschichte muss stimmen.“ Und in Ziffer 3 noch fordert: „Wesentliches darf nicht weggelassen werden.“ Diese offenbar für den Spiegel neuen Anforderungen vollends zu erfüllen, daran wird an der Hamburger Ericusspitze augenscheinlich noch geübt.

Der Gates-Vertraute als Atommüll-Experte

Und mehr noch: Auch der zentrale Kronzeuge des „Spiegel“ für die atomare „Renaissance“ ist mindestens überraschend – er ist nicht etwa Physiker, sondern ein Psychologe. Der auf mehr als einer Seite das Wort erhält. Unerwähnt bleibt dabei, dass „Spiegel“- und Atomkraft-Sponsor Gates just diesen Psychologen, Steven Pinker, regelmäßig öffentlich feiert – als „brillanten Denker“ oder Autor des „favorite book of all time“, welches Gates selbst aktiv bewarb und vertrieb, indem er es zum Download anbot. Und just dieser Erforscher des Seelenlebens gibt nun im „Spiegel“ den Universalgelehrten: „Finnland wird mit dem weltweit ersten Endlager zeigen, dass die Lagerung in unterirdischen Stollen sicher sein kann“, weiß Psychologe Pinker weltexklusiv das Atommüllproblem gelöst. Tatsächlich haben die Gesteinskammern im hohen Norden nach Betreiberangaben noch nicht einmal eine Betriebsgenehmigung.

Zudem räumt der „Spiegel“ Psychologe Pinker noch Platz ein, um die von Nuklearinvestor Gates finanzierten „kompakten und günstigen Reaktoren“ zu empfehlen – und zu spekulieren: „Wenn die Deutschen sehen, dass die Versprechen der erneuerbaren Energien nicht aufgehen, und gleichzeitig kompaktere und günstigere Kernreaktoren marktreif werden, dann kann der Anti-Atom-Konsens schnell wieder infrage stehen.“

Mit kreativen Erlösquellen gegen den Auflagenschwund

Für die Entwicklung der „kompakteren und günstigeren Reaktoren“ hat Gates nach „Spiegel“-Angaben bereits eine halbe Milliarde Dollar investiert. Ganz so viel Geld lässt der spendable Amerikaner für den „Spiegel“ dann doch nicht springen, wenngleich die Zuwendung aus Übersee durchaus im Millionenbereich liegen soll, heißt es im Verlag in der Hafencity hinter vorgehaltener Hand. Gates‘ milde Gabe finanziert dem Hamburger Medienhaus nach dessen Angaben die Arbeit einer damit eigens geschaffenen Abteilung namens Globale Gesellschaft. Die „neuen Stellen stärken unsere Auslandsberichterstattung“, frohlockte man beim „Spiegel“ zum Start. Ahnte aber schon, dass die Finanzspritze des amerikanischen Atomenthusiasten delikat sein kann: Einer der Redaktionschefs beteuerte umgehend mit der Veröffentlichung des Geldsegens aus Seattle, dass „die redaktionellen Inhalte ohne Einfluss durch die Stiftung entstehen“.

Wenn ein Pharmakonzern den Inhalt liefert

Derweil geht die Trennschärfe zwischen werblichen und redaktionellen Inhalten in den „Spiegel“-Medien auch anderenorts verloren, monieren langjährige Mitarbeiter intern: Ein Verkaufsteam des Medienhauses offeriert inzwischen Kunden begehrte redaktionelle Flächen, zur weitgehend freien Gestaltung des Geldgebers. Der Fachjargon spricht vom „Native Advertising“, die einstigen Werbekunden werden nun zu smarten „Content Partnern“. Deren Beiträge sind für den Leser kaum von den Redaktionsinhalten unterscheidbar. Zuletzt führte ein Podcast des Pharmariesen BMS in nahezu identischer Aufmachung wie die hauseigenen Audioproduktionen sogar in der ansonsten wenig rebellischen „Spiegel“-Redaktion zu dezenter Verstimmung: „Mir gefällt es (…) nicht, wenn ich auf ‚Spiegel Online‘ gucke und dann ist da ein Artikel von einem großen Pharmakonzern und wir lernen jetzt, wie die Krebsmittel herstellen, mitten auf unserer Seite. Also macht mir das auch ein bisschen Sorgen. Ich möchte gern, dass Du uns (das) einmal genau erklärst …“, forderte eine ehemals leitende Redakteurin in der Betriebsversammlung am Jahresende vom zuständigen „Leiter der Produktentwicklung“. Der blieb vor großem Publikum besser vage – und merkte laut Protokoll vielsagend an: „Dir ist klar, dass das jetzt ziemlich tief führt in die Geschichte des Content-Marketings.“


14. Januar 2020

Ergänzung aufgrund von Medienreaktionen

Die „M“-Kolumne „Spiegel-Gate(s)“ vom 8. Januar 2020 hat ein bundesweites Echo erfahren, mehrere Medien berichteten.

Der „Spiegel“ äußerte sich auf Anfrage gegenüber Redaktionen und Einzelpersonen zur Kolumne von Oliver Neß auf M Online. In einer über Twitter verbreiteten „Stellungnahme“ sagt der Spiegel: „Die Vorwürfe sind absurd.“ Dann zitiert er weitgehend aus seiner Pressemitteilung vom 10. April 2019. Diese wurde auch in der M-Kolumne bereits als Spiegel-Position wiedergegeben: die Gates-Gelder „unterstützten“ das Ressort Globale Gesellschaft, der Vertrag über die Zuwendungen schlösse eine Einflussnahme des Geldgebers aus, kritische Recherche und journalistische Unabhängigkeit des Spiegel würden durch die Kooperation nicht beeinträchtigt. Wir haben diesen Teil nun mit der PM nachträglich verlinkt, am Text aber nichts verändert.

Autor Neß erklärt: „Die Kolumne erhebt anders als der Spiegel es darstellt keinen Vorwurf, stellt aber sehr wohl die Parallelität von namhaften Geldzuwendungen eines Atominvestors und einem Artikel zur Atomkraft dar, in dem nach Beurteilung von Wissenschaftlern Darstellungen unzutreffend sind.

Der Spiegel nimmt in seinen Reaktionen nicht zum zentralen Gegenstand der M-Kolumne Stellung: den sachlich fragwürdigen Darstellungen im Artikel „Atomkraft-Ja bitte“ und der Veröffentlichung des Podcasts eines Pharmakonzerns in nahezu identischer Aufmachung wie die Spiegel-Audioproduktionen – die sogar Spiegel-Mitarbeiter*innen hinterfragen, wie M vorliegende Spiegel-Protokolle belegen.

Neß: „Der Spiegel erklärt bislang leider weiter nicht

– seine Schlagzeile „Forscher erfinden das AKW neu“ – was von renommierten Wissenschaftlern bestritten wird.

– die Aussage des Spiegel-Autors im Videostatement: „Die Atomkraft ist eine Energie, die klimaneutral ist“ – was von renommierten Wissenschaftlern bestritten wird.

– den Artikel des Spiegel-Autors von 2010 (als Gates den Spiegel noch nicht förderte) über das weitgehend identische Thema mit anderem Tenor und sachlich korrekten Darstellungen

– den Sachverhalt, dass bei der ausführlichen Präsentation des Spiegel-Kronzeugen für die „Renaissance der Kernenergie“ dessen über zwei Jahrzehnte währende Beziehung zu Spiegel- und Atomkraft-Förderer Gates nicht kenntlich gemacht wird.“

Unterdessen empfiehlt Gates’ Nuklearfirma ‚Terrapower‘ die Lektüre des Spiegel-Artikels auf Twitter: „TerraPower is one of a growing number of startups raising new hopes for the power of the atom. Thank you to Der Spiegel International for including us in its look at next-gen nuclear. Check out P. B.s article for a closer look at our technology.“

Das von M-Autor Neß 2011 mitgegründete Hamburger Literaturfestival „Lesen ohne Atomstrom“ kündigt derweil an, im nächsten Programm das Thema mit einer eigenen Veranstaltung zu beleuchten. Festivalvorstand Frank Otto, Medienunternehmer und Vorstand des Hamburger Presseclubs, sagt: „Dass der Spiegel einen Text, der auf der fachlichen Ebene keine relevant neuen Erkenntnisse liefert, in dieser Breite und Prominenz platziert hat, mutet bizarr an. Wir haben unsere Programm-Macher beauftragt, eine Veranstaltung unter dem Arbeitstitel ‚Fantasie und Fake? – oder: Enzensbergers Sprache des Spiegel‘ zu konzipieren. Herr Enzensberger hat uns dankenswerter Weise die Rechte für eine Lesung aus seinem Werk eingeräumt, ergänzend laden wir Autoren und Medienwissenschaftler ein.“

Veröffentlichungen u.a.:

https://www.turi2.de/aktuell/spiegel-wiederspricht-befangenheit-bei-atomkraft-berichterstattung/

https://www.ausgestrahlt.de/blog/2020/01/09/atompropaganda-nein-danke/

https://bildblog.de/

https://www.sueddeutsche.de/medien/gates-stiftung-und-spiegel-der-spiegel-widerspricht-vorwuerfen-zur-gates-stiftung-1.4753782

Debatte auf Twitter:

https://twitter.com/EvaStegen/status/1214934477501292544

 


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