Tempelhofer Feld unter dem Brennglas

Filmstill aus "Field Trip"
Bild: Emma Rosa Simon

Wohin entwickelt sich der Dokumentarfilm in digitalen Zeiten? Mit ihrem „interactive living documentary“ „Field Trip“ hat die Berliner Regisseurin Eva Stotz eine mögliche Antwort gegeben und ein neues dokumentarisches Format entwickelt. In einer Langzeitbeobachtung, zu der auch das Publikum beitragen kann, beobachtet sie die Veränderungen auf dem Tempelhofer Feld und sammelt Geschichten von Anwohner*innen, Besucher*innen und Akteur*innen.

Eva Stotz
Foto: Andres Castoldi

Eva Stotz interessiert sich für „aufgeladene Orte“, Orte an denen, wie unter einem Brennglas, Geschichten und Geschichte zutage treten. So war sie zum Beispiel 2010 in den Istanbuler Gezi-Park gegangen, um dort die Kultur des Widerstandes zu dokumentieren. Aber auch das Tempelhofer Feld in Berlin ist für sie solch ein aufgeladener Platz. Bereits 2004 hatte Stotz dort Anwohner*innen des damals noch aktiven Flughafens interviewt. Seit drei Jahren ist Stotz zurück in Tempelhof und verarbeitet dort Geschichten um das Tempelhofer Feld zu einer interaktiven, partizipativen Webdokumentation. Unterstützt wird sie dabei vom Interaktivitätsproduzenten Frederic Dubois, dem Creative Technologist Joscha Jäger und der Producerin Svenja Klüh. „Field Trip“ steht dem Publikum kostenfrei auf einem Server des Tagesspiegel zur Verfügung: https://fieldtrip.tagesspiegel.de/.

Nach einem eingängigen Intro erscheint das Tempelhofer Feld in der Webdoku in Vogelperspektive. Darauf verteilt sind kleine Symbole, die man anklicken kann. Es starten dann kurze Filme, die Menschen porträtieren, deren Geschichte mit dem Feld verbunden ist. Aus den Filmen kann der Nutzer in andere Geschichten umsteigen, die thematisch verbunden sind. So wird Field Trip zu einer immer neuen individuellen Erkundung des Geländes.

Bemerkenswert an der Produktion sind gleich mehrere Aspekte. Das Werk läuft unter einer sogenannten Creative Commons (CC)-Lizenz. Diese erlaubt die Kopie, die Verarbeitung und anderweitige Nutzung von Teilen des Materials. Ausnahmen sind die dokumentarischen, zugekauften Quellen. „Das hieß für uns, dass wir das Material je nach Nutzungsmöglichkeit zum Download freigeben oder blocken“, erklärt Eva Stotz.

Dann ist Field Trip als partizipatives Projekt angelegt. Nutzer*innen können eigene Beiträge in die Produktion einspeisen. Dazu wurde eine Telefonzelle auf dem Feld, die mittlerweile als kleine Bibliothek fungierte, wieder für Anrufe eingerichtet. Besucher*innen des Tempelhofer Feldes rufen darin eine Nummer an und erzählen ihre Geschichte(n). Die werden dann vom Team kuratiert, geschnitten, in Medienformate verwandelt und in Field Trip hochgeladen. „So kann man die Geschichte des Feldes aktiv weitererzählen“, sagt Stotz.


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Interessant ist auch die Medienpartnerschaft mit dem Tagesspiegel. Der hostet Field Trip auf einem schnellen Server, gab einen kleinen Geldbetrag zur Produktion und professionelles Feedback. „Die haben halt journalistisch noch einmal eine andere Präzision“, lobt Eva Stotz die Kolleg*innen beim Verlag. Auch bei der Verbreitung des Projekts half die Partnerschaft. Öffentlichkeitswirksam wurde Field Trip am 12. Mai, dem 70-jährigen Jubiläum des Endes der Luftbrücke, in der gedruckten Sonntagsausgabe platziert. Die Zeitung widmete Field Trip den Titel, eine Doppelseite und Porträts von sechs der Protagonist*innen. „Das war natürlich toll“, freut sich Stotz.

Zudem begleitete der Tagesspiegel Field Trip mit Podcasts und die IT-Expert*innen des Verlages unterstützten Creative Technologist Joscha Jäger beim Testen, insbesondere der mobilen Version. „Speziell die Anpassung an die zahlreichen verschiedenen Nutzungsgeräte und Betriebssysteme – an iPhones, Androids, Tablets etc. – war unglaublich aufwändig“, erinnert sich die Berlinerin Stotz zurück.

Mit dem kostenfreien Zugang zu Field Trip ist weder eine konventionelle Kinoauswertung noch der Ankauf durch einen Sender oder Streamingdienst wahrscheinlich. Letzterem stünde auch die interaktive Nutzungsweise entgegen, die im normalen Sendebetrieb kaum abzubilden wäre. „Man könnte natürlich die einzelnen Episoden in einer linearen Form zur Ausstrahlung bringen“, hält Eva Stotz dem entgegen. Auch gab es bereits interaktive Experimente beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen („About Kate“ im ZDF) und bei Streamingdiensten („Black Mirror“ bei Netflix.)

Trotzdem: Wie lässt sich solch ein ungewöhnliches Projekt abseits der herkömmlichen Produktions- und Verwertungsgesetze finanzieren und auswerten? „Das Projekt saß, wie es Pionierprojekte oft tun, zwischen allen Stühlen und für die klassische Filmförderung disqualifizierte uns der der Creative Commons-Ansatz“, bestätigt Eva Stotz.

Immerhin hat das Team etwa 80.000 Euro an Fördermitteln einwerben können. Eine Anschubfinanzierung von etwa 37.000 Euro kam vom Medieninnovationszentrum (MIZ) in Babelsberg. Dort interessierte man sich vor allem für „FrameTrail“, die dem Projekt zugrundeliegende Software, die vom Team selbst entwickelt worden war.

Eine journalistische Förderung bekam das Team von der Rudolf-Augstein-Stiftung. Über eine Crowdfunding-Kampagne auf der Plattform „Startnext“ sammelten die Berliner*innen noch einmal 16.000 Euro ein. Für zukünftige Projekte wünscht sich Eva Stotz aber verlässliche und nachhaltige Finanzierungsmodelle, auch von öffentlichen Stellen.

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