Über „Thesen-Journalismus“ und „Kampfaufträge“

Wie Springer-Journalisten bei ihren Recherchen zum gewünschten Ergebnis kommen und ein grüner Spitzenmann die Medien der Unwahrheit bezichtigt – mit dem Mittel der Lüge

Bei der Springer-Tageszeitung „Die Welt“ sind die Rechtsausleger offenbar einer neuen nachrichtlichen Arbeitsform verfallen, die redaktionsintern vornehm als „Thesenjournalismus“ bezeichnet wird. „Zuerst wird das Recherche-Ergebnis festgelegt, das nennt man ,These‘.

Dann schwärmt man aus und sammelt alles ein, was das gewünschte Ergebnis bestätigt“, offenbarte ein Mann von „Welt“ gegenüber der konkurrierenden FAZ. So sei der „Thesenjournalismus“ beispielsweise praktiziert worden, um die Steuerreform der rot-grünen Bundesregierung als Fehlschlag darzustellen oder der SPD-Bundespartei wegen ihrer umfänglichen Unternehmensbeteiligungen einen veritablen Finanzskandal anzudichten.

Freilich führt diese eigenwillige journalistische Arbeitsform bei den rechten Hardlinern nicht immer zum gewünschten Erfolg. laut FAZ hatte es bei der „Welt“ den „Kampfauftrag“ gegeben, über die Kritik des Vorsitzenden des Zentralrats der Juden, Paul Spiegel, an der von führenden Unionspolitikern propagierten „Leitkultur“ in dem Springer-Blatt einen Aufschrei der Empörung zu inszenieren. Freilich habe sich nach der Berliner Großdemonstration am 9. November vergangenen Jahres kein führender Unionspolitiker bereit gefunden, in offenen Widerspruch zu Spiegel zu treten. Daraufhin sei der längst beschlossene Hintergrundbericht zu der angeblichen Unions-Kritik an Spiegel von den Springer-Rechercheuren mit der Feststellung belegt worden, auch CSU-Chef Edmund Stoiber beiße sich „auf die Zunge“. Thesenjournalismus dieser Art, so schreibt der kluge Kopf in der FAZ, erscheine den redaktionsinternen Kritikern bei der „Welt“ als „pure journalistische Kriegsführung“. Wie heißt ein altes Redaktions-Bonmot: Ich lasse mir meine Geschichte doch nicht durch eine Recherche kaputt machen.

Der grüne Staatsminister Ludger Volmer gehört zu jener journalistischen Spezies, die Journalisten gerne der Unwahrheit bezichtigen – und dabei selbst ungeniert zur Lüge greifen. Als im Bundestag die militante Vergangenheit von Joschka Fischer zur Sprache kam und die Opposition wissen wollte, warum der Außenminister in einem „Spiegel“-Gespräch Anfang dieses Jahres seine Teilnahme an einer Palästina-Konferenz verschwiegen habe, antwortete Volmer für die Bundesregierung: „Sie wissen doch, wie ,Spiegel‘-Gespräche verlaufen. Da zählt manchmal auch die Unterhaltsamkeit“. Außerdem sei ja bekannt, „dass man dort nicht die Möglichkeit hat, den ,Spiegel‘-Redakteuren die eigene Lebensgeschichte zu erzählen, sondern dass der ,Spiegel‘ das Gesagte anschließend unter den Aspekten des Wahrheitsgehalts, aber auch der griffigen und prägnanten Formulierung zusammenfasst“. Bewusst verschwieg Vollmer, dass der „Spiegel“ jedes Interview von seinem Gesprächspartner überarbeiten und autorisieren lässt – auch im Falle Fischer. Drei Wochen später musste Volmer vor dem Bundestag kleinlaut einräumen: „Das Interview wurde nach Rücksprache mit dem Bundesminister durch den Sprecher des Auswärtigen Amtes freigegeben.“

Volmer ist ein Wiederholungstäter. Den umstrittenen WDR-Film „Es begann mit einer Lüge“ über die Hintergründe des NATO-Luftkrieges bezeichnete der grüne Staatsminister vor seiner Bundestagsfraktion schlankweg als „ein ziemlich unerträgliches Konglomerat aus Halbwahrheiten, Verdrehungen und Verschwörungstheorien“. Der Film hatte insbesondere an der grünen Basis für erhebliche Aufregung gesorgt. Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping und Außenminister Fischer war darin anhand zahlreicher Belege vorgeworfen worden, die Kosovo-Luftschläge der NATO gegenüber der Öffentlichkeit mit einem Konstrukt aus lauter Lügen begründet zu haben. Die ARD-Intendanten, so ließ Volmer die besorgten Abgeordneten der Grünen wissen, hätten den WDR-Film bereits einen Tag nach seiner Ausstrahlung „einstimmig beanstandet“. Eine glatte Lüge. Die ARD-Intendanten hatten sich zu diesem Zeitpunkt mit dem WDR-Film, der offenbar etliche handwerkliche Mängel aufweist, überhaupt nicht befasst. Der umstrittene Streifen war lediglich Thema auf einer routinemäßigen Schaltkonferenz der Chefredakteure gewesen. – Die größten Kritiker der Elche sind am Ende selber welche.

Um die kritische Öffentlichkeit hierzulande sorgt sich der linke SPD-Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer. Inzwischen nähmen die Medien „jedes Wehwehchen im Gerangel um Spitzenpositionen“ wichtiger als „Konzeptionskämpfe zu happigsten gesellschaftlichen Konflikten“. Medien und Politik förderten autoritäres Denken, Demokratie sei nur noch Maske, der Bundestag werde auf eine Behörde reduziert, der Abgeordnete sei bloßer Befehlsempfänger – lauten Scheeres Thesen zur Demokratieverdrossenheit.

Schuld daran haben nach dem Befund des Sozialdemokraten nicht zuletzt die Medien, die sich zunehmend von Politikern und Parteien instrumentalisieren ließen und deren Sprachregelungen unkritisch übernähmen. „Für exklusive Runden, zu denen Journalisten von Ministern und Parteiführern geladen worden, hört man neuerdings immer häufiger den Begriff ,Briefing'“, schreibt Scheer in einem Gastbeitrag für die „taz“, der Kern des englischen Wortes kommt von kurz, wie Verkürzung. In militärischen Organisationen und Konzernen bedeutet es eine Unterweisung, wie ein Problem zu sehen und zu gewichten sei und was nun zu geschehen habe. Eine ziemlich prägnante Beschreibung für sogenannte Hintergrundgespräche von Politikern mit Journalisten.

Der millionenschwere Poker um die Übertragungsrechte für die kommenden Fußball-Weltmeisterschaften ist ein gigantisches Täuschungsmanöver der Gebührenzahler durch Politiker und Medien. „Es ist alles gelogen“, urteilte der profunde Medienkritiker Klaus Ott in der „Süddeutschen Zeitung“. Für Ott ist die Drohkulisse, der Fußball könne in Kirchs teurem Abo-Fernsehen verschwinden, nur aufgebaut worden, „um die Rekordpreise für die Übertragungen zu rechtfertigen“. Rund 250 Millionen Mark sollen ARD und ZDF aus ihrem Gebührentopf für 25 Spiele der Fußball-WM 2002 an den Münchner Medien-Mogul überweisen, vier Jahre später sollen sie sogar 500 Millionen Mark für ebenfalls 25 Partien des WM-Spektakels in Deutschland zahlen. „Das ist eine Verschwendung von öffentlichen Geldern und eine Subvention von Kirch, der wieder einmal finanzielle Sorgen hat und nun von der Politik gestützt wird“, kritisiert Ott. „Auf dem freien Markt, beim privaten Fernsehen, wären diese Summen niemals zu erzielen, auch Kirchs eigener Sender könnte und würde das nicht zahlen.“ Wohin Machtworte des Medienkanzlers führenÉ

Was Verleger und Chefredakteure von Sportredakteuren wirklich erwarten, offenbart eine aktuelle Stellenanzeige der Münchner Abendzeitung: „Sie wissen, was Stefan Effenberg nachts im P1 macht? Sie kennen den Friseur von Werner Lorant?“ – Es lebe der Sport!

 

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