Verkummerung des Journalismus

Die gefälschten Interviews im „SZ-Magazin“ und ihre Folgen für die Glaubwürdigkeit der Medien

Fälschung ist offenbar nicht gleich Fälschung. Während „Lügen wie gedruckt“ bestraft wird, scheinen für das Fernsehen andere Regeln zu gelten. Als die RTL-Sendung „stern tv“ vor einigen Jahren zugeben musste, dass die Beiträge des Mitarbeiters Michael Born erstunken und erlogen waren, passierte nichts. Günther Jauch, als Moderator keineswegs bloß ein Ansager, kam mit der Ausrede davon, die Filme nie am Schneidetisch überprüft zu haben; nicht einmal sein Image nahm Schaden.

Ulf Poschardt und Christian Kämmerling traf es härter. Die beiden Chefredakteure des „Magazins“ der „Süddeutschen Zeitung“ wurden fristlos entlassen: Ihr langjähriger Mitarbeiter Tom Kummer, so hatte der „Focus“ aufgedeckt, hatte sie und die Leser nach Strich und Faden betrogen; seine teilweise fast schon philosophischen Interviews mit Hollywood-Stars wie Brad Pitt und Sharon Stone unterschieden sich zwar deutlich von den sonstigen Worthülsen der Top-Schauspieler, waren jedoch so falsch wie der Busen von Pamela Anderson.

Medienforscher wie Horst Röper, Geschäftsführer des Dortmunder Formatt-Instituts, sind angesichts der entstandenen Mediendebatte gar nicht mal sonderlich betrübt über Kummers Fälschungen. Röper fordert schon seit Jahren eine Pressekritik. Für ihn ist die zunehmende gegenseitige Kritik zwischen verschiedenen Presseorganen außerdem ein Beleg dafür, wie sehr die Bedeutung des Ressorts „Medien“ in den letzten Jahren zugenommen habe: Es gebe mehr Medienfachjournalisten und daher auch eine kritischere Berichterstattung. Davon abgesehen aber hält Röper den Medienjournalismus in Zeitungen und Zeitschriften für die kontrollierteste Spielart von Journalismus schlechthin: „Die Verleger offenbaren nun mal eine hohe Sensibilität, wenn ihre eigenen Interessen berührt werden.“

„Entgrenzung“

Auch Siegfried Weischenberg begrüßt die derzeitige Debatte. Der „Fall Kummer“ allerdings hat ihn kaum überrascht, denn er hat etwas derartiges kommen sehen. Der Kommunikationswissenschaftler hatte schon in den achtziger Jahren beim so genannten Zeitgeist-Journalismus von Zeitschriften wie „Tempo“ und „Wiener“ ein ungu-tes Gefühl: „Weil damals für einen guten Gag gern die Präzision geopfert wurde“. Dass Tom Kummer, der auch die „FAZ“, das „Zeit-Magazin“ und „Die Woche“ beliefert hat, aus dem „Tempo“-Umfeld stammt, ist für Weischenberg daher kein Zufall. Auch der Publizistik-Dozent (Universität Münster) gesteht, die derzeitige Debatte „nicht ohne Freude“ zu verfolgen. Vor einigen Jahren hat er in einem Buch vor der „Schreinemakerisierung der Medienwelt“ gewarnt („Neues vom Tage“, Rasch und Röhring, Hamburg 1997); Diskussionen wie jene über die angeblichen Hitler-Tagebücher, die Fernsehfälschungen von Michael Born oder eben den „missverstandenen Konstruktivismus“ von Kummer trügen zur „Selbstvergewisserung des Journalismus bei“.

Die scheint auch bitter notwendig. Seit geraumer Zeit weisen Wissenschaftler warnend darauf hin, dass journalistische Grenzen immer unbekümmerter überschritten werden. Im Fall Kummer ist es die Grenze zwischen Fakten und Fiktion. Im Fall Niemetz ist es die Grenze zwischen Journalismus und Public Relations. Dem Moderator des ZDF-„heute journals“ war im April vorgeworfen worden, einer vom ZDF nicht genehmigten Nebentätigkeit als Mitarbeiter einer PR-Agentur nachzugehen. Im Gegensatz zum griffigen Begriff des „Borderline-Journalismus“ spricht Weischenberg von „Entgrenzung“. Mit Borderline-Journalismus hatte die Chefredaktion des „SZ-Magazins“ gern ihre Gratwanderungen bezeichnet. Die preisgekrönte Beilage der „Süddeutschen Zeitung“ war einerseits durch witzige Fotomontagen aufgefallen, hatte andererseits aber erst kürzlich Prinz Ernst August von Hannover eine Erbkrankheit unterstellt, die Ursache für seine Schlagzeilen trächtigen Wutanfälle sei; prompt verklagte der Prinz das Magazin. Weil die Zeitschrift generell einen überaus spielerischen Umgang mit Grenzen pflegt, lässt die Branche natürlich auch wenig Nachsicht walten. Natürlich, so Weischenberg, könne man die Einfälle des „SZ-Magazins“ im Einzelfall witzig finden. „Die Frage ist aber, wie weit man das ausreizen darf, wie sehr man mit den Wirklichkeitsvorstellungen des Publikums spielen darf und ob man Leute wie Tom Kummer mit solch einer Haltung nicht erst verführt“. Tatsächlich haben die bisherigen Äußerungen Kummers deutlich gemacht, dass er sich – ähnlich wie Tagebuchfälscher Konrad Kujau – eher als „Konzeptkünstler“ und nicht als Journalist versteht; wenn überhaupt, dann gilt sein Bedauern den beiden entlassenen Chefredakteuren des „SZ-Magazins“.

„Schonungslose Selbstanklage“

Respekt hat die Konkurrenz allerdings vor der offensiven Art, wie der Süddeutsche Verlag mit dem Skandal umgegangen sei. Die „SZ“ hatte in ihrer Samstagausgabe auf zwei Seiten den „Fall Kummer“ detailliert aufgearbeitet. Diese Vorgehensweise erinnert an den Fall der „Washington Post“-Mitarbeiterin Janet Cook, die vor einigen Jahren ihren Pulitzer-Preis zurückgeben musste, weil die der Auszeichnung zu Grunde liegende Reportage von vorn bis hinten erfunden war. Auch die „Post“ hatte damals auf mehreren Seiten die Hintergründe dargelegt. Allein dieser schonungslosen Selbstanklage verdankte es die renommierte Zeitung, die in den siebziger Jahren durch die Aufdeckung des Watergate-Skandals weltweit bekannt wurde, dass sie den Skandal weit gehend unbeschadet überstanden hat.

Auch die „Süddeutsche Zeitung“ war aus zwei Gründen gut beraten, in eigener Sache ähnlich bedingungslos zu recherchieren. Zum einen hätte das Blatt für lange Zeit seine Glaubwürdigkeit verspielt, wenn in der Öffentlichkeit der Eindruck zurückgeblieben wäre, man sehe über den Balken im eigenen Auge großzügig hinweg; schließlich hatte sich die „SZ“ erst wenige Monate zuvor durch diverse Aufdeckungen im Zusammenhang mit der CDU-Spendenaffäre profiliert. Davon abgesehen hat sich die „Süddeutsche Zeitung“ durch ihre Vorgehensweise möglicherweise eine Rüge des Deutschen Presserates erspart. Diese Einrichtung, getragen von den deutschen Zeitungs- und Zeitschriftenverlegern sowie den beiden Journalistengewerkschaften, überwacht die Einhaltung des Pressekodex. Auch Manfred Protze, Vorsitzender des Beschwerdeausschusses beim Presserat, lobt die „SZ“ für den „ungewöhnlichen Schritt“ der internen Revision; normalerweise gehorchten solche Presseorgane der Regel „Kritisiere alle, nur nicht dich selbst“. Noch heute, so Protze, sehe sich der „stern“ bei der Affäre um die gefälschten Hitler-Tagebücher doch vor allem in der Opferrolle. Trotzdem muss es sich die „Süddeutsche“ gefallen lassen, in einem Atemzug mit einer Zeitschrift wie „Coupé“ genannt zu werden. Das Kolportageblättchen, laut Protze „ein Skandalfall im deutschen Pressewesen“, verstoße immer wieder „gegen die Regeln von Sorgfalt und Wahrhaftigkeit“: mit erfundenen Geschichten, erfundenen Experten und gefälschten Fotos.

Natürlich kann man zu Recht einwenden, dass zwischen einer seriösen Tageszeitung wie der „Süddeutschen“ und einem Schmuddelblatt wie „Coupé“ Welten liegen. Doch für Protze, der auch stellvertretender Bundesvorsitzender der Fachgruppe Journalismus in der IG Medien ist, geht es ums Prinzip; schließlich würden die Regeln des Pressekodex für sämtliche Erzeugnisse gelten, die auch das Recht der Presse in Anspruch nehmen wollten: „Alle Informationen müssen mit der gebotenen Sorgfalt geprüft werden.“ Der Deutsche Presserat wurde 1956 gegründet, um Missstände im Pressewesen zu beseitigen. Von sich aus kann er nicht tätig werden (Protze: „Wir sind doch keine Überwachungsbehörde“), doch eine Beschwerde einreichen kann jeder. Im Fall des „Magazins“ der „SZ“ ist das allerdings nicht geschehen; es scheint, als sei die „Süddeutsche Zeitung“ dank ihrer Aufklärung in eigener Sache noch mal davongekommen. Mit der Dokumentation des Vorfalls und der Entlassung der beiden Chefredakteure hält man beim Süddeutschen Verlag den Handlungsbedarf allerdings auch für erfüllt. Das „Magazin“ wird laut Verlagssprecher Sönke Graumann weiterhin in gewohnter Form erscheinen; auch die Pläne, es als eigenständige Zeitschrift an den Kiosk zu bringen, seien durch die Diskussion um die Fälschungen nicht vom Tisch.

Offen ist nur noch die Frage, warum Poschardt und Kämmerling den „Fall Kummer“ nicht schon 1999 öffentlich gemacht haben, um dem derzeitigen Kesseltreiben zuvorzukommen. Zumindest der Schatten eines Zweifels bleibt auch an der „SZ“-Verlagsleitung haften. Angeblich hat sie erst aus dem Nachrichtenmagazin „Focus“ von den Fälschungen erfahren; dann wäre sie aus dem Schneider. Sollte irgendwann herauskommen, dass Poschardt und Kämmerling die Verlagsleitung schon 1999 informiert haben, hätte der Süddeutsche Verlag ein Problem, dass sich mit Entlassungen nicht mehr bereinigen lassen würde.


  • Tilmann P. Gangloff, Diplom-Journalist, lebt und arbeitet als freier Medienfachjournalist in Allensbach am Bodensee.
  • Nach Redaktionsschluss: Neue gleichberechtigte Chefredakteure des „SZ-Magazins“: Rudolf Spindler (vorher Leiter der Jugendbeilage „jetzt“) und die bisherigen „Magazin“-Redakteure Jan Weiler und Dominik Wichmann.
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