Vom Papier zum Netz

Interview mit Joachim Braun, Chefredakteur Nordbayerischer Kurier (Bayreuth), über den Weg zu einem „24-Stunden-Redaktionsschluss”

Die Lokal- und Regionalzeitungen sind ebenso wie die nationalen Blätter von Auflagenrückgang und Anzeigenschwund betroffen. Ist die Lokalzeitung ein Auslaufmodell? Was muss sie tun, um sich auch künftig am Markt zu behaupten?

Joachim Braun | Ein Auslaufmodell ist die Lokalzeitung, wenn man sie nur auf Papier betrachtet. Aber sie ist sicher nicht als journalistisches Modell ein Auslaufmodell. Zeitung ist ja nicht an den Träger Papier gebunden. Das Entscheidende ist, dass die Redaktionen den Wandel hinbekommen, von einem einmal am Tag erscheinenden Medium zu einem 24-Stunden-Redaktionsschluss, den die digitalen Kanäle einfach erfordern.

Sie sagen, eine Zeitung muss Emotionen erzeugen. Was meinen Sie damit?

Bindung gibt es ja nur, wenn man Emotionen hat, indem man die Zeitung entweder mag oder nicht, man ärgert sich, oder man ärgert sich nicht. Wenn einen etwas gleichgültig lässt, dann hat es keine Bedeutung, und deswegen brauchen wir Emotionen und deswegen müssen wir uns von einer kühlen Art der Berichterstattung verabschieden, wie sie viele Jahrzehnte Usus war.

Viele Redaktionen stöhnen über die Zwänge der klassischen Chronistenpflicht, die Vereins- und Stadtratsberichterstattung. Gibt es einen Ausweg aus diesem Dilemma?

Wir als Nordbayerischer Kurier haben nicht mehr den Anspruch, über alles zu berichten, was passiert, sondern wir wollen über die wichtigen Dinge berichten. Wobei es natürlich immer Streit darüber geben kann, was ist wichtig und was nicht. Aber darum haben wir die Vereinsberichterstattung, die immer nur ganz wenige Menschen betrifft, in ein relativ einfach gemachtes wöchentlich erscheinendes, der Zeitung beigelegtes Magazin gepackt. Auf diese Weise schaffen wir Platz in der Zeitung und auch personelle Ressourcen, um uns um die Geschichten – auch Vereinsgeschichten – zu kümmern, die die Menschen wirklich berühren. Womit wir wieder bei den Emotionen sind, die es anzusprechen gilt.

Noch zum Ende des letzten Jahrtausends war die Zeitung in erster Linie das Printprodukt. Mittlerweile gibt es Online-Ausgaben, es werden mobile Anwendungen produziert und soziale Netzwerke bedient. Sind die Lokaljournalisten eigentlich auf diese Aufgaben vorbereitet?

Nein, das sind sie sicher nicht. Und es fällt auch vielen sehr schwer, in diesen neuen Arbeitsrhythmus rein zu kommen und die neuen Kanäle mitzudenken. Interessant ist dabei, dass sie es vielfach privat tun, aber in der Arbeit nichts damit zu tun haben wollen. Das heißt, die Leser und User sind eigentlich schon viel weiter als die Journalisten. Diese Kluft müssen wir überwinden und die Leute entsprechend schulen und versuchen, diesen Wandel in den Köpfen hinzukriegen.

Ist es eigentlich erstrebenswert, jeden Journalisten zum Allrounder zu machen? Früher gab es die Spezialisten, herrschte inhaltliche Arbeitsteilung in den Redaktionen.

Es stimmt, dass bei der Ausbildung in vielen Zeitungsverlagen in den letzten 20, 30 Jahren Defizite aufgetreten sind, gerade was das Handwerkliche betrifft. Was sicherlich auch damit zu tun hat, dass das Zeitungverkaufen früher wie geschnitten Brot funktioniert hat. Das hat sich nun geändert, und die Qualitätsansprüche sind erheblich höher geworden. Dem müssen wir natürlich Rechnung tragen und die Leute weiterbilden. Es ist schon erstrebenswert, dass jeder sich mit allen Kanälen auskennt, weiß, wie sie funktionieren. Wenn Sie mal 20 Jahre zurück denken oder 25 Jahre, als der Wandel von der Schreibmaschine zum Computer erfolgt ist, da war es auch undenkbar, dass ein Teil der Leute weiter mit Schreibmaschine schreibt. Auch jetzt müssen sich die Journalisten den neuen Kommunikationsbedingungen anpassen, da gibt es keine Ausreden.

Wie organisieren Sie beim Nordbayerischen Kurier den Austausch mit den Lesern?

Wir nutzen soziale Netzwerke, vor allem Facebook, als Chance in der Kommunikation mit den Lesern. Das ist für uns jetzt weniger ein Werbemedium für unsere Artikel auf der Online-Seite, das ist es zum Teil natürlich auch. Aber viel wichtiger ist uns, dass die Leser die Kommentarfunktion nutzen in Facebook und wir mit ihnen in unmittelbare Kommunikation treten. Auf diese Weise generieren wir nicht nur Geschichten, sondern wir bekommen auch sehr viel von der Stimmung der User mit. Natürlich müssen wir das auch immer intern filtern, weil ja der Facebook-Nutzer nicht unbedingt den Bayreuther schlechthin repräsentiert.

Sie nutzen auch neue Tools – Scribble Live – was ist das, und wie setzen Sie das ein?

Scribble Live ist ein in Kanada entwickeltes Live-Blogging-Tool, das größere Zeitungen und auch größere Unternehmen wie die Telekom schon seit längerem benutzen. Es gibt Reportern die Möglichkeit, ohne großen Aufwand Posts abzusetzen und einen Live-Blog, einen Live-Ticker zu erstellen. Verschiedene Leute können zuliefern zu einem solchen Live-Blog. Man hat den Vorteil, dass es auf der eigenen Webseite läuft, man kann es vom Design her an die eigene Webseite anpassen, es ist sehr flexibel, und man kann ohne großen Aufwand Tweets oder Facebook-Posts, also die sozialen Netzwerke mit einbinden. Auf diese Weise bekommt man eine Geschichte, die sich aus vielen Quellen speist. Wir werden das zum Beispiel bei den kommenden Kommunalwahlen nutzen, als großes Tool auf unserer Online-Seite. So können wir die Leser schnell und unkompliziert darüber informieren, wie die Ergebnisse in welchem Wahllokal gelaufen sind. Neulich haben wir Scribble Live bei den Haushaltsberatungen des Stadtrats genutzt. Dieser Artikel war, obwohl wir vorher nichts angekündigt hatten, der mit Abstand am meisten geklickte an jenem Tag.

Neue Wege wollen Sie auch am Beispiel des Falls Gustl Mollath gehen. Was haben Sie da vor?

In Sachen Gustl Mollath wollen wir eine neue Art von Storytelling ausprobieren, eine Art Blog, der so ähnlich funktioniert wie das Multimediaprojekt „Snowfall” der New York Times, die damit vor einem Jahr Furore gemacht hat (www.nytimes.com/projects/2012/snow-fall d.R.). Wir sind natürlich nicht die New York Times. Was wir machen werden, ist alles ein bisschen provinzieller. Aber es ist eine wunderbare Möglichkeit, um die ja doch sehr bekannte und sehr umstrittene Geschichte Gustl Mollath, zu der wir als Bayreuther natürlich einen besonderen Bezug haben, mal anders zu erzählen, nämlich multimedial.

Wie gehen Sie mit altgedienten Redakteuren um, die Schwierigkeiten haben, sich an die veränderten Anforderungen zu gewöhnen?

Ich glaube nicht, dass man es irgendjemand vorwerfen kann, wenn er mit neuen Medien nicht sofort klar kommt. Aber mich ärgert, wenn jemand nicht bereit ist, sich mit neuen Medien auseinander zu setzen, aus Gründen der Bequemlichkeit zum Beispiel. Wir versuchen, die Leute weiterhin zu überzeugen, auch durch unser persönliches Beispiel. Sie müssen begreifen, dass es hier eigentlich immer um ihren Arbeitsplatz geht, um ihre Zukunft. Wenn alles nicht klappt und auch Ausbildungs- und Weiterbildungsmaßnahmen nicht fruchten, dann muss man halt einfach überlegen oder den Kollegen fragen, ob diese Arbeit, dieser Job wirklich der richtige für ihn ist.

Vor zwei, drei Jahren kam ein neuer Begriff auf – Hyperlokalismus. Damit werden lokale Blogs bezeichnet, die teilweise an einigen Orten mit Erfolg versuchten, Defizite der Lokalberichterstattung in den Monopolverlagen auszugleichen. War das ein kurzfristiger Hype oder ist das nach wie vor relevant?

Nein, ich glaube, das wird auch auf Dauer ein Geschäftsmodell sein, aber natürlich immer nur ein Nischen-Geschäftsmodell. Denn die Einnahmen sind relativ gering und können nur relativ wenige Leute ernähren. Aber ich denke, für professionelle Journalisten, die sich da auch entsprechend engagieren, kann das schon ein Geschäftsmodell sein.
Wir werden in den nächsten Jahren bestimmt auch Regionen haben, wo es keine Zeitungen mehr gibt. Und dann ist das natürlich eine Perspektive. Lokaljournalismus sollte ja auch aus demokratietechnischen Gründen unbedingt erhalten bleiben.

Das Interview führte Günter Herkel

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